Rheinfelden

Gegen die Vetternwirtschaft: In Rheinfelden wachen die Vigilanten darüber, was sich politisch tut

«Beim Hundespaziergang hört man nicht nur Hunde bellen»: Jürg Keller und die Vigilanten wachen über Rheinfelden.

«Beim Hundespaziergang hört man nicht nur Hunde bellen»: Jürg Keller und die Vigilanten wachen über Rheinfelden.

Die Gruppe informiert sich, vertieft sich in Vernehmlassungsunterlagen und Berichte, und wird über Leserbriefspalten oder Mitwirkungsverfahren aktiv. Das gefällt nicht allen, weiss Jürg Keller.

Den Schock hat er bis heute nicht ganz verdaut. «Was da beim Wäberhölzli abging, war abartig», sagt Jürg Keller, nickt und doppelt nach: «Einfach pervers.»

Rückblick. An der legendären Gemeindeversammlung im Dezember 2015 stimmten die Rheinfelder zuerst gegen eine Saubermaterialdeponie im Wäberhölzli, einer bewaldeten Senke. Daraufhin verliessen viele Deponiegegner, siegesgewiss, den Saal.

Zu früh, wie sich zeigte: FDP-Präsident Christoph von Büren stellte einen Rückkommensantrag. Dieser kam durch; die Deponie war angenommen. In der Referendumsabstimmung wurde die Deponie dann mit 1805 Nein- gegen 1588 Ja-Stimmen versenkt.

«Was da geboten wurde, war erschreckend», sagt Keller, einer der lautesten und pointiertesten Wäberhölzligegner von damals, knapp vier Jahre später. Als besonders erschreckend empfand es Keller, dass fast alle politischen Kräfte zusammenspannten, dass hier ein weiteres Stück «Vetterliwirtschaft», wie er es nennt, geschrieben wurde – oder besser: hätte geschrieben werden sollen.

So etwas wolle er nicht nochmals erleben, sagte sich Keller und schloss sich mit Gleichgesinnten zusammen. Zuerst wollten sie den Verein «Unser Rheinfelden» gründen. Zu statisch, zu wenig agil, befanden sie aber alsbald und firmieren seither als Vigilanten.

Wachsam wollen sie sein, wie es der Begriff ausdrückt. «Ein lauter Wecker», fügt Keller schmunzelnd an. «Damit so etwas wie das Wäberhölzli nicht noch einmal passiert.» Es geht ihnen darum, die Lebensqualität in Rheinfelden zu fördern, die Trägheit der Stadt zu bekämpfen – und vor allem: mehr Transparenz in die politischen Abläufe zu bringen.

Oder eben: «Das Geklüngel aufzubrechen.» Dazu informiert sich die fünfköpfige Kerngruppe über alles, was politisch läuft, vertieft sich in Vernehmlassungsunterlagen und Berichte, hört sich um, wird, wenn nötig, über Leserbriefspalten oder Mitwirkungsverfahren aktiv. «Wir spüren auch den Gerüchten nach», erzählt Keller, «und überprüfen sie auf ihren Wahrheitsgehalt.»

Die Gerüchteküche in Rheinfelden pflegt zu brodeln

Gerüchte in Rheinfelden gibt es zuhauf. Keller lacht, als der Journalist ihn auf seine Gerüchteküche-Quellen anspricht. Die gebe er natürlich nicht preis, sagt er dann, nur so viel: «Beim Hundespaziergang hört man nicht nur Hunde bellen.»

Die Vigilanten seien keine Partei, betont Keller, «der Parteiunabhängigkeit messen wir hohes Gewicht bei.» Das versteht sich bei ihm auch von selbst, denn wer ihn kennt, weiss: Von den (allermeisten) Politikern hält er – sagen wir es höflich: wenig. Seine Vorbehalte gegen das Establishment kumulieren in der Antwort auf die Frage, was Rheinfelden brauche: «Einen neuen Stadtammann.»

Keller nippt an seinem Glas Wasser, blickt auf den Rhein, der an diesem Morgen ruhig am Café Graf vorbeifliesst. Schalk spielt um seine Augen. Wenn er lacht, und das tut er oft, hat sein Gesicht etwas Spitzbübisches an sich, etwas Freches auch. Er ist, das spürt man, immer auf dem Sprung – nicht, um wegzulaufen, sondern um einzuhaken, um nachzuhaken. Er habe einen scharfen Stil, ist sich Keller bewusst. «Für viele Rheinfelder zu scharf.» Wieder schmunzelt er. «Andere in unserer Gruppe sind versöhnlicher. Wir haben einen guten Mix.»

Manchmal ist es ein Schattenboxen

Wie jemand aus der Gruppe auftritt, ob scharfzüngig-polternd oder versöhnlich-sanft, schreiben sich die Vigilanten, die auf ein dichtes Netz an Informanten zurückgreifen können, nicht vor. «Es reicht, wenn wir uns inhaltlich einig sind.» Dies seien sie bisher, sagt Keller, der die Gruppe als links-liberal verortet. «Beim Rheinsteg hatten wir allerdings etwas Mühe, um uns zu finden.» Es gelang – und die Findung bedeutet: «Wir sind gegen den Bau des Rheinsteges.» Viel zu teuer sei er, findet Keller, Geld, das man «für Gescheiteres und Wichtigeres» ausgeben solle. Die Stadt betone immer, wie sparsam sie unterwegs sei. «Dazu passt der Steg wie die Faust aufs Auge.»

Solchen Fäusten stöbern die Vigilanten nach, um sie abzufangen, bevor sie zuschlagen können. Manchmal mutiert der Kampf auch zu einem Schattenboxen. Gegen den Begriff Protestbewegung wehrt sich Keller nicht wirklich. «Wir machen aber nicht einfach Protest um des Protests willen, sondern wollen etwas verändern, wollen den Daumen auf wunde Punkte legen.» Das ist ihm wichtig.

Die Arbeit, da ist sich Keller sicher, wird ihnen in den nächsten Jahren nicht ausgehen. Man werde die Ergebnisse des räumlichen Entwicklungskonzeptes, die Ende Monat publiziert werden, «genauestens studieren», verspricht Keller. Manche, das ist er sich bewusst, verstehen das fast schon als Drohung. Nicht sein Problem.

Themen, bei denen die Vigilanten wachsam sein wollen, bei denen sie Wachhunde sein wollen, wenn man so will, sind die Sicherheit, die Rollstuhlfähigkeit, «die Kompetenz und Transparenz der Finanz- und Geschäftsprüfungskommission» und «die Organisation des Stadtbauamtes».

Beim Stadtbauamt ortet Keller «einen Dilettantismus sondergleichen». Ein Lichtpunkt ist für ihn dagegen die Kanzlei. «Sie funktioniert und hat einen Standard, der unglaublich ist.» Zwei Welten in einer.

Keller redet sich in Fahrt. Wenn man Rheinfelden helfen wolle, müsse man zuerst einmal die Macht der staatstragenden Kraft in Rheinfelden, der FDP, aufbrechen. «Das wollen wir argumentativ tun» sagt er, verstummt, schüttelt den Kopf. «Was mich fast am meisten stört, ist, dass die Bürger zum Teil für dumm verkauft werden, ganz nach dem Motto: sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit.»

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Autor

Thomas Wehrli

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