Fricktaler Persönlichkeiten
Sie brachte die Augen der Mädchen zum Glänzen: Warum Nanette Kalenbach Rheinfelden prägte und eine eigene Treppe erhielt

Sie war 1855 Mitgründerin des Gemeinnützigen Frauenvereins Rheinfelden und über fünf Jahrzehnte lang Arbeitsoberlehrerin. Fast 100 Jahre nach ihrem Tod widmete die Stadt Maria Anna Emilia Kalenbach-Schröter, genannt Nanette, eine Treppe.

Nadine Böni
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Die «Nanette Kalenbach»-Treppe führt von der Bahnhofstrasse zur Stadtkirche St.Martin und heisst seit 2005 so.

Die «Nanette Kalenbach»-Treppe führt von der Bahnhofstrasse zur Stadtkirche St.Martin und heisst seit 2005 so.

Nadine Böni

Die Stadt Rheinfelden hat viele wichtige Frauenfiguren hervorgebracht. Kein Wunder, hat das örtliche Tourismusbüro ihnen eine Tour durch die Altstadt gewidmet. Agnes von Rheinfelden wird da vorgestellt und Kaiserin Maria Theresia, deren Porträt noch heute im Rathaus der Stadt hängt. Und: Nanette Kalenbach-Schröter.

In einer losen Serie stellt die AZ Persönlichkeiten vor, denen im Fricktal ein Platz, eine Strasse oder ein Brunnen gewidmet sind. Nanette Kalenbach-Schröter ist eine von ihnen. 2005 benannte die Stadt die Treppe zum Kirchenplatz der Stadtkirche Sankt Martin nach ihr.

Anna Maria Emilia Kalenbach-Schröter, gerufen Nanette, ist in Rheinfelden eine Treppe gewidmet. Das Bild stammt von frühestens 1900, spätestens 1917.

Anna Maria Emilia Kalenbach-Schröter, gerufen Nanette, ist in Rheinfelden eine Treppe gewidmet. Das Bild stammt von frühestens 1900, spätestens 1917.

Bild: Fricktaler Museum

Welch Bedeutung sie in der Stadt hatte, zeigt sich auch daran, dass zu ihrem Tod im April 1917 ein Nachruf in der «Volksstimme für das Fricktal» erschien – zur damaligen Zeit eine grosse Ehre, gerade für eine Frau.

Sie trat die Nachfolge ihrer Mutter an

Nanette Kalenbach wurde am 28. Januar 1831 als Maria Anna Emilia Schröter in Rheinfelden geboren. Sie war die zweitjüngste Tochter von Amtsstatthalter Fridolin Schröter und seiner Frau Viktoria. Schon in ihrer Familie wurde sie «Nanette» gerufen.

Nanette Kalenbach-Schröter wurde Arbeitsoberlehrerin und blieb dies über Jahrzehnte. Hier der Zeitungsbericht in der «Volksstimme» zum 50-Jahr-Jubiläum.

Nanette Kalenbach-Schröter wurde Arbeitsoberlehrerin und blieb dies über Jahrzehnte. Hier der Zeitungsbericht in der «Volksstimme» zum 50-Jahr-Jubiläum.

Bild: Rheinfelder Neujahrsblätter (1947)

1850, also im Alter von 19 Jahren, wurde sie Oberarbeitslehrerin und damit Nachfolgerin ihrer Mutter, der ersten Oberarbeitslehrerin des Bezirks. Ein Amt, das sie über viele Jahrzehnte innehielt. In der «Volksstimme» heisst es dazu:

«Sie wusste ihr Wissen und Können ihren Schülerinnen in so begeisternder Weise zu vermitteln, dass der gute Erfolg nicht ausblieb.»

Gelobt werden aber nicht nur ihre fachlichen Fähigkeiten, sondern vor allem auch ihr Wesen: «Der herzliche und gemütliche Ton, der ihr gesamtes Wirken begleitete, leuchtete stets wie ein Freudenschimmer durch die Schulen hindurch, und nie erklangen die Lieder der Mädchen so freudig und glänzten die Augen so hell, als wenn ihre Oberlehrerin unter ihnen war und zum Abschied mit ihnen noch ein Lied anstimmte.»

Gustav und Nanette Kalenbach-Schröter lebten mit ihren Kindern im Beuggenhaus.

Gustav und Nanette Kalenbach-Schröter lebten mit ihren Kindern im Beuggenhaus.

Bild: Rheinfelder Neujahrsblätter (1947)

1860 heiratete Maria Anna Schröter den Zeichnungslehrer und Künstler Gustav Kalenbach. Die beiden hatten zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Die Familie lebte in der Altstadt an der Marktgasse und später im Beuggenhaus bei der Kirche.

Als es in der Stadt noch keinen Strom gab

Neben Amt und Familie engagierte sich Nanette Kalenbach auch sozial. Dies in einer Stadt, deren rund 2000 Einwohnerinnen und Einwohner noch innerhalb der Stadtmauern lebten, wo es in Häusern und Strassen weder Elektrizität noch fliessendes Wasser gab – und in deren Bevölkerung die gesellschaftlichen Strukturen klar und geregelt waren.

In einer Stadt allerdings auch, die eine entwicklungsintensive Zeit erlebte. 1844 etwa waren die Salzvorkommen in Rheinfelden, Ryburg und Schweizerhalle entdeckt worden, 1875 wurde der Bahnhof Rheinfelden fertiggestellt. Vor den Toren der Stadt bauten die Brauereien Feldschlösschen und Salmenbräu ihre Fabrikationsgebäude und es entstanden die ersten Industrievillen.

Gustav Kalenbach war Zeichnungslehrer und Künstler.

Gustav Kalenbach war Zeichnungslehrer und Künstler.

Bild: Rheinfelder Neujahrsblätter (1947)

In diese Zeit fiel 1855 die Gründung des Gemeinnützigen Frauenvereins Rheinfelden. Nanette Kalenbach-Schröter war nicht nur Mitgründerin sondern bis 1896 auch erste Präsidentin.

Es galt damals als vornehme Pflicht von Frauen aus bürgerlichen Familien, Gutes zu tun. Entsprechend setzte sich der Vorstand lange Zeit aus der Elite der Gesellschaft zusammen, waren Frau Lehrer ebenso vertreten wie Frau Doktor oder Frau Stadtrat.

Hilfe ohne religiöse Schranken

Ihren Einfluss in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nutzten die Frauen, um notleidenden Familien und Einzelpersonen zu helfen – und das «ohne religiöse Schranken», wie es in der Jubiläumsschrift zum 150. Geburtstag des Vereins heisst. Und weiter:

«Die weitsichtigen und einsatzfreudigen Frauen um Frau Nanette Kalenbach-Schröter schufen eine Organisation, die sich den Frauen, Kindern und den bedürftigen Personen der Stadt annahm.»

Gleichzeitig konnten sich die Frauen durch ihre Arbeit Achtung verschaffen und als Mitglieder des Vereins ohne männliche Begleitung in der Öffentlichkeit auftreten. In der Jubiläumsschrift heisst es dazu: «Das gruppenweise Erscheinen, die legitime Vernachlässigung häuslicher Geschäfte und das Heraustreten aus dem engen Wirkungskreis der eigenen Familie wurden von den Mitgliedern als Wohltat empfunden und brachten Abwechslung in den Alltag.»

Und Nanette Kalenbach-Schröter gilt bis heute als wichtige Förderin der Frauenarbeit und des Arbeitsschulwesens.

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