Christian Haller steht auf dem neuen Balkon seines Laufenburger Altstadthauses. Er blickt auf den direkt das Gebäude entlang fliessenden Rhein hinunter.

«An dieser Stelle ist der Fluss bis 40 Meter tief», so der Schriftsteller. In den Rheintiefen ist vor einigen Monaten die Terrasse der Hallerschen Liegenschaft versunken (die az berichtete).

Er zeigt auf eine Ecke des neuen Balkons, macht eine ausholende Bewegung: «Das alles ist abgebrochen.»

Die Emotionen um das plötzliche Ereignis sind bei Haller noch deutlich spürbar. Ein Ereignis, dessen Ursachen, Sicherungsmassnahmen und Kostenträger nicht nur ihn, sondern die Besitzer der angebauten Nachbarliegenschaften, die Stadt, den Kanton, die Kraftwerkbetreiber und einige andere Involvierte in nächster Zeit noch intensiv beschäftigen werden.

«Nein, Angst, hier zu wohnen, habe ich nicht», so Haller, er fügt aber an, dass der unter Wasser liegende felsige Grund untersucht und beobachtet werden müsse.

Erste Abklärungen, dazu zählt auch ein getätigter Tauchgang, lassen vermuten, dass noch andere Problemzonen bestehen, so etwa bei der Terrasse einer Nachbarliegenschaft.

Christian Haller und seine Miteigentümerinnen haben durch verschiedene Massnahmen für die bauliche Stabilität ihrer Terrasse gesorgt. Vor zirka fünf Jahren wurde eine Teichfolie verlegt, um keinerlei Wasser hinter die Trockenmauer gelangen zu lassen.

Vor zwei Jahren wurde durch drei Stahlträger das Gewicht der über der Terrasse liegenden Veranda abgefangen, die zuvor auf der Terrasse abgestützt war.

«Wir bemerkten damals, dass sich die Laube nach vorne zu neigen begann», so Haller und er erzählt weiter:

«Im Juni 2013 stellte ich dann fest, dass sich die Betonplatten auf der Terrasse verschoben hatten. Ich informierte umgehend einen Architekten und einen Statiker. Doch bevor diese die Sache begutachten konnten, sackte die Terrasse ab.» In jener Nacht hörte seine Mitbewohnerin Lilo Zinder ein Geräusch, spürte eine Bewegung. Sie hielt es zuerst für ein Erdbeben.

Kein Elementarereignis

«Zuerst war es ein Schock, da schaut man zum Fenster raus, und das, wofür man viel Geld und Zeit investiert hat, ist plötzlich einfach weg». Haller informierte umgehend die Kraftwerkbetreiber. Die boten sofort Fachleute auf, analysierten die Situation vor Ort.

Nebst der Stadtbehörde wurde auch die Aargauische Gebäudeversicherung (AGV) kontaktiert. «An jenem Morgen teilten sie mir am Telefon mit, es handle sich nicht um ein Elementarereignis, folglich auch nicht um einen Versicherungsfall. Vorhandene Ängste und Bedenken wurden durch diese wenig einfühlsame Art der Kommunikation noch vertieft.»

Haller sorgte dafür, dass doch noch ein Experte vor Ort sich orientierte. Gegen den nach Monaten gefällten Entscheid der Ablehnung erhob er Einspruch. In der zurückliegenden Woche bestätigte die AGV seinen anfänglichen Entscheid nochmals.

Christina Troglia von der AGV erklärt, was für die Versicherungswirtschaft ein Elementarereignis ist. «Darunter ist ein Naturereignis zu verstehen, das plötzlich und mit ausserordentlicher Heftigkeit auf versicherte Sachen einwirkt.

Von Elementarschäden ist zu sprechen, wenn sie nicht vorhersehbar waren und mit zumutbaren Verkehren nicht abgewendet werden konnten.»

Auch von anderer offizieller Seite her erhielt Christian Haller bisher keine Unterstützung bei den Kosten. Und die sind hoch. «Andere leisten sich dafür ein kleines Ferienhaus», nennt Haller zwar keine Summe, verdeutlicht aber, dass nebst all den bereits vorhandenen Verunsicherungen auch noch existenzielle Fragen aufgeworfen wurden.

Für den Bau des Kraftwerkes wurde von 100 Jahren der Felsen gesprengt und mit dem quer zum Fluss stehenden Stauwehr der Rheinpegel um zehn Meter angehoben. Bereits 1914 und 1918 gab es Beanstandungen wegen Schäden an Gebäuden.

Wenn auch Haller nicht direkt eine Schuld dem Kraftwerk zuweist, so versteht er gleichwohl nicht, dass der Kanton in den 80er-Jahren bei der Erteilung der neuen Konzession einen bisher bestehenden Passus weggelassen hat. Darin war festgehalten, dass das Kraftwerk für in Zusammenhang mit dem Bau entstandene Folgeschäden haftet.

Anfälliger roter Gneis

«Der Fels von Laufenburg ist roter Gneis, er ist geschichtet und zerklüftet «, macht Haller deutlich, dass dieses Material anfälliger ist als beispielsweise ein harter Granit. Die 100 Jahre Aufstauung des Rheins würden sich jetzt nach und nach bemerkbar machen. «Entscheidend jedoch sind die Hochwasser. Sie treten in den letzten Jahren vermehrt und heftig auf.

Das letzte Grosse im Juni hat unsere Mauer nicht mehr ausgehalten.» Anfang Mai findet ein runder Tisch mit Stadtbehörde, Kanton, Kraftwerkverantwortlichen und AGV statt. Bei der Suche nach Lösungen hofft Christian Haller auf eine saubere Abklärung der Ursachen und Behebungsmassnahmen.

«Auch dass die Schäden, die man sieht, jetzt saniert werden.» Bei den Fragen nach Ursachen, Massnahmen und Kostenübernahme sei jetzt vor allem auch der Kanton gefordert, Antworten zu geben, so Haller.