Geerdete Kinder

Die Primarschule Zeihen geht gerne neue Wege. Einer davon führt jede Woche in den Wald unterhalb des Eichwaldes.

Karin Pfister
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Begeistert vom Projekt: Schulleiter Daniel Jeseneg, Colette Basler (Präsidentin der Schulpflege) und Pädagogin Julia Strunz (r.).

Begeistert vom Projekt: Schulleiter Daniel Jeseneg, Colette Basler (Präsidentin der Schulpflege) und Pädagogin Julia Strunz (r.).

Bild: Karin Pfister

Auf Bäume klettern, zusammen einen Stamm zersägen, durch den Wald toben oder Stecken zählen, anstatt auf einem A4-Blatt Rechnungen zu lösen. All dies steht an der Primarschule Zeihen auf dem Stundenplan. Seit den Sommerferien verbringt jede Klasse jede Woche vier Lektionen im Wald, begleitet von den jeweiligen Lehrpersonen und von der extra dafür angestellten Naturpädagogin Julia Strunz. Schulleiter Daniel Jeseneg: «Schule ist längst mehr als reine Wissensvermittlung. Wir möchten die Kinder ihren Fähigkeiten entsprechend fördern.» Dafür brauche es eine gute Lernumgebung. Seiner Meinung nach sei das Schulzimmer mit den zwanzig Plätzen, wo die Kinder mehrheitlich sitzen und bei Desinteresse einfach auf Durchzug schalten können, eher ungeeignet dafür.

Die Begeisterung für die Waldlektionen sei nicht bei allen Kindern gleich gross gewesen; in der Zwischenzeit hätten sich aber alle daran gewöhnt. Das Wetter mache ihnen nichts mehr aus. «Wir gehen immer nach draussen. Wenn es regnet, dann regnet es halt.»

Kinder suchen sich Bäume individuell aus

Der Wald eigne sich besonders gut, um die Kinder zu fördern, weil die Umgebung abwechslungsreich sei. Daniel Jeseneg erklärt dies anhand eines Vergleiches mit einem Hallenbad. «Dort gibt es ein Dreimeter- und ein Einmetersprungbrett. Entweder ein Kind getraut sich in die grosse Höhe oder nicht. Im Wald gibt es viele verschiedene Bäume in allen Grössen. Das Kind kann sich den Baum aussuchen, der gerade zu den momentanen Fähigkeiten passt. Es sind mehr Zwischenschritte möglich.»

Laut Daniel Jeseneg seien die Lektionen im Wald auch eine gute Vorbereitung für die Berufswahl. Kinder, die sich für Berufe wie Landschaftsgärtner, Forstwart oder Bauarbeiter interessieren, können schon jetzt ganz konkret erleben, ob es ihnen gefällt draussen, ob sie sich auch bei Kälte und Regen wohlfühlen.

Ein weiterer Vorteil, so Colette Basler, sei der Umgang mit schwierigen Situationen. «Die Kinder lernen im Wald, dass sie auch mal etwas aushalten und nicht gerade aufgeben können.» Das trainiere die Frustrationstoleranz. Ihr bisheriges Fazit: «Draussenschule macht aus Schülern geerdete Kinder.»

Das Projekt sei das Resultat einer langjährigen Strategie, welche man in Zeihen verfolge, so Colette Basler, Präsidentin der Schulpflege. «In Zeihen geht man mit den Kindern, wann immer möglich nach draussen», sei der Leitgedanke.

Die Rückmeldungen kämen aus der ganzen Schweiz und dem grenznahen Deutschland. Lehr- und Fachpersonen fragen nach und interessieren sich dafür, wie sich die Draussenschule entwickle. Laut Daniel Jeseneg gebe es in der Schweiz nur sehr wenige öffentliche Schulen, die eine ähnliche Strategie verfolgen und den Unterricht draussen so konsequent über alle Klassen, vom Kindergarten bis zur 6. Klasse, umsetzen.

Mit «Draussenschule» den Lehrermangel umgehen

Mit «Draussenschule» sei Zeihen ausserdem als Arbeitgeber attraktiver und könne so den Lehrermangel, der herrsche, umgehen. Besonders schön findet Colette Basler, dass das Projekt breit abgestützt ist. «Den Platz im Wald haben wir zusammen mit dem Gemeinderat, den Jägern und dem Förster ausgesucht.»

Erste konkrete Ergebnisse der Schule im Wald habe man bereits beim Räben Schnitzen der Erst- bis Drittklässler Anfang November gesehen, so Daniel Jeseneg. «Zum ersten Mal, seit ich Lehrer bin, hat niemand ein Pflaster gebraucht. Diese Kinder können schnitzen; die heutigen Erstklässler sowieso.» Das seien die Kinder, die einen Grossteil ihrer Kindergartenzeit im temporären Waldkindergarten – den es aufgrund des Neubaues im Dorf gab – verbracht hatten.