Heilpädagogische Schule

Gegen Standort-Konzentration regt sich Widerstand – haben die Gemeinden ihr Wort gebrochen?

Die Heilpädagogischen Schulen in Frick (Bild) und Rheinfelden sollen ab Sommer 2021 in Mumpf konzentriert werden.Bild: nbo

Die Heilpädagogischen Schulen in Frick (Bild) und Rheinfelden sollen ab Sommer 2021 in Mumpf konzentriert werden.Bild: nbo

Die Heilpädagogische Schule wird 2021 an einem Standort konzentriert. Dagegen regt sich Widerstand – auch mit Verweis auf die Botschaft.

Die Stiftung MBF übernimmt im Sommer 2020 die Trägerschaft der beiden Heilpädagogischen Schulen (HPS) in Frick und Rheinfelden. Ein Jahr später will sie die Schulen an einem Standort zusammenführen. Dafür übernimmt sie im Mai 2021 für 9,3 Millionen Franken das leer stehende Oberstufenzentrum in Mumpf.

Vor den Medien machte der Stiftungsrat verschiedene Gründe für die Zusammenlegung der Schulen und für den Standort Mumpf geltend. So, dass ein Neubau mit 22 Millionen Franken zu teuer wäre und man mit dieser Entscheidung auch die Verantwortung gegenüber den Steuerzahlern wahrnehme. Am Schluss der Medienmitteilung schreibt die Stiftung: «Diese grosse Veränderung gelingt nur gemeinsam.» Man sei auf die Unterstützung durch Lehrpersonen, Angestellte und Eltern angewiesen.

Nur: Längst nicht alle wollen diese Veränderung. Insbesondere Eltern aus Frick, wo die Schule mitten im Dorf und unmittelbar neben dem Oberstufenzentrum liegt, sehen im Umzug eine deutliche Verschlechterung. So schreibt eine Mutter auf Facebook: «Wir halten den Ort Mumpf für völlig ungeeignet. Dies lässt eine Inklusion unserer Kinder in weite Ferne rücken.» Man habe den Unmut den Verantwortlichen im Vorfeld mitgeteilt, sei aber auf taube Ohren gestossen.

In einem dreiseitigen, von Hand geschriebenen Brief, der «zum Schutz für mein Umfeld» anonym abgefasst ist, fragt ein Schreiber: «Ist es fair, die Behinderten an den Waldrand zu versetzen, nur weil dort gerade ein Schulhaus freisteht?» Mumpf hält er – oder sie – aus mehreren Gründen für nicht geeignet: Das Dorf sei mit dem öffentlichen Verkehr schlechter als Frick erreichbar, der Schulweg führe durch unbebautes Gebiet, eine Teilnahme am Dorfleben sei fraglich und das Dorf habe keine Einkaufsmöglichkeiten. «Vor dem Kochunterricht gehen die Schülerinnen und Schüler in Frick immer einkaufen.» Dies diene verschiedenen Lernprozessen. Zudem fehle in Mumpf ein direkter Kontakt zur Schulsozialarbeit und ältere Schüler hätten keine Kontaktmöglichkeit zu gleichaltrigen Schülern der Regelschule. Sein Fazit: «Dieser Zusammenschluss ist ein politischer Entscheid.»

Was den Schreiber zusätzlich stört: Der Gemeinderat sei gegenüber den Stimmbürgern, den Eltern und den Mitarbeitenden nicht ehrlich gewesen. Als Beleg legt er die Einladung zur Gemeindeversammlung vom Juni 2018 bei, wo unter dem Traktandum «Übergabe der Trägerschaft für die Heilpädagogische Schule» steht: «Für die Schülerinnen und Schüler wird sich kaum etwas ändern. Sie besuchen weiterhin ihre Schule am jeweiligen Standort im gewohnten Umfeld.» Eine gleichlautende Formulierung findet sich auch in der Botschaft an die Rheinfelder Stimmberechtigten.

Gemeinden verweisen auf die Dynamik des Prozesses

Haben die beiden Gemeinden also ihr Wort gebrochen? Man sei im Sommer 2018 tatsächlich davon ausgegangen, dass eine Zusammenführung der Schule an einem Standort eine Frage sei, die sich erst mittelfristig stelle, sagt der Fricker Gemeindeammann Daniel Suter. «In der Projektarbeit zeigte sich dann jedoch rasch, dass die Führung einer einzigen Schule an zwei Standorten gewichtige Nachteile mit sich bringt.» Die rasche Verfügbarkeit des nahe gelegenen ehemaligen Oberstufenzentrums Fischingertal in der Mitte zwischen Rheinfelden und Frick «führte dann zu einer Dynamik, die so nicht vorhersehbar gewesen war».

Ähnlich antwortet Roger Erdin, Stadtschreiber in Rheinfelden. Man habe stets betont, dass eine räumliche Zusammenführung der beiden Schulen eine langfristige Option darstelle. «Mit dem im August dieses Jahres frei gewordenen Oberstufenzentrum Fischingertal hat sich nun schneller als erwartet eine neue räumliche Lösung ergeben, die für die Schule langfristig Vorteile bringt.»

Beide, Suter wie Erdin, verstehen die Kritik und Vorbehalte der Eltern. Sie haben aber auch Verständnis für den Entscheid der Stiftung MBF, die Schule an einem Standort zu konzentrieren. «Dies sichert langfristig eine leistungsfähige Schule mit einem guten Angebot im Fricktal», sagt Erdin. Suter weist auf die Vorteile eines einzigen Standortes hin, etwa bei der Führung, der gemeinsamen Kultur oder der Logistik.

Theoretisch wäre auch ein Ausbau in Frick oder ein Neubau möglich gewesen. Jean-Paul Schnegg, Geschäftsführer der Stiftung MBF, sagte am Mittwoch, man habe dies geprüft. Die Kosten für einen Neubau wären aber mit rund 22 Millionen Franken zu hoch. Suter, der einen Wegzug der HPS aus Frick bedauert, sagt ebenfalls: «Nachdem ein Ausbau der HPS Frick mit langwierigen Planungs- und Bauarbeiten verbunden gewesen wäre, hätten die Räume für die HPS Fricktal in Frick jedoch nicht genug schnell bereitgestellt werden können.»

Das Schulhaus in Mumpf halten beide Gemeinden für geeignet. Sie sagen aber auch, dass es noch etliche offene Fragen – etwa den Schulweg, die Einkaufsmöglichkeiten oder den regelmässigen Austausch mit der Regelschule – gibt und dass diese «offen angegangen und die Unsicherheiten und Ängste ernst genommen» werden müssen, so Suter.

Dies werde die Stiftung MBF, davon sind beide Gemeinden überzeugt, auch tun. Als Beispiel nennt Erdin den regelmässigen Austausch mit der Regelschule, der vielen Eltern ein Anliegen ist. «Mit dem Primarschulverband Fischingertal steht die Stiftung MBF darüber bereits im Gespräch.» Zu den fehlenden Einkaufsmöglichkeiten, die das Schreiben an die AZ thematisiert, sagt Suter, dass die nächsten Einkaufsmöglichkeiten in Stein tatsächlich weiter weg liegen als heute. «Es gilt nun zu prüfen, wie der Einkauf der Schüler in Stein organisiert werden kann und ob dies mit dem öffentlichen Verkehr möglich ist.» Ebenso sollen Schulaktivitäten wie der Besuch des Schwimmbades oder der Kunsteisbahn beibehalten werden, versichert Erdin.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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