Fricktal
Friedensrichter seit 17 Jahren: Er kennt Nachbars-Streitereien aus dem Effeff

Urs Fricker ist seit 17 Jahren Friedensrichter im Fricktal. Ein Gespräch über den Richter, der nie Henker ist und schon viele zwischenmenschliche Eruptionen miterlebt hat.

Thomas Wehrli
Merken
Drucken
Teilen
«Das Amt macht mir nach wie vor enorm Spass»: Urs Fricker ist einer von vier Friedensrichtern im Fricktal. Thomas Wehrli

«Das Amt macht mir nach wie vor enorm Spass»: Urs Fricker ist einer von vier Friedensrichtern im Fricktal. Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

Geliebt, verhasst, gemobbt, verklagt: Nachbarn können grausam sein, wenn sie einander nicht mögen. Da wird zuleide gewerkt, Lärm gemacht, der Rasen frühmorgens gemäht, die Einfahrt zugeparkt, die Hecke zu dicht gesetzt. Alles ist «erlaubt» – Hauptsache, es sorgt nebenan für rote Köpfe. Und droht einem der Streithähne (die -hennen können es auch) der Kragen zu platzen – man kann auch sagen: wird er güggelrot, landet der Streitfall mitunter bei ihm: Urs Fricker, 55, seit 17 Jahren Friedensrichter im Bezirk Laufenburg.

In diesen Jahren hat er alle Stufen zwischenmenschlicher Eruptionen miterlebt, konnte sämtliche Rotvariationen menschlicher Ausprägung am lebenden Objekt studieren. Besonders krass sei es, wenn zwei Alphatiere aufeinandertreffen, «dann fliegen verbal schon mal gehörig die Fetzen». Fricker lässt die Streithähne dann oft eine Zeit lang gewähren, lässt sie Dampf ablassen. «Wenn ich jedoch merke, dass eine Partei schwächer als die andere ist, greife ich sofort ein und durch.»

Eine Frage des Gespürs

Das Gespür dafür zu haben, was er zulassen kann und was nicht, die Leute so weit gehen zu lassen, dass sie zu erzählen beginnen, sie aber gleichzeitig dergestalt im Griff zu haben, dass er stets der Chef im Ring bleibt – das ist die eine Kunst am Friedensrichteramt, dieser Aufgabe, die Fricker im Nebenamt seit 1998 «leidenschaftlich gern» ausübt.

Die andere: Allparteilich zu bleiben, nicht, wenn er die Unterlagen studiert hat, mit einer vorgefassten Meinung an eine Verhandlung zu gehen. «Das gelingt mir sehr gut», ist Fricker überzeugt, der im Hauptberuf für die Suva arbeitet, hier gelernt hat, «tragfähige Lösungen mit den Leuten zu finden».

Das Finden einer Lösung, das Erarbeiten eines Kompromisses – das ist der Lohn seiner Arbeit, das ist es, was ihn am Friedensrichteramt reizt. «Ich bin auch privat der Typ, der stets versucht, zu vermitteln, einen Konsens zu finden», erzählt er, zu Hause, in Wölflinswil. Wenn die Parteien nach einer Verhandlung aufstehen, sagen, jetzt ist gut, jetzt ist die Sache gegessen, wenn sie sich die Hände reichen – dann beobachtet Fricker die Szene mit einer tiefen Zufriedenheit. Er sagt aber auch: «Ein Vergleich ist dann gut, wenn beide Parteien gleich unzufrieden hinausgehen.»

Zahl der Fälle nimmt ab

Es gelingt Fricker längst nicht immer, einen Kompromiss zu finden. Je nach Jahr und Art der Fälle – neben Nachbarschaftsstreitigkeiten gehören Geldforderungen zu den Hauptstreitpunkten – liegt die Erfolgsrate zwischen 30 und 80 Prozent. Wer nicht einverstanden ist, wer dem Vergleich nicht zustimmt, kann den Fall weiterziehen – ans Bezirks- oder direkt ans Obergericht, je nach Art des Entscheids.

Fricker beobachtet zwei divergierende Entwicklungen: Einerseits nimmt die Zahl der Fälle seit Jahren ab. Vor 17 Jahren, als er anfing, wurde der Friedensrichter im Aargau an die 4000-mal pro Jahr angerufen; im letzten Jahr bearbeiteten die 69 Friedensrichter noch rund 3200 Fälle. «Vielleicht streiten die Leute heute einfach weniger», sagt Fricker, sagt es mit einem Augenzwinkern. Man würde es gerne glauben.

Andererseits hat die Zahl der Prinzipienreiter stark zugenommen. Die einen Ritter des Prinzipienordens wähnen sich im Recht – und wollen dies von einem Richter bestätigt haben. Schwarz auf weiss. Die anderen wissen, dass sie im Unrecht sind, wollen aber sehen, wie viel Schnauf die Gegenpartei hat. Ein morbides Spiel.

Auch der Umgang miteinander hat sich verändert, auch er nicht zum Besseren. «Früher rumpelte es zwar auch gewaltig. Doch dann setzte man sich zusammen an einen Tisch, rang um einen Kompromiss – und gab sich am Schluss die Hand.» Und heute? Oft gehen die Parteien im Streit auseinander. Ohne Blickkontakt, ohne Adieu, ohne Nichts. «Das stimmt traurig.»

Napoleon lässt grüssen

Denn genau das will die Institution Friedensrichter, die noch auf Napoleon zurückgeht, verhindern. Sie will eine niederschwellige Möglichkeit bieten, um Streitfälle beizulegen, will das Feuer löschen, bevor es lichterloh brennt. «Sie will die Probleme zu einem Zeitpunkt lösen, in dem die Parteien noch Kompromisse eingehen können.»

Diese Gratwanderung zwischen Vergleich und Verfahren, zwischen Handschlag und «mer gsend eus vor Gericht weder!» immer wieder aufs Neue zu gehen, ist Frickers Job. Und zugleich seine Passion. «Das Amt macht mir nach wie vor enorm Spass», erklärt er und auf die Frage, wie lange er es machen will, antwortet er sibyllinisch: «Spätestens mit 70 muss ich aufhören; dann kommt die Altersguillotine.»

Bis dahin wird er noch oft zu hören bekommen: «Hallo, der Herr Nachbar piesackt mich» und sich, mit Cindy & Bert, wünschen: «Verzeihung, Herr Nachbar, unsre Welt braucht Liebe – bitte recht freundlich, und nicht gleich so feindlich, unsre Welt, die braucht Humor.»