Leise Klarinettentöne kündeten den Schauspieler an. Dann war er da, in schwarzen Hosen, schwarzem Gilet, kragenlosem weissem Hemd, einer roten Rose im Pochettli und begann, das hohe Lied auf das «Rössli» zu singen. Der begnadete Selbstunterhalter besang sechs Wirtegenerationen und eine Zeit, als diese Liegenschaft fast alleine dastand, die Naturstrassen voller Staub waren und das Pferd, das Ross, das Fortbewegungsmittel schlechthin war.

Es waren nicht nur das verbriefte Tavernenrecht von 1754, der Handwechsel an Urs Joseph Victor und Agath Hürzeler im Jahre 1825, sowie die Übergabe der Wirtschaft von einer Generation zur anderen, die die Zuhörer fesselten. Es waren nicht nur die Mimik, die hohen und die tiefen Stimmen und zeitweise ein anderer Dialekt, die sie in den Bann zogen. Es waren auch die vergangene Zeiten, die wie ein Film vor ihnen abliefen. Realitätsnah schilderte der Sänger, wie in diesem Saal mit den knarrenden Holzdielen und den farbigen verzierten Holzbalken eine Generation der anderen die Liegenschaft übergab, wie das Glöckchen der Dorf abwärts gelegenen Kapelle bimmelte, oft zum Abschied, oft zum Neubeginn.

Die Jahre kamen und gingen. Auf Friede folgte Krieg und auf Krieg wieder Friede. Die Österreicher waren da, zweimal die Franzosen, der Kanton Fricktal wurde ausgerufen um nach einem Jahr mit dem Aargau zu verschmelzen. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg waren die Schweizer Grenztruppen vor Ort. Ob Freund oder Feind, alle zog es hierhin. Sie tranken, assen und erzählten.

Armut und Hungersnöte knebelten das Land. Die bisher Schweinen verfutterte Kartoffel wurde als Gericht für die Menschen entdeckt. Viele zogen weg, versuchten ihr Glück in Amerika. Die von dort eingeschleppte Reblaus vernichtete die stolzen Rebberge des Dorfes. Auch für die Wirte dürfte es nicht immer einfach gewesen sein, obwohl sie mit Landwirtschaft, Taverne und Handel breit abgestützt waren. Initiative war gefragt.

Einer der Hürzelers zog mit Schweinen durchs Land, kaufte und verkaufte sie. Seine massive lederne Geldkatze, ein Geldgürtel, zeugt noch heute im Saal von seinen Geschäften. Noch etwas erinnert hier an früher. Hinter Gittern gut geschützt steht ein Krug. Dieser wurde bei einem Umbau im Gemäuer gefunden. 200 Jahre, so der Schauspieler, sei dieser mit Geld gefüllte Tresor verborgen gewesen und stamme aus einer Zeit, als die Bauern den Zehnten abgeben mussten.

Mit seiner Klarinette kündete der Schauspieler neue Epochen an. Petroleumlampen und Webstühle kamen ins Land, Geschäfte und Handelunternehmen entstanden, Stromleitungen wurden gezogen, das erste Wandtelefon kam ins Haus. «Damals ging man ins Rössli, um zu telefonieren» meinte er und wies auf die nächste Errungenschaft hin, die Wasserleitung. Die Hürzeler-Töchter mussten das Wasser nicht mehr am Brunnen holen, denn fortan plätscherte dieses munter in der Küche. Der Speiseplan wurde reichhaltiger.

Mit einem letzten Klarinettenspiel beendete Kaspar Lüscher seinen Auftritt. Mit einem lang anhaltenden Applaus und Bravo!-Rufen bedankten sich äusserst zufriedene Zuhörer.