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Für ihn war es damals ein Heiligabend-Eisbad mit den Goldfischen

Prominente blättern im Weihnachtsalbum. Heute: Meinrad Bärtschi, der in einen gefrorenen Teich einbrach.

Dennis Kalt
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Der Goldfischteich, in den Meinrad Bärtschi am 24. Dezember 1958 einbrach, existiert nicht mehr. Dennoch lässt er seitdem an gefrorenen Teichen Vorsicht walten.

Der Goldfischteich, in den Meinrad Bärtschi am 24. Dezember 1958 einbrach, existiert nicht mehr. Dennoch lässt er seitdem an gefrorenen Teichen Vorsicht walten.

Zur Verfügung gestellt

Es ist Adventszeit im Jahr 1958: In einer Küche in Umiken wälzt Hedy den Guetzli-Teig auf einem kleinen Holztisch aus. Der sechsjährige Meinrad sticht mit seinem jüngeren Bruder eifrig Sonnen, Sterne und andere Himmelskörper aus der Teigmasse heraus. Ab und an – wenn die Mutter nicht hinsieht –, verschwinden Teile der süssen Backmasse im Mund der kleinen Naschmäuler. Nach einer Weile hängt mehr Mehl im Gesicht der beiden Brüder, als auf dem Tisch liegt.

«Wir haben unglaublich gerne mit unsere Mutter Guetzli gebacken», erzählt Meinrad Bärtschi, 64, und schiebt nach: «Die gemeinsame Zeit mit ihr beim Backen war für mich und Ueli sehr wertvoll, weil sich unsere Eltern kurz vor Weihnachten kaum Zeit nehmen konnten.» So half Mutter Hedy ihrem Mann, der als Posthalter tätig war, dass unzählige Weihnachtskarten und -pakete rechtzeitig bei ihren Empfängern ankamen.

Zwei Brüder auf Tauchstation

Auch bis zum frühen Abend des 24. Dezembers 1958 hatten Mutter und Vater alle Hände voll zu tun. «Oft, wenn unsere Eltern keine Zeit für uns hatten, haben Tante Hedy und Götti Ramser auf uns aufgepasst», erinnert sich Bärtschi. So auch am 24. Dezember 1958. An diesem Tag spielen Klein-Meinrad und Ueli im Garten von Tante Hedy und Götti Ramser. Die Goldfische verfallen in Winterstarre.

Ihr Orange, das durch eine dünne Eisschicht schimmert, hat es beiden angetan. «Komm, wir gehen zum Teich und schauen uns die Fische an», sagt Ueli zu seinem Bruder. Vorsichtig setzen beide ihre Füsse auf den Rand der dünnen Eisschicht – und sie hält. Ueli wird wagemutig und beginnt, wie ein Schlittschuhläufer über den gefrorenen Teich zu gleiten – Meinrad zieht nach. «Obwohl jünger, war Ueli immer schon der Kessere von uns beiden», erinnert sich Bärtschi.

Advent 1958: Meinrad Bärtschi (hinten) mit Mutter Hedy und Bruder Ueli.

Advent 1958: Meinrad Bärtschi (hinten) mit Mutter Hedy und Bruder Ueli.

Das Unglück nimmt seinen Lauf: Unter den beiden Brüdern bilden sich Risse in der Eisdecke. Ein paar Augenblicke später brechen beide in den klirrend kalten Teich ein. «Wir haben wie am Spiess geschrien. Es dauerte einen Augenblick, da kamen Tante Hedy und Götti Ramser und haben uns herausgezogen», erzählt Bärtschi und schiebt nach: «Obwohl sie es uns vehement verboten hatten, auf den gefroren Teich zu gehen, waren sie auf uns nicht böse.» Stattdessen trösten sie Meinrad und Ueli und rubbeln sie mit einem Handtuch trocken. «Ich hatte Tante Hedy und Götti Ramser sehr gerne. Sie haben sich immer gut um uns gekümmert», erzählt Bärtschi.

Ersatzkleider für Meinrad und Ueli gibt es jedoch im Haushalt keine. «Tante Hedy und Götti Ramser stülpten uns Strümpfe über, die uns bis zu den Oberschenkeln gingen. Zudem zogen sie uns Jacken an, die auf Kniehöhe endeten», erzählt Bärtschi. Weil weder die Eltern noch Tante Hedy und Götti Ramser ein Auto besitzen, müssen die Brüder in diesem beschämenden Aufzug nach Hause zu den Eltern laufen. «Es war einer der peinlichsten Momente meines Lebens», sagt Bärtschi mit einem breiten Grinsen.

«Auf dem Heimweg hatte ich ein unglaublich schlechtes Gewissen und Angst, dass meine Eltern schimpfen würden», sagt Bärtschi. Doch weit gefehlt: Vater und Mutter schmunzeln nur. Die Mutter nimmt ihre Söhne auf den Schoss, tröstet sie und streicht ihnen durchs Haar.

Bärtschi sagt: «Egal, was wir taten, unsere Eltern konnten uns kaum böse sein, denn sie hatten uns unglaublich lieb. Und so blieben auch die Geschenke für Meinrad und Ueli an jenem Heiligabend nicht aus.