Die alten Geschichten von Feen, Geistern, kopflosen Mönchen und Räubern sind immer noch unter uns. Sie sind nicht vergessen gegangen, nicht einmal Staub haben sie angesetzt – Twitter und Facebook fast wie zum Trotz. Das liegt vor allem an Künstlern wie dem Trio «Schellmerÿ», das ein 90-minütiges Bühnenprogramm mit ebensolchen Geschichten und Liedern gestaltet hat. Am Samstag trat es zusammen mit dem aus dem Bernbiet stammenden Sagenwanderer Andreas Sommer in der Kultschüür in der Altstadt von Laufenburg auf – zum ersten Mal öffentlich in dieser Form. Eine Premiere also, die das Publikum erleben durfte.

Vor vollem Haus wurde es von dem Quartett in eine Welt mitgenommen, in der nichts ist, wie es scheint. Ungeheuerliche Geschichten von vorgestern verdichteten sich zu düsteren Zwischen- und Traumwelten, die sich jederzeit auch in der Gegenwart wieder ereignen könnten, vielleicht in abgewandelter Form, mit anderen Protagonisten. «Schellmerÿ» schafften das Kunststück, ihr Publikum nicht einfach nur zu unterhalten. Mit den mittelalterlichen Liedern und morbiden Sagengeschichten aus der Schweiz, die das Mysterium des Todes umkreisen, hielten sie die Gäste in Atem. Das neue Bühnenprogramm werde «garantiert in die Knochen fahren», hat Kultschüür-Betriebsleiter Martin Willi zuvor angekündigt. Versprochen hat er nicht zu viel.

Der Name «Schellmerÿ» hat übrigens eine Doppelbedeutung: Es ist das alte berndeutsche Wort für Schelmerei und bedeutet «Klang-Geschichten».

Heimspiel

Für zwei Künstler war der Auftritt in Laufenburg ein Heimspiel: Sonja Wunderlin und ihr Lebenspartner Gabriel Kramer waren an mehreren Instrumenten zu hören – unter anderem an Ocarina, Schalmei, Flöten, Dudelsack, Bouzouki, Fussdarabouka, Schellen, Trümpi und Gitarre. Begleitet wurden sie von Sarah Wauquiez an Drehleier, Flöten, Schalmei, Zugerörgeli und Harfe. Wenn sie Lieder zu Dritt sangen, vermochten sie durchaus eine Gänsehautstimmung zu bilden.

Und wenn dann noch Andreas Sommer im dunklen Umhang seine Sagen und Parodien erzählte, wurde es nicht selten schaurig. Sommer benötigte keine Vorlage. Er erzählte frei aus dem Leben der Bauern, Pilger und Geissler, der Landvögte und Ritter, der Mönche und Heiligen, vom Leben und Sterben. Passend dazu die antike Musik aus der Zeit vom frühen Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert, formidabel intoniert von Wunderlin, Kramer und Wauquiez. Das alles hatte Substanz, war gut eingespielt, geriet jedoch nie zur Routine. Was möglicherweise auch an Sommers Improvisationstalent liegt, denn er vermag seine Geschichten immer wieder anders zu erzählen, ohne dabei den Rahmen zu verlassen. Die Kommunikation zwischen ihm und den Musikern war schon fast wie ein Sonntagsspaziergang unter blauem Himmel. Auch wenn es Anflüge von Romantik in den Liedern und Sagen gab: Dazu zu küssen, fiel niemandem ein.

Wer den Auftritt in Laufenburg verpasst hat: Für Daheim gibt es den Silberling «von pfaffen und leÿen». Oder: Warten bis zu den nächsten Auftritten: 19. April im Carré Noir in Biel und 27. Juni am Mittelalterfest Gilgenberg.