Stein
Geschäften in Grenznähe: «Wir erleben Hochs und Tiefs»

Ein Geschäft in Grenznähe zu führen, ist eine Herausforderung. Fünf Beispiele zeigen auf, wie man dem Einkaufstourismus trotzt.

Fabrice Müller
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«Sicher ist es in letzter Zeit nicht einfacher geworden. Doch wir haben auch viele Stammkunden, die uns die Treue halten.» Rosmarie Heid, Modeboutiqe «Mikado»

«Sicher ist es in letzter Zeit nicht einfacher geworden. Doch wir haben auch viele Stammkunden, die uns die Treue halten.» Rosmarie Heid, Modeboutiqe «Mikado»

Welche Auswirkungen haben der starke Franken und Einkaufstourismus auf den lokalen Wirtschaftsstandort von Stein? Drei Gewerbebetriebe und zwei Grossverteiler berichten über ihre Erfahrungen mit der Grenznähe.

Seit 40 Jahren betreibt Geri Rösch sein eigenes Radio- und TV-Geschäft in Stein. Vieles hat sich seitdem verändert. Die Unterhaltungselektronik brachte Jahr für Jahr neue Entwicklungen und Innovationen hervor. Auch das Marktumfeld sei nicht mehr wiederzuerkennen, sagt Geri Rösch. «Früher sah ich mich im Dorf mit drei Mitbewerbern konfrontiert. Heute bin ich der einzige Vertreter meiner Branche in Stein.»

Als die grössten Herausforderungen in seinem Betrieb nennt Geri Rösch die starke Dominanz von Discountern und Internetshops. Ausserdem leidet die Branche unter dem starken Preiszerfall und dem damit verbundenen Margenverlust im Unterhaltungselektronikbereich. Diese Entwicklungen seien viel einschneidender als die Grenznähe und der starke Schweizer Franken.

«Manchmal kommen sogar Kunden aus Bad Säckingen zu uns, weil sie drüben kein Fachgeschäft mit dem gleich guten Service finden wie bei uns», sagt Geri Rösch. Um sich gegenüber der Billigkonkurrenz profilieren zu können, legt der Geschäftsinhaber grossen Wert auf einen guten Reparatur- und Kundendienst.

Weniger deutsche Kunden

Auch Rosmarie Heid betreibt ihre Modeboutiqe «Mikado» seit bald 40 Jahren in Stein. Im Gegensatz zu Geri Rösch spüre sie den starken Schweizer Franken und die Grenznähe stärker. «Im Vergleich zu früher haben wir weniger deutsche Kunden, die wegen der Calida-Produkte zu uns kommen.» Auch manche Schweizer Kunden kauften lieber in Deutschland oder im Internet ein. «Wir erleben Hochs und Tiefs. Sicher ist es in letzter Zeit nicht einfacher geworden. Doch wir haben auch viele Stammkunden, die uns die Treue halten», sagt Rosmarie Heid.

Erstaunlicherweise präsentiere sich aber die Situation in Stein besser als in der «Mikado»-Filiale in Möhlin. Dort, so vermutet Rosmarie Heid, spiele die Nähe zu Basel eine grössere Rolle. «Wer in Möhlin wohnt und in Basel arbeitet, kauft oft nach der Arbeit noch schnell in der Stadt ein.» Mittlerweile sind dank der Frankenstärke auch im Textilbereich die Preise gesunken. Viele Textilien sind folglich in der Boutique Mikado heute günstiger als noch vor ein paar Jahren.

Deutsche Handwerker im Raum Aarau

Auch die Handwerker spüren die währungsspezifischen Entwicklungen. So sagt Urs Ankli, Inhaber der Ankli Haustechnik AG in Stein und Vorstandsmitglied des Handwerker- und Gewerbevereins Stein und Umgebung, dass gewisse Kunden die Sanitärartikel in Deutschland einkaufen und durch einen Schweizer Monteur einbauen lassen. «Das Bruchrisiko und die Garantieleistungen entfallen dadurch zulasten des Kunden», sagt Urs Ankli. Ausserdem seien gewisse Produkte vom Schweizer Verband der Sanitärfachleute gar nicht zugelassen. So könne man dieser Tendenz etwas Gegensteuer geben.

Dass deutsche Sanitärbetriebe im Fricktal Arbeiten ausführen, komme auch immer wieder vor. Doch vielmehr beobachten Kollegen aus dem Raum Aarau die Präsenz deutscher Handwerker. «Aufgrund der Grenznähe ist das Preisniveau bei uns im Fricktal tiefer als etwa in Aarau. Deshalb lohnt es sich für die deutschen Betriebe mehr, auf der anderen Seite des Juras tätig zu sein», vermutet Urs Ankli.

Rückgang bei den Detaillisten

Wie beurteilen die beiden Grossverteiler Migros und Coop die Situation in Stein? «Mit unserer Verkaufsstelle in Stein sind wir zufrieden. Wir haben hier eine grosse Anzahl treuer Kundinnen und Kunden, die das Angebot von Coop schätzen», sagt Markus Eugster, Leiter Kommunikation der Region Nordwestschweiz-Zentralschweiz-Zürich.

Trotzdem spüre auch Coop in den grenznahen Regionen die Auswirkungen der Auslandeinkäufe. Der Einkaufstourismus sei nicht nur für die grenznahen Filialen ein Thema, sagt Reto Wüthrich, Leiter Kommunikation, Kulturprozent und Sponsoring der Genossenschaft Migros Aare. «Die Grenznähe ist sicher kein Vorteil. Das Einkaufsverhalten hat sich bei vielen Konsumentinnen und Konsumenten verändert. Der Einkauf ennet der Grenze ist für viele salonfähig geworden.»

Aber das Bild sei – trotz rückläufiger Umsatzzahlen im «tiefen einstelligen Bereich» – nicht nur trist und keinesfalls dramatisch. «Es gibt Produkte wie etwa Schokolade, Teigwaren, Kaffee oder Gewürze, die bei deutschen Kunden nach wie vor hoch im Kurs stehen. Insofern hält sich die Filiale Stein angesichts der Herausforderungen gut», betont Reto Wüthrich.

Zwischen dem 6. August und 8. September wird die Migros-Filiale in Stein gemäss dem neuesten Ladenkonzept umgebaut. Alle technischen Anlagen werden modernisiert, was laut Reto Wüthrich eine deutlich verbesserte Energieeffizienz zur Folgen haben wird.