Frauen besitzen nur 1 Prozent der weltweiten Vermögen. Punkt. Solche Fakten treiben Ursula Nakamura-Stoecklin aus Wölflinswil an. Die 76-Jährige kann auch nicht akzeptieren, dass Mädchen in Pakistan nicht Velo fahren dürfen. «Wenn es nicht so viele Zivilorganisationen gäbe, wäre es sogar noch viel schlimmer auf dieser Welt», sagt sie und zieht ein Tablet aus ihrer Handtasche, berührt den Bildschirm kurz und kommentiert voller Begeisterung ihre Schnappschüsse, die sie vor wenigen Wochen am UNO-Hauptsitz in New York gemacht hat. Die Fricktalerin setzt sich seit über vier Jahrzehnten auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene für Frauenrechte ein.

Seit der letzten UNO-Weltfrauenkonferenz in Peking sind 20 Jahre vergangen. In der damals verabschiedeten Aktionsplattform verpflichteten sich die Mitgliedstaaten rund um den Globus dazu, die Gleichstellung der Geschlechter in allen Bereichen der Gesellschaft wie Politik und Wirtschaft zu fördern. Doch mit der Umsetzung hapert es – je nach Staat – mehr oder weniger stark. An der diesjährigen 59. Session in New York der UN-Frauenrechtskommission (Commission on the Status of Women, CSW), der 45 Staaten inklusive der Schweiz angehören, nahmen zusätzlich über 6000 Frauen und einige Männer als Vertreter der Zivilgesellschaft teil.

Nakamura war zum ersten Mal dabei – als eine von weltweit 20 Delegierten der Internationalen Frauenallianz (IAW). Unter dem Motto «Beijing +20» wurde einerseits kritisch überprüft, was seit der UNO-Weltfrauenkonferenz in Peking erreicht worden ist. Andererseits galt es, die gesamte Staatengemeinschaft mit einer politischen Erklärung zu verpflichten, sich auch in Zukunft für die Gleichberechtigung der Geschlechter – konkret der Menschenrechte für Frauen und Mädchen – einzusetzen.

Die Aargauerin mit Basler Wurzeln stellte während zweier Wochen vor Ort ihr individuelles Programm an Vorträgen und Diskussionsgruppen zusammen. Der Ansturm auf die Veranstaltungen war gross. «Ich spüre eine unglaubliche Kraft von Leuten, die in Ländern mit schwierigen Bedingungen leben und dennoch viele konkrete Ansatzpunkte haben», sagt Nakamura und fährt fort: «Das gab mir einen wahnsinnigen Motivationsschub.»

So konnte sie direkt mitverfolgen, wie offizielle Regierungsdelegationen eine politische Deklaration der CSW ausarbeiteten. Die darin definierten Absichten sollen bis im September möglichst umfassend Aufnahme in den Nachhaltigen Entwicklungszielen (Sustainable Development Goals, SDG) der UNO finden, die der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene dienen und von der Generalversammlung verabschiedet werden. Die SDG wurden als Weiterführung der UNO Millennium-Entwicklungsziele (2000–2015), entworfen. Mit den SDG wird der Prozess, der nun alle Länder umfasst, unter verstärktem Fokus auf Klimawandel und Nachhaltigkeit fortgesetzt.

Der Schweiz, die dieses Jahr in der CSW eine wichtige Rolle hat, ist es gelungen, das Wording für den Entwurf dieser politischen Deklaration so auszuloten, dass sie am Schluss von allen 193 Staaten unterzeichnet wurde. Dabei ging es auch um Begriffe wie «girls» (Mädchen) oder «families» (Plural, damit verschiedene Familienmodelle eingeschlossen sind). Das war eine Riesenanstrengung, wie Christine Schneeberger vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) den zehn Schweizerinnen bei einem informellen Info-Austausch bei der Schweizer Mission schilderte. Schneeberger betonte, dass sich die Schweiz neben der Integration der Gleichstellung in die SDG auch für eine vermehrte Finanzierung der Gleichstellungsprojekte über das UNO-Budget einsetze. Nakamura spricht von hoher Diplomatie, für die die Schweiz kaum Anerkennung bekomme. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren endeten ähnliche Bemühungen in einem Chaos und es gab keine Lösung.

Die Wölflinswilerin traf am UNO-Hauptsitz und im Church Center auf Afrikanerinnen in leuchtend farbigen Gewändern, auf elegante Musliminnen mit Kopftuch und in der Cafeteria auf eine nervöse Ministerin aus Costa Rica. «Diese Frau hielt kurz danach eine Rede im Saal und war im Zwiespalt, ob sie die hohen Erwartungen der Besucherinnen vor Ort und der Leute in ihrem Heimatland erfüllen kann», erzählt Nakamura.

Selber befasste sich die diplomierte Pflegefachfrau unter anderem mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Frauen, die wegen Wasser- oder Energieknappheit vermehrt an Krankheiten leiden. Weitere Themen waren der Einbezug der Männer, Nachhaltigkeit im urbanen Bereich, der Nutzen der Sozialen Medien sowie der generationenübergreifende Austausch zwischen jungen und älteren Frauen. «Das war kein Schreibtischgeplapper, sondern es ging um konkreten Erfahrungsaustausch und Zukunftsperspektiven», schwärmt Nakamura und hofft, dass vieles davon auch in der Schweiz spürbar wird.