Gemeinderäte
Dem Stimmbürger ganz nah: Bei der Versammlungswahl ist die persönliche Nähe Trumpf

Von den mehr als 200 Aargauer Gemeinden wählen neun ihre Gemeinderäte und Kommissionen per Versammlungswahl. Fünf der neun Gemeinden liegen im Fricktal. An diesem und am kommenden Samstag ist es wieder so weit. Wer macht das Rennen? Die offiziellen Kandidaten? Oder Sprengkandidaten aus den Reihen der Versammelten?

Hans Christof Wagner
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Persönlich anwesend sein und seine Stimme schriftlich abgeben – das zeichnet Versammlungswahlen aus.

Persönlich anwesend sein und seine Stimme schriftlich abgeben – das zeichnet Versammlungswahlen aus.

Alex Spichale / LZB

In Sachen Versammlungswahl ist das Fricktal eine Hochburg der Tradition: Fünf der neun Aargauer Gemeinden, die das System praktizieren, liegen im Fricktal: Hellikon, Oberhof, Olsberg, Sisseln und Wölflinswil. Wie seit alters stimmen die Menschen dort nicht per Brief oder an der Urne ab, sondern bei Versammlungen meist in der Turnhalle.

Versammlungswahl mit Corona: Keine Zertifikats-, aber Maskenpflicht

Am heutigen Samstag, 18. September, laden Hellikon, Oberhof, Sisseln und Wölflinswil ein. Kommenden Samstag, 25. September, ist Olsberg an der Reihe. Die Zertifikatspflicht gilt für die Versammlungen nicht. Besucher müssen aber gleichwohl Maske tragen. Ob das die Stimmbürger vom Kommen abhält, bleibt abzuwarten. Bei den vergangenen Anlässen waren die Zahlen mitunter beträchtlich: 183 nennt Gemeindeammann Barbara Fricker für den Herbst 2017 in Wölflinswil – bei etwa 750 Stimmberechtigten rund ein Viertel. Rainer Schaub, Gemeindeammann von Sisseln mit seinen knapp unter 1000 Stimmberechtigten, sagt:

«Im Schnitt kamen in der jüngeren Vergangenheit 120 bis 140, es waren aber auch schon mal 200.»

In Olsberg (350 Einwohner) sind es laut Gemeindeammann Karl Bürgi zwischen 50 und 60 Wahlteilnehmer. Damit mobilisieren Versammlungswahlen in aller Regel mehr als Gemeindeversammlungen. Aber: An die Stimmbeteiligung bei einer Wahl per Brief und an der Urne kommen die Zahlen nicht heran. Die liegt meist bei 30 Prozent und mehr. Das Manko sieht auch Barbara Fricker. Aber sie sagt auch:

«Das Schöne an der Versammlungswahl, das, was mir gefällt, ist der persönliche Kontakt zum Wähler. Da herrscht Atmosphäre, da spürt man die Schwingungen.»

Roger Fricker, Amtskollege im Nachbardorf Oberhof, aber sagt: «Ich bin kein Fan davon, ich würde eine Urnenwahl vorziehen.» Nur so könne niemand hinterher behaupten, er sei in der Ausübung seiner Grundrechte beschnitten worden –, weil er am Tag der Versammlung krank oder verhindert gewesen ist. Klar biete die Briefwahl mehr Flexibilität, klar muss man für den Anlass Zeit opfern. «Aber wenn es um die Demokratie geht, kann man ja auch mal Opfer bringen», findet Hellikons Gemeindeammann Thomas Rohrer.

Immer wieder auch mit Sprengkandidaten

Auch heute und kommenden Samstag kann es bei den Fricktaler Versammlungswahlen wieder spannend werden, wenn aus den Reihen der Versammelten Sprengkandidaten auftauchen –, um Vakanzen zu füllen oder gar um die offiziellen Kandidaten noch aus dem Rennen zu werfen. 2013 gelangte so in Hellikon Bernhard Joller in den Gemeinderat, der jetzt, nach acht Jahren, nicht mehr antritt. «Vor vier Jahren kam Michael Marugg ins Gremium, anstelle eines schon festgestandenen Neu-Kandidaten bei der Versammlungswahl spontan gewählt», erzählt Bürgi.

Auch Schaub aus Sisseln, seit 15 Jahren Gemeindeammann und seit 17 Jahren Gemeinderat, weiss von solchen Fällen zu berichten. «Für den Stimmbürger ist das gut, für den Kandidaten kann es aber auch gefährlich sein», sagt Schaub. Bürgi aber rechnet eher nicht damit, dass dies am 25. September in Olsberg passiert: «Weil alle Bisherigen weitermachen und es im Moment im Dorf auch sonst ruhig ist.» Olsbergs Gemeindeammann betont:

«Eine Abschaffung der Versammlungswahl ist bei uns im Moment kein Thema.»

Auch in Sisseln stehe sie nicht zur Debatte. Man habe 2018, als die Gemeindeordnung neu überarbeitet wurde, sogar bewusst daran festgehalten, erinnert sich Schaub. Barbara Fricker aber denkt, dass «das Thema den Gemeinderat in der nächsten Legislatur noch beschäftigen wird». Auch in Oberhof wird das der Fall sein. Dort will Roger Fricker die Versammlungswahl sogar kippen – mal sehen, ob ihm die Stimmbürger dabei folgen.

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