Die beiden griechischen Buchstaben Alpha und Omega prangen auf dem Tabernakel der Kirche in Oeschgen (siehe Bild). Sie stehen für Anfang und Ende – und sind Sinnbild dessen, was Bernhard Lindner, katholischer Gemeindeleiter im Dorf, seinen Gläubigen gestern Abend an der Kirchgemeindeversammlung mitteilte: Er hat seine Stelle gekündigt und verlässt Oeschgen Ende Juli 2018.

Das Alpha hat das Omega erreicht.

Das Alpha, den Anfang, nahm die Lindner-Oeschgen-Story vor gut 13 Jahren. 2004 übernahm der gebürtige Deutsche die Gemeindeleitung in einem 50-Prozent-Pensum. Die restlichen 50 Prozent arbeitet er für die Landeskirche Aargau. Dieses Pensum wird er nun aufstocken, eine neu geschaffene 30-Prozent-Stelle im Bereich der Männerarbeit übernehmen. Die freien 20 Prozent will er freiberuflich in der Beratung tätig sein.

Es sei eine gute Zeit gewesen, resümiert er im kleinen Pfarreisaal. «Ich möchte sie nicht missen.» Er durfte vielen Menschen begegnen, sie ein Stück weit auf ihrem Lebensweg begleiten. Er lacht. «Einige, die ich getauft habe, werden bald gefirmt.» Es falle ihm nicht leicht, zu gehen, sagt er, spricht vom Abschiedsschmerz, der mitschwinge, von den vielen Beziehungen, die er aufbauen durfte. «Ich fühle mich hier zu Hause.»

Dass er nun dennoch aufbricht, dass er die Gemeinde, die zu seiner inneren Heimat wurde, verlässt, hat pragmatische Gründe. Zum einen wird der Pastoralraum zu Veränderungen führen. Auch wenn er derzeit blockiert scheint (AZ von gestern), wird er, davon ist Lindner überzeugt, in wenigen Jahren Realität sein. Von den drei Leitungseinheiten, die Frick, Gipf-Oberfrick und Oeschgen aktuell haben, wird dann noch eine übrig bleiben.

Chance nutzen, mitzugestalten

Für die Projektleitung standen er und Martin Linzmeier, Gemeindeleiter von Gipf-Oberfrick, zur Diskussion. Nach seinem Verzicht ist Linzmeier der designierte Projektleiter – und damit auch der künftige Gemeindeleiter der drei Pfarreien.

Die Unklarheit, die derzeit rund um den Pastoralraum «AG 20» herrscht, «war sicher nicht motivierend, mich für diesen Weg zu entscheiden», sagt Lindner, der sich die Option «Projektleitung» ebenfalls lange überlegt hat.

Dass nun bereits vier der sieben Kirchgemeinden Nein zum Projektierungskredit gesagt haben und damit eine Blockade des Pastoralraums droht, findet er suboptimal, ja, eine verpasste Chance. Denn es gehe beim Projekt ja gerade darum, offene Fragen zu klären, darum, dafür zu sorgen, «dass die Kirche im Dorf bleibt». Es sei eine «Chance mitzugestalten», findet er und rät: «Kooperation bringt mehr, als auf Sendepause zu gehen.» Denn dann droht die Gefahr, dass das Bistum die Rahmenparameter definiert – und nicht mehr die Basis, die Kirchgemeinden.

Sein Entscheid war aber nicht primär einer gegen den Pastoralraum und schon gar nicht einer gegen Oeschgen, sondern ein Entscheid für das Neue. Der Bereich Männerarbeit reize ihn, sagt er, der vierfache Vater und Jung-Grossvater. Denn hier sei viel Handlungsbedarf. Dazu gehört für ihn, die Rolle der Väter in der Gesellschaft neu zu definieren, dazu gehört die Männerspiritualität und dazu gehört die politische Komponente, das Männerlobbying. «Das alles reizt mich enorm», sagt er. Genderfragen seien bislang meist aus der Sicht der Frau gestellt worden. «Es wird Zeit, sie auch umgekehrt zu stellen.» Das Vater-Sein sei «ein Lebensfeld, das wir Männer ausfüllen sollten».

Daneben, und das war für Lindner ein weiterer Punkt «pro Landeskirche», lässt ihm die Kombination der beiden Jobs Zeit und Raum, sich freiberuflich im Bereich der Supervision zu betätigen. In diesem Bereich hat er sich in den letzten Jahren weitergebildet und dieses Wissen will er nun in Form von Beratungen für Pfarreien und Kirchgemeinden weitergeben. Und, ja, auch das Momentum, dass er jenen Teil seines heutigen 50-Prozent-Pensums bei der Landeskirche, genauer: bei der Fachstelle Propstei und Bildung weiterführen kann, der ihm viel bedeutet, spielte beim Entscheid mit: das Pilgern auf den Jakobswegen dieser Erde.

Hinter der Neuausrichtung, der Neupositionierung, dem neuen Weg steckt ein gut zweijähriger Prozess. Er begann mit der Frage: Wie soll die letzte Phase meines Berufslebens aussehen? Nach 13 Jahren an einer Stelle dürfe es eine Veränderung geben, findet der 57-Jährige und eine Perspektive von acht Jahren sei «noch sinnvoll». Zumal: «Wenn ich mir ein freiberufliches Standbein aufbauen will, so kann ich das nicht erst mit 65 tun.»

Weiter für Oeschgen im Einsatz

Die 20 Prozent, die er freiberuflich tätig sein wird, betrachtet Lindner als «Spielball». Er verstummt kurz, blickt sich im Raum um. Funktional ist er eingerichtet, der einzige Schmuck ist das Bild einer früheren Fastenopfer-Kampagne. Es zeigt zwei Menschen, die sich anblicken, die in einen wortlosen Dialog treten. Mit dem Du, dem Ich, dem Betrachter. Im Dialog mit den Oeschgern bleiben, sei eine Option, sagt Lindner. Er kann sich vorstellen, dass er auch künftig Gottesdienste hält. «Wenn die Oeschger das wollen.» Und wenn das Bistum zustimmt.

Oeschgen liegt, das spürt man, Lindner am Herzen. Es brauche eine gute Nachfolgeregelung, ist er überzeugt. Sollte sich die Errichtung des Pastoralraums verzögern, worauf derzeit alles hindeutet, «braucht es einen Gemeindeleiter ad interim», findet Lindner. Er kann sich dafür auch einen Seelsorger vorstellen, der im Pensionsalter ist «und Lust hat, noch einige Jahre im Teilzeitpensum weiter zu wirken».

Lindner holt tief Luft, sagt, dass Oeschgen für einen Seelsorger «sehr attraktiv» ist, sagt, dass die Menschen hier offen und herzlich sind, sagt, dass man den Leuten nahe kommt, wenn man das will, sagt, dass man schnell Teil der Gemeinschaft ist. Eine schönere Hommage an den Arbeitsort, an die Menschen gibt es kaum.

Alpha und Omega, Anfang und Ende. Jeder Anfang kommt irgendwann an sein Ende, schafft damit wiederum Raum für einen neuen Anfang. Was bleibt zurück? Die Erinnerung an «eine wunderbare Zeit», sagt Lindner, an einen gemeinsamen Weg. Einen Weg, auf dem Lindner viele Spuren im Fricktal hinterlassen hat.