Fricktal

Fünf Jahre obligatorischer Kindergarten: Früherer Stichtag als Herausforderung

«Wichtig ist es, die Eltern von Anfang an ins Boot zu holen und allfällige Defizite früh anzusprechen», sagt Jacqueline Bürgi (r.). Sie unterrichtet in Möhlin.

«Was wir schon lange machen, wird heute anders wahrgenommen, weil der Kindergarten eben obligatorisch ist», sagt Daniela Bürgi (l.), die in Rheinfelden unterrichtet.

«Wichtig ist es, die Eltern von Anfang an ins Boot zu holen und allfällige Defizite früh anzusprechen», sagt Jacqueline Bürgi (r.). Sie unterrichtet in Möhlin.

Seit fünf Jahren ist der Kindergarten obligatorisch – zwei Kindergärtnerinnen erzählen von ihren Erfahrungen.

Spätestens vor den Frühlingsferien müssen die Kindergartenlehrpersonen ihre Einschätzungsbögen ausgefüllt haben. Im Formular wird jährlich der Entwicklungsstand der Kinder festgehalten und mit den Eltern besprochen. «Im Gespräch mit den Eltern zeigen wir auf, was ein Kind kann und wo es noch Förderung braucht», sagt Daniela Bürgi, die im Kindergarten Haldenweg in Rheinfelden unterrichtet. Der Bogen ist eine der vielen Neuerungen, die Daniela Bürgi in ihren gut 40 Jahren im Beruf miterlebt hat. Er wurde im Schuljahr 2013/14 eingeführt – die beiden Kindergartenjahre sind seither Teil der obligatorischen Schulzeit.

Neu ist hauptsächlich die Form. «Früher hat jeder für sich notiert, was er als wichtig erachtet hat. Auch Standortgespräche gab es immer», sagt Jacqueline Bürgi. Auch sie ist schon fast 30 Jahre im Beruf und arbeitet nach Jobs beim Inspektorat und als Schulleiterin seit sieben Jahren wieder im Kindergarten Breiti in Möhlin. Mit dem standardisierten Bogen sei nun die Verbindlichkeit höher.

Grosse Unterschiede

Steigt damit auch das Konfliktpotenzial mit Eltern, deren Einschätzung sich von jener der Kindergärtnerin unterscheidet? Daniela und Jacqueline Bürgi sprechen beide von einem Prozess während den zwei Kindergartenjahren. «Wichtig ist es, die Eltern von Anfang an ins Boot zu holen und allfällige Defizite früh anzusprechen», sagt Jacqueline Bürgi. So könnten beide Seiten daran arbeiten. Konflikte kämen vor, seien aber selten. Diese entzündeten sich eher beim Übertritt in die Oberstufe, ergänzt Daniela Bürgi. Dort sei auch der Leistungsdruck grösser.

An der alltäglichen Arbeit im Kindergarten, dies betonen beide Lehrpersonen, habe sich kaum etwas geändert, seit der Kindergarten zur obligatorischen Schulzeit gehört. Der Lehrplan sei gleichgeblieben und die Bedürfnisse der Kinder hätten sich ohnehin nicht geändert. Erhöht habe sich auch hier am ehesten die Verbindlichkeit. «Die Primarlehrer können uns in die Verantwortung nehmen. Mit der Orientierung am Lehrplan können wir gewährleisten, dass die Kinder die Grundlagen für den Übertritt in die Schule entwickeln können», so Daniela Bürgi. Wichtig sei aber auch hier der gegenseitige Austausch. «Die Primarlehrer müssen wissen, welche Entwicklung die Kinder im Kindergarten machen und wir müssen wissen, was sie in der ersten Klasse erwartet.»

Weitaus mehr Auswirkungen auf den Alltag als das Kindergarten-Obligatorium habe die Verlegung des Stichtags für den Kindergarteneintritt. Spätestens auf das kommende Schuljahr hin ist dieser am 31. Juli. Kinder, die dann vierjährig sind, besuchen im Regelfall nach den Sommerferien den Kindergarten. Früher war der 30. April das Stichdatum. Dadurch habe die Heterogenität zugenommen, sind sich die beiden Kindergärtnerinnen einig.

In Rheinfelden und Möhlin können Eltern «relativ unkompliziert» eine Rückstellung beantragen und ihr Kind erst ein Jahr später in den Kindergarten schicken. Es kann also vorkommen, dass ein vierjähriges und ein fast siebenjähriges Kind in der gleichen Kindergartenklasse unterrichtet werden. «Es ist eine grosse Herausforderung, den Bedürfnissen der Kleinen gerecht zu werden und gleichzeitig die Grossen auf die Schule vorzubereiten», sagt Jacqueline Bürgi. Und Daniela Bürgi illustriert den unterschiedlichen Entwicklungsstand mit einem Beispiel: «Es kommt vor, dass Kinder gerade mal bis drei zählen können, während andere schon im Hunderterraum rechnen.» Gerade die ersten drei Monate nach den Sommerferien seien jeweils «recht heavy».

Lohn wurde angeglichen

Während sich die tägliche Arbeit und die Aufgaben seit der Einführung des Kindergarten-Obligatoriums wenig geändert haben, ist die Wertschätzung heute eine andere. «Was wir schon lange machen, wird heute anders wahrgenommen, weil der Kindergarten eben obligatorisch ist», sagt Daniela Bürgi. «Eltern sind teilweise überrascht, was alles zum Beruf dazugehört.» So sei spielen eben nicht nur spielen – «sondern auch Kooperation, Kreativität oder das Umsetzen von Projekten».

Eltern, die sich damit auseinandersetzten, «merken schnell, was geleistet wird», hat auch Jacqueline Bürgi festgestellt. Allerdings habe sie auch vor dem Obligatorium von Eltern und Lehrern schon stets Wertschätzung erfahren. «Geändert hat sich aber auf dieses Jahr, dass Kindergartenlehrpersonen gleich entlöhnt werden wie Primarlehrer der Basisstufe.» Dies haben die Kindergärtnerinnen vor Gericht erstritten. «Aber eigentlich wird damit unser Alltag nachvollzogen», so Jacqueline Bürgi.

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