Glocken-Knatsch
Gemeindeleiter: «Die Lärmklage hat die Fronten verhärtet»

Der Gemeinderat von Gipf-Oberfrick hat die Lärmklage von Nancy Holten gegen das Morgengeläute abgelehnt. Nun äussert sich Gemeindeleiter Martin Linzmeier über das Ende im Glockenstreit, Emotionen und Heimatgefühle.

Thomas Wehrli
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Martin Linzmeier: «Für die einen ist es ein Stück Heimat, für andere ein Stück Geborgenheit, für Dritte eine religiöse Verortung im Alltag.»

Martin Linzmeier: «Für die einen ist es ein Stück Heimat, für andere ein Stück Geborgenheit, für Dritte eine religiöse Verortung im Alltag.»

Thomas Wehrli/ZVG

Herr Linzmeier, die Glocken dürfen in Gipf-Oberfrick weiter morgens um 6 Uhr läuten. Erleichtert?

Martin Linzmeier: Ich finde es eine schöne Tradition, dass man den Tag mit einem Aufruf zu einem Gebet beginnt. Ich bin auch überzeugt, dass die Mehrheit der Bevölkerung diesen Entscheid begrüsst.

Das Morgengeläute ruft zum Beten. Doch nur noch wenige hören diesen Ruf. Weshalb braucht es das Morgengeläut heute überhaupt noch?

Weil es vielen etwas bedeutet. Für die einen ist es ein Stück Heimat, für andere ein Stück Geborgenheit, für Dritte eine religiöse Verortung im Alltag. Zudem ist es doch einfach schön, von den Glocken in den Tag begleitet zu werden. Für mich ist das Musik!

Sie sprechen von Musik, die Kirchenpflege schrieb in der Stellungnahme zur Lärmklage von «gewünschtem Lärm». Kann Lärm gewünscht sein?

Wilhelm Busch schrieb: «Musik wird oft nicht schön empfunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.» So ist es auch mit den Glocken. Oder der Fasnacht. Für die einen ist der Klang der Glocken oder Guggen Musik, für andere ohrenbetäubender Lärm. Es gibt auch Musik, die ich als Lärm empfinde. Ich käme nie auf die Idee, anderen das Hörerlebnis zu verbieten. Die Frage ist doch: Wie möchten wir zusammenleben? Geht es immer nur um meine Bedürfnisse oder muss ich auch einmal etwas in Kauf nehmen, was andere wollen?

Der gesellschaftliche Trend antwortet: ich, ich, ich. Macht Ihnen die zunehmende Individualisierung, die nicht selten in eine Ego-Manie ausartet, Sorgen?

Wir laufen in eine falsche Richtung. Jeder schaut nur noch auf seine Bedürfnisse. Irgendwann wachen wir auf und finden uns fremd in unserer Welt. Dieser Fokus auf das Ich führt zu Scheinlösungen, führt dazu, dass wir Heimat mit Äusserlichkeiten gleichsetzen – und alles, was unsere kleine Welt stört, bekämpfen.

Ein Appell für mehr Gemeinsinn?

Wir brauchen wieder ein Mehr an Toleranz und Gemeinsinn. Andererseits gibt es in der Schweiz auch die gute Tradition, dass man nach einem Mehrheitsentscheid nicht einfach die Minderheit ausgrenzt, sondern ihre Bedürfnisse ernst nimmt und schaut, wie man einen Schritt auf sie zugehen kann. In unserem «Glockenstreit» hat mich weniger gestört, dass das Morgengeläute infrage gestellt wurde, als das Vorgehen. Eine Klage ist für eine konstruktive Lösung total kontraproduktiv.

Welcher Weg wäre der Bessere gewesen?

Das Gespräch zu suchen. Im Dialog kommt man weiter als mit einer Klage.

Ist die Glocken-Frage für Sie nun abgeschlossen?

Vorerst, sicher. In den nächsten 5 Jahren kommt das Thema kaum mehr auf die kirchenpolitische Agenda. Die Klage hat die Fronten verhärtet, es sind weder Diskussionen über das Morgengeläute noch über den nächtlichen Stundenschlag möglich. Über Letzteren haben wir im November an der Kirchgemeindeversammlung eingehend diskutiert.

Hört, ihr Leut, und lasst euch fragen: Welchen Ton hat die Versammlung angeschlagen?

(Lacht.) Wir haben nicht über den Stundenschlag abgestimmt. Es ging uns vielmehr darum, zu spüren, was die Basis denkt.

Und?

Eine Mehrheit der Anwesenden hat sich für den nächtlichen Glockenschlag ausgesprochen.

Die Diskussion um die Kirchenglocken wurde emotional geführt. Weshalb?

Die Emotionalität hängt stark mit den elektronischen Medien zusammen. Sie machen es einfach, etwas zu kommentieren. Man liest eine Story, tippt ein paar Worte – und, wusch: Der Kommentar ist online. Müsste man wie früher einen Brief schreiben, würde dies viele abhalten. Weil es zu viel Zeit braucht und weil man das Ganze besser reflektieren würde.

Gleichwohl: Die Glockengeschichte bewegte die Gemüter stärker als manch eine andere.

Das ist bei allen Themen so, die den Menschen direkt berühren. Die Glocken haben für die einen eine religiöse Bedeutung. Sie sagen: «Wir wollen, dass unsere Religion öffentlich sicht- und hörbar bleibt!» Für andere ist es ein Stück Heimat, das in Gefahr ist. Und dagegen wehrt man sich.

Es ist nicht das erste Mal, dass in Gipf-Oberfrick über das Glockengeläut diskutiert wird. Ist man in Gipf-Oberfrick hellhöriger als anderswo?

Nein, das hängt vielmehr mit der Entwicklung des Dorfes zusammen. Gipf-Oberfrick hat sich sehr schnell verändert, die Einwohnerzahl verdoppelte sich innerhalb von 30 Jahren. Das brachte einen Meinungspluralismus mit sich, den ich toll finde. Eine Konsequenz des Wachsens war und ist die stete Diskussion darüber, wie sich das Dorf entwickeln soll und wie das Zusammenleben gestaltet werden soll.

Sie sprechen von Erneuerung. Ist dies, in Bezug auf die katholische Kirche, nicht ein Widerspruch in sich? Will die Kirche nicht alles bewahren, wie es war?

Es gibt innerhalb der Kirche beide Kräfte. Nehmen Sie Papst Franziskus. Er steht für Bewegung, ganz klar, aber er musste in seiner noch jungen Amtszeit auch feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, die Kirche in Bewegung zu bringen. (Überlegt lange.) Ich denke, heute ist es eine Minderheit, die eine echte Erneuerung will.

Eine Minderheit könnten in ein paar Jahrzehnten auch die Kirchen in der Schweiz sein. Haben Sie Angst vor dem Kleinerwerden?

Nein, die Grösse ist für mich nicht das Mass der Dinge. Ich denke, es wird dereinst zwei Lager geben. Ein kleines, erzkonservatives, das zurück ins 19. Jahrhundert will. Und eine zweite, grössere Gruppe, die versuchen wird, ein zeitgemässes Christentum zu leben.

Wird man dann, sagen wir in 50 oder 100 Jahren, noch Glocken in den Dörfern läuten hören?

Ob man sie in 100 Jahren noch läuten hört, weiss ich nicht. In 50 Jahren garantiert!