Sexuelle Übergriffe
«Gemäss statistischen Wahrscheinlichkeiten finden in allen Institutionen sexuelle Übergriffe statt»

Die Stiftung MBF sensibilisiert ihre Belegschaft für die Thematik «Sexuelle Gewalt» und zeigt Präventionsmöglichkeiten auf. Denn das Schweigen sei die stärkste Waffe der Täter.

Marc Fischer
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Nicht selten wird die Betreuungsperson für den Klienten zum dunklen Schatten. HO

Nicht selten wird die Betreuungsperson für den Klienten zum dunklen Schatten. HO

Gastreferent Werner Tschan, der in Basel im Beratungszentrum sexuelle Grenzverletzungen in professionellen Beziehungen tätig ist, gestaltete den Workshop in der Stiftung MBF in Stein interaktiv.

Ziel war es, die Belegschaft einerseits für die Thematik der sexuellen Gewalt in professionellen Beziehungen zu sensibilisieren und andererseits die Mitarbeiter auch zu Wort kommen und ihre Erfahrungen und Eindrücke einfliessen zu lassen.

Täter sind überall

Als Ausgangspunkt wählte er den Fall H.S. und liess die Teilnehmenden nach möglichen Ursachen suchen, weshalb es möglich ist, dass solche Fälle derart lange unentdeckt bleiben. Die zusammengetragenen Elemente lassen sich grob in drei Gruppen von Gründen – die gleichzeitig Ansatzpunkte für Prävention sind – einteilen.

Die erste Gruppe betrifft den Täter, der raffiniert bis perfid vorgeht, sich seine Gelegenheiten sucht und sich gleichzeitig gegen aussen perfekt verstellt. Tschan raubte den Anwesenden dabei sämtliche Illusionen: «Gemäss der statistischen Wahrscheinlichkeit finden in allen Institutionen Übergriffe statt.»

Weniger als ein Tausendstel der sexuellen Übergriffe, die in professionellen Beziehungen begangen würden, komme dabei zur Anzeige – und nur gerade 15 Prozent der Anzeigen endeten mit einer Verurteilung. Um Täter auffliegen zu lassen, brauche es Wachsamkeit und Kommunikation. «Täter müssen merken, dass die Thematik in der Institution aktiv angegangen wird.» In diesem Sinne sei Prävention selber bereits eine Präventionsform. Dennoch sei es oftmals sehr schwierig, Täter zu entlarven. «Die dunkle Seite ist nämlich nur für die Opfer sichtbar.»

Opfer ernst nehmen

Die zweite Gruppe der Ansatzpunkte betrifft die Opfer. «Es ist unabdingbar, ein Klima des Vertrauens zu schaffen.» Opfer müssten deshalb ernst genommen werden. «Den Opfern keinen Glauben zu schenken, ist weitaus das grössere Problem als Falschaussagen», so Tschan. Wenn Menschen sich aufgrund ihrer Beeinträchtigung nicht artikulieren können, müssten sie umso genauer beobachtet und Verhaltensänderungen registriert werden. Wichtig sei auch, dass den Klienten in Institutionen bestmöglich erklärt würde, welche Grenzen keinesfalls übertreten werden dürfen.

In der dritten Gruppe wird schliesslich noch das Umfeld zusammengefasst. Signale müssten registriert und richtig gedeutet werden, führte Tschan aus. Wichtig sei, sowohl aufseiten der Opfer als auch
im Umfeld, dass nicht aus Angst vor möglichen Konsequenzen geschwiegen würde. «Das Schweigen ist nämlich die stärkste Waffe der Täter», betonte Tschan.

Grenzen definieren

In den Gruppenarbeiten und der Plenumsdiskussion im zweiten Teil des halbtägigen Workshops wurden mehrere Problemfelder deutlich. Eine Schwierigkeit, die gleich mehrere Teilnehmer äusserten, war die Definition der Grenzen.

Ist es erlaubt, dass ein Betreuer seinen Klienten umarmt? Ist ein beruhigendes Tätscheln noch schicklich oder ist es bereits verboten? Solche Grenzfälle ergeben sich in der täglichen Arbeit immer wieder. Tschan versuchte den Anwesenden mit einem Ratschlag zur Seite zu stehen: «Grundsätzlich müssen Handlungen fachlich begründet werden können.»

Er betonte auch, dass die Grenzen je nach Beeinträchtigungsgrad der Klienten etwas anders verlaufen. Mehrere Anwesende unterstützten dies mit Beispielen aus ihrem Arbeitsalltag und wünschten sich, dass die menschliche Wärme nicht aus lauter Angst vor Übertretungen und Verdächtigungen in den Hintergrund rückt.

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