Es ist das bislang stärkste Zeichen. Am Samstag haben 42 Mitglieder der Reformierten Kirchgemeinde Frick, darunter viele ehemalige Amtsträger und bekannte Fricker wie Alt-Gemeindeammann Anton Mösch, in der AZ ein Inserat geschaltet. Darin empfehlen sie, Johannes Siebenmann am 23. September nicht als Pfarrer wiederzuwählen. Die Argumente sind die Altbekannten, die auch in den Leserbriefen immer wieder aufscheinen: Siebenmann sei nicht teamfähig, brüskiere Menschen, könne nicht wertschätzend auf sie zugehen und gehe nicht auf Kritik ein.

Es ist die Sorge um die Zukunft, die aus dem Inserat spricht. Es ist der Versuch, wachzurütteln, und in diesem Sinne ist es auch ein Mahnruf – an die eigene Basis.

Von aussen betrachtet, mutet die reformierte Kirchgemeinde derzeit wie ein Scherbenhaufen an. Doch ist sie das? Entspricht dieses Bild auch der Innenwahrnehmung? Wird da eine Schlammschlacht auf dem Buckel von Johannes Siebenmann ausgetragen? Die AZ hat mit vier Personen, die das Inserat unterschrieben haben und in Sorge sind, gesprochen – im Wissen darum, dass es auch die andere, siebenmannfreundliche Sichtweise gibt und dass vor allem Siebenmann selbst es ganz anders sieht. Seine Sicht konnte er letzte Woche in einem Artikel darlegen.

Gesprochen hat die AZ mit Paul Jäggi, der von 1976 bis 1995 als Pfarrer in Frick wirkte. Mit Peter Boss, Schulleiter in Frick. Er hat früher die kirchliche Jugendarbeit verantwortet und sitzt heute in der Rechnungsprüfungskommission. Mit Bettina Roth, ehemalige Kirchenpflegepräsidentin. Sie trat im April 2017 zurück, weil das Gremium nicht mehr handlungsfähig war. Mit Andreas Willenegger. Er vertritt die Kirchgemeinde noch bis Ende Jahr in der Synode.

Pfarrer Johan Siebenmann will die Wiederwahl

Pfarrer Johan Siebenmann will die Wiederwahl (5. September 2018)

Im Dorf ist er bekannt für seine langweiligen Predigen und die Nichterfüllung seines Amtes. Dennoch möchte er im September wiedergewählt werden.

Das Bild, das sie vom Ist-Zustand der Kirchgemeinde zeichnen, ist differenziert, vielschichtig und vielfältig. Was sie stört, ist zweierlei: Erstens, dass ihre kritischen Voten von manch einem Aussenstehenden als Schlammschlacht gegen Siebenmann abgekanzelt werden. Das sei es nicht. Es sei vielmehr Ausdruck einer tiefen Sorge. «Die gegenwärtige Auseinandersetzung ist keine Schlammschlacht, kein An-den-Pranger-Stellen, keine Steinigung und kein Dauerbeschuss», sagt Boss. «Es sind die normalen Referenzen, die bei einer Wahl bei den engsten Mitarbeitenden eingeholt werden. Diese Referenzen stellen Johannes Siebenmann kein gutes Zeugnis aus.»

Zweitens stört die vier das Bild vom Scherbenhaufen, das herumgeboten wird. Die reformierte Kirchgemeinde sei heute kein Scherbenhaufen, betonen sie, sagen aber auch: Ein solcher drohe, sollte Siebenmann wiedergewählt werden.

Kaum mehr Leute im Gottesdienst

Dass die Kirchgemeinde derzeit noch pulsiert, liegt für die vier daran, dass sich viele Freiwillige nach wie vor engagieren und so das soziale und kirchliche Leben lebendig halten. Was hingegen weniger gut funktioniert, sind die Gottesdienste. Wenn Siebenmann die Predigt hält, sitzt gerade mal eine Handvoll Leute in der Kirche, sagt einer, der auch dann noch hingeht. Wenn Verena Salvisberg hingegen den Gottesdienst hält, sind es zwischen 30 und 50 Leute. Dazwischen liegt, im heutigen weltgeistigen Zeitalter, eine Welt.

Hört man den vier, denen die Kirche nach wie vor wichtig ist und die es schmerzt, was derzeit abläuft, zu, so kommt man auf die Kurzformel: Die Kirchgemeinde lebt derzeit nicht durch ihren Pfarrer, sondern trotz ihres Pfarrers.

Vor einem Scherbenhaufen, um bei diesem Bild zu bleiben, steht für die Befragten vielmehr Siebenmann. Und zwar egal, wie die Wahl am 23. September ausgeht. Wenn er nicht mehr gewählt wird, dürfte er Mühe haben, eine neue Pfarrstelle zu finden. Denn eine kurze Google-Suche – sie ist heute Standard bei Stellenbesetzungen – bringt die ganze Causa mit den zum Teil happigen Vorwürfen in Sekundenschnelle auf den Bildschirm. Dass man das Innenleben nach aussen tragen muss, dass man derart Klartext sprechen muss, bedauern die vier. Es geschehe aus Sorge um die Zukunft. Wenn Bettina Roth Pfarrer Siebenmann etwas übel nimmt, dann «dass er uns zwingt, uns derart entblössen zu müssen». Das sei eigentlich unwürdig, schade allen, sei aber aus Sorge um die Zukunft der Kirchgemeinde unumgänglich.

Wenn Siebemann wiedergewählt wird, stehe er ebenfalls vor einem Scherbenhaufen. Denn dann werden sich viele von denen, die heute aktiv sind, zurückziehen. Ob andere nachkommen werden, wie Siebenmann glaubt – die vier bezweifeln es. Sicher, jene, die ihn unterstützen, seien auch Kirchgemeindemitglieder, sagt Boss. «Ich nehme sie aber nicht als aktive Kirchgemeindemitglieder wahr, die sich in irgendeiner Form ehrenamtlich oder auch nur passiv engagieren. Ich sehe nicht, mit wem Johannes Siebenmann ein tragendes Leben der Kirchgemeinde initiieren und gestalten will.»

Wie eine zerrüttete Ehe

Jäggi formuliert es pointiert: «Wenn Johannes Siebenmann wiedergewählt wird, wird es für ihn so mühsam, dass er scheitern wird.» Denn das Vertrauen der Kerngemeinde, zu der 100 bis 200 Kirchenmitglieder gehören, «hat er längst verloren». Jäggi vergleicht es mit einer Ehe, die zerrüttet ist. «Es bleibt als Weg nur die Scheidung.» Ansonsten scheiden die Mitglieder: Bei einer Wiederwahl von Siebenmann rechnen die vier mit vielen Kirchenaustritten.

Siebenmann sieht das ganz anders; er ist überzeugt, dass ein Neuanfang auch mit ihm und durch ihn möglich ist. Es sei Gottes Plan, dass er in Frick gelandet sei, sagt er. In diesem Denkmuster mutiert er zu einer Art Prophet. Oder einem Märtyrer, je nach Sichtweise.

Gottes Plan. Es ist eine jener Formulierungen, die viele Kirchenmitglieder ratlos zurücklassen. Ebenso, dass Siebenmann auf der Kandidatur beharrt, dass er sämtliche Angebote, zuerst von der Kirchenpflege – sie sagte ihm bereits 2016, dass sie ihn nicht mehr vorschlagen werde – und später vom Kurator ausgeschlagen hat, in Frieden auseinanderzugehen. Probleme habe es von Anfang an gegeben, blickt Roth zurück. Sie sass von 2014 bis 2017 in der Kirchenpflege; Siebenmann fing 2014 in Frick an. Die Causa Siebenmann habe viele Ressourcen gebunden, habe viel Kraft gekostet. Roth hat als Kirchenpflegepräsidentin geschwiegen, hat sich stets an das Amtsgeheimnis gehalten. Jetzt redet sie, weil Siebenmann jenen, denen die Kirchgemeinde wichtig ist, keine andere Wahl lasse.

«Ich verstehe ihn nicht», sagt Willenegger. Roth sieht in ihm einen Menschen, der alles unternimmt, um im Mittelpunkt zu stehen. Jäggi glaubt, dass es auch daran liege, dass er sich – beruflich – in die Enge getrieben fühle. Siebenmann lege einen hohen Grad an Ignoranz bezüglich sämtlicher Rückmeldungen an ihn an den Tag, sagt Willenegger, stutzt, fügt dann einen Satz an, den man in ähnlicher Form in den letzten Tagen immer wieder von Frickern hört: «Es kommt mir vor, als lebe er in einer eigenen Welt.»

Sucht man nach einer Romanfigur, auf welche die Beschreibungen von Siebenmann passt, landet man schnell bei Don Quijote. Auch Siebenmann renne gegen Windmühlen an, sagt auch Boss.

Zu Siebenmanns Welt haben viele der aktiven Kirchgemeindemitglieder keinen Zugang gefunden. Dass es aber auch Menschen in der Kirchgemeinde gibt, die in Siebenmann einen guten Pfarrer sehen, wissen die vier Kritiker. Vor allem Eltern von Konfirmanden stehen zu Siebenmann, weil die Jugendlichen vom Konfirmationsunterricht begeistert sind. Just Schulleiter Boss aber kritisiert dessen Jugendarbeit. «Die Form der Jugendarbeit, die Johannes Siebenmann macht, ist nicht nachhaltig», sagt er. «Sie geht rein über die Show und nicht über die Beziehung. Nachhaltige Jugendarbeit aber ist Beziehungsarbeit.»

In allen Gesprächen spürt man auch eine grosse Zuversicht, dass die Kirchgemeinde die aktuell schwierige Situation unbeschadet überlebt, ja: gestärkt aus ihr hervorgeht. Dass die aktuelle Krise die Kirchgemeinde zusammenkittet. «Wir sind Kirche und haben derzeit einen Pfarrer, der unsere Erwartungen nicht erfüllt», formuliert es Willenegger. Jäggi sieht just in diesem Kirche-Sein von unten das typisch reformatorische Moment. «Dazu gehört auch, dass wir solche Situationen meistern können.» Es sei auch ein Zeichen von Stärke, dass man schwierige Momente aushalten könne. Diese Kraft habe die Kirchgemeinde. Jäggi hat als Kirchenratspräsident viele Konflikte in den Kirchgemeinden miterlebt. «Jeder konnte gelöst werden und nach zwei bis drei Jahren ist immer wieder Ruhe eingekehrt.»

Es brauche einen Neuanfang – ohne Siebenmann, sind sich die vier einig. Dass dieser Restart nun auch ohne die zweite Pfarrperson, Verena Salvisberg, vonstattengehen muss, bedauern sie. Salvisberg hat sich entschieden, Frick zu verlassen, um im Bernbiet selber neu anzufangen. Der Konflikt mit Siebenmann, das jahrelange Aneinander-Reiben hat dazu beigetragen. «Die Situation hat dazu geführt, dass sich andere Personen erschöpft haben», formuliert es Willenegger.

Strukturen neu denken

Den Neuanfang, so er denn kommt, sehen die vier als Chance, die Kirchgemeinde auf gesunde Beine zu stellen. Denn bei einer Nichtwiederwahl von Siebenmann sind alle drei Stellen – zwei Pfarrpersonen, ein Sozialdiakon – vakant. Das sehen die vier als Möglichkeit, die «Strukturen neu zu denken», die 270 Stellenprozent auf die heutigen Bedürfnisse auszurichten. Roth kann sich beispielsweise die Einführung von Amtswochen für die Pfarrpersonen vorstellen; heute sind die Pfarrstellen nach Gemeinden aufgeteilt.

Es ist sicher richtig und wichtig, sich bereits heute mit dem Morgen auseinanderzusetzen. Nur: Das Morgen kann ganz anders herauskommen und eine Angst, dass es so kommt, ist spürbar. «Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn Siebenmann wiedergewählt wird», sagt Roth. Für sie wäre das «der Super-GAU» und für sie selber hätte es dann wohl keinen Platz mehr in dieser Kirchgemeinde. Jäggi dagegen ist überzeugt, dass die Kirchgemeinde stark genug wäre, um auch eine Wiederwahl von Siebenmann zu verkraften.

Was es nun brauche, wiederholt Jäggi die Frage, schaut aus dem Fenster. Er wolle es als Wunsch an Siebenmann formulieren. «Johannes, geh, damit die Kirchgemeinde wieder gehen kann.»