Gipf-Oberfrick
Fricktaler Co-Dekan: «Ich würde ein homosexuelles Paar segnen»

Martin Linzmeier ist Co-Dekan im Dekanat Fricktal und Gemeindeleiter von Gipf-Oberfrick. Mit der az sprach er über die laute Stimme aus Chur, Klapse auf den Hintern und was aus der Kirche wird.

Thomas Wehrli
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«Ich weigere mich, zu akzeptieren, dass das, was der Bischof von Chur sagt, die Stimme der Kirche ist»: Co-Dekan Martin Linzmeier.

«Ich weigere mich, zu akzeptieren, dass das, was der Bischof von Chur sagt, die Stimme der Kirche ist»: Co-Dekan Martin Linzmeier.

Thomas Wehrli

Die katholische Kirche kommt nicht aus den Schlagzeilen heraus. Bischof Vitus Huonder will Wendelin Bucheli, den Pfarrer von Bürglen, loswerden, weil er ein lesbisches Paar gesegnet hat. Papst Franziskus legitimiert den Klaps auf den Hintern als Erziehungsmethode. Die katholische Kirche verliert Mitglied um Mitglied und bald ist niemand mehr da, der für die verbliebenen Seelen schaut.

Die az hat Martin Linzmeier, Co-Dekan im Dekanat Fricktal und Gemeindeleiter von Gipf-Oberfrick, mit 11 provokativen Thesen zur Zukunft der Kirche im Fricktal konfrontiert.

1 Der Fall Bürglen zeigt: Homosexuelle sind in der katholischen Kirche nicht erwünscht.

Das ist teilweise richtig. Die offizielle Lehre ist strikt und sagt: Das geht nicht. Die Praxis an der Basis jedoch sieht in vielen Fällen anders aus. Es gibt heute an etlichen Orten Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare. Auch hier in Gipf-Oberfrick findet eine solche Feier im Mai statt. Die Anfrage dazu kam von Kurt Adler, dem Leiter «Bildung mobil» der katholischen Landeskirche. Ich sprach mit dem Pfarreirat und er war damit einverstanden. Kurt Adler wird die Feier gestalten.

Würden auch Sie ein homosexuelles Paar segnen?

Ja, wenn das Paar die Beziehung in Verantwortung voreinander und vor Gott leben möchte, dann scheint in dieser Liebe auch Gott auf. Einer Segnung steht damit nichts im Weg.

Haben Sie keine Angst davor, dass Sie dann auch von Ihrem Bischof, Felix Gmür, entlassen würden?

Nein. Wichtig ist für mich: Was brauchen die konkreten Menschen, die ich vor mir habe, und was kann ich ihnen als Seelsorger der Kirche geben. Grundsätzlich steht jedem Menschen Segen zu.

2 Der Fall Bürglen zeigt: Motorräder (die darf man segnen) sind der Kirche mehr wert als Menschen, die nicht dem katholischen Bild entsprechen.

Ich weigere mich, zu akzeptieren, dass das, was der Bischof von Chur sagt, die Stimme der Kirche ist. Der Grossteil der Basis stimmt mit seiner rigorosen Haltung nicht überein – auch im Fall des Pfarrers von Bürglen nicht.

Würden Sie Motorräder segnen?

Man segnet ja nicht die Motorräder, sondern die Menschen, die sie benutzen. (Lacht.) Ich bin für die Segnung von Velos zuständig, für die Motorräder mein Wittnauer Kollege Christoph Küng.

3 Die Konservativen um Bischof Vitus Huonder gewinnen an Einfluss. Die Kirche ist immer fundamentalistischer unterwegs.

Da kann ich nicht widersprechen. Die letzten Bischofsernennungen in Europa deuten leider in diese Richtung. Das ist traurig, denn das fördert die Spaltung, mit der die Kirche ohnehin zu kämpfen hat, noch zusätzlich.

Wo steht die Kirche Fricktal auf der Fundamental-Achse?

Ziemlich in der Mitte. Die Pfarreien im Fricktal haben ganz unterschiedliche Wege hinter sich. Je nachdem, wer eine Gemeinde geprägt hat, ist sie progressiver oder konservativer unterwegs. Erzkonservative auf «Churer Linie» gibt es im Fricktal allerdings kaum.

4 Personalien wie die Entlassung des Bischofssprechers Simon Spengler zeigen: Die Kirche predigt Nächstenliebe, praktiziert aber das Gegenteil.

Die Entlassung dürfte die Spannungen innerhalb der Bischofskonferenz widerspiegeln. Sie sind sich allem Anschein nach nicht einig, welche Art von Öffentlichkeitsarbeit sie möchten und mit welchen Köpfen sie diese machen wollen. Ich selber fand es auch gut, dass man mit Werner De Schepper einen Kommunikationsprofi in die Medienkommission geholt hatte, der als Theologe die Kirche von innen kennt. Solche Leute werden offenbar nicht mehr gewollt.

Spannungen gibt es in jedem Team. Wie geht man im Dekanat Fricktal damit um?

Wir versuchen, die Probleme im Dialog zu lösen. Es gelingt uns aber längst nicht immer, alle Spannungen abzubauen. Zum Teil muss man sie auch aushalten.

Liegt es auch daran, dass der Seelsorger per se ein Narzisst ist?

Nein, Narzissten sind wir nicht. Das Problem ist eher, dass das System erlaubt, Einzelkämpfer zu sein und sein eigenes Territorium zu bewirtschaften. Die Frage ist dann: Suche ich die Zusammenarbeit oder verschanze ich mich in meiner Gemeinde.

5 Die katholische Kirche rutscht in gesellschaftspolitischen Fragen immer weiter nach rechts.

Das ist definitiv nicht so. Es ist vielmehr eine Frage der Wahrnehmung. Wir haben die Lautsprecher in Chur und die werden laufend zitiert. Doch sie sprechen für eine Minderheit. Der Grossteil ist auf einem fortschrittlichen Weg.

Wo positionieren Sie sich selber?

Auf der progressiven Seite. Ich trete seit längerem ein für Veränderungen in der Kirche wie ein Mitbestimmungsrecht bei der Bischofswahl, das Frauenpriestertum oder die Abschaffung des Zölibats. Wichtig wäre auch, dass die Kirche noch viel klarer Position in gesellschaftspolitischen Fragen – wie der Armutsbekämpfung – bezieht.

Progressiv wäre auch, wenn sich die Kirche nicht mehr in die Empfängnisverhütung einmischen würde.

Diese Frage hat sich doch längst entschieden; in Sachen Empfängnisverhütung fragt nun wirklich niemand mehr die Kirche.

Das Problem ist: Sie redet ungefragt – wie bei der Frage, ob eine Frau abtreiben darf oder nicht.

Jede Abtreibung ist für mich eine zuviel. Leider leben wir nicht in einer idealen Welt. Die Frage ist: Wie geht man mit den betroffenen Frauen und Männern um? Ich bin der Überzeugung: Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Gesellschaft so verändert, dass jede Frau, jeder Mann ja zum gewollten oder ungewollten Kind sagen kann. Zum anderen muss sich die Kirche bewegen. Frauen, die abgetrieben haben, dürfen nicht länger aus ihr ausgeschlossen werden. Wir brauchen auch ein Klima des Vertrauens und der Barmherzigkeit in unseren Pfarreien, damit überhaupt offen über das Thema und die Erfahrungen damit gesprochen werden kann.

6 Der Papst postuliert den Klaps als Erziehungsmethode. Die Kirche ist in Gesellschaftsfragen im 19. Jahrhundert stehengeblieben.

Halt, halt! Papst Franziskus postuliert den Klaps nicht, sondern er hat nur gesagt, dass ein solcher in Ordnung geht. Er kommt aus einer anderen Kultur und ist 78 Jahre alt. Fragen Sie einmal die 80-Jährigen bei uns – manch einer würde den Klaps auf den Hintern ebenfalls befürworten.

Wie halten Sie es mit Klapsen?

Ich halte nichts von körperlichen Züchtigungen als Erziehungsmethode.

7 Der Papst kritisiert den Kinderverzicht. Die katholische Kirche hat keine Legitimation, sich in Erziehungsfragen einzumischen.

Ob ein Paar Kinde hat und wie viele, ist der Gewissensentscheid jedes einzelnen Paares. Die Kirche darf allerdings schon darauf hinweisen, wie wichtig es ist, Leben weiterzugeben.

8 Papst Franziskus gilt als Erneuerer der katholischen Kirche. Das ist mehr Schein als Sein.

Es gibt viele Leute, die sagen: Das 2015 ist das entscheidende Jahr; jetzt muss er liefern. Diese Aussage zeigt, dass wir viel zu stark auf eine Person fixiert sind. «Papst Franziskus muss liefern – sonst läuft nichts.» So funktioniert das nicht und das will auch Franziskus nicht. Er stösst Diskussionen an und sagt: Macht was draus. Das haben wir noch gar nicht richtig begriffen, wohl auch unsere Bischöfe nicht. Franziskus gibt uns den Freiraum, selber zu gestalten.

Was hat Franziskus bei den Seelsorgenden im Fricktal verändert?

Die Stimmung ist besser geworden, eine Erleichterung ist spürbar. Unter Papst Benedikt herrschte eine sehr lähmende Stimmung. Was mich sehr freut, sind seine gesellschaftspolitischen Aussagen, etwa jene, dass der Kapitalismus tödlich ist. Er legt den Finger auf wunde Punkte und das kann für uns in der Region ein Impuls sein.

9 Der Churer Generalvikar Martin Grichting will die Landeskirchen abschaffen. Er liegt richtig.

Er liegt garantiert nicht richtig. Das System der Landeskirchen hat sich in der Schweiz bestens bewährt und trägt auch zum Religionsfrieden bei. Sicher, man muss das System an die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen, aber abschaffen – das ist der falsche Weg. Das würde der Privatisierung der Religion Vorschub leisten.

Spielen wir den Gedanken dennoch durch: Wie sähe die Arbeit ohne Landeskirche im Fricktal aus?

Es würde uns ein gutes Stück Selbstständigkeit rauben und es würde unser Bild von Kirche verändern. Heute sind wir eine Kirche, an der die Menschen partizipieren und nicht bloss als «Schafe» dem Hirten folgen. Wir sind eine Gemeinschaft von selbstverantwortlichen, getauften Christen, die sich selber organisiert. Das ist mir viel wert.

10 Die katholische Kirche stirbt aus.

Die katholische Kirche wird sich in den nächsten 10, 20 Jahren stark verändert. Sie wird kleiner werden. Wir werden von der Selbstverständlichkeit, zur Kirche zu gehören, Abschied nehmen müssen. Das wird schwerfallen, aber aussterben wird die Kirche nicht.

Was bedeutet das Kleinerwerden?

Wir müssen uns überlegen, wie wir noch Kirche vor Ort sein können, wie wir uns mit dem zunehmenden Mangel an Seelsorgern organisieren und was wir mit unseren grossen Gebäuden machen.

Die Gebäude kann man umnutzen. Wie wäre es mit einer Loft-Wohnung in der Kirche von Gipf-Oberfrick?

Die Vorstellung fällt mir schwer. Die Kirche ist für mich nicht einfach ein Gebäude, das man beliebig nutzen kann. Der Raum wird geprägt von den Gebeten und Feiern, die darin stattgefunden haben. Das macht den Ort zu einem besonderen Ort. Wenn nun darin plötzlich ein Supermarkt eingerichtet würde. . . Ich will gar nicht daran denken, das würde mich extrem stören.

Ab wann hat das Fricktal keine Seelsorger mehr, wenn es so weitergeht?

Hauptamtlich bezahlte Seelsorger haben wir vielleicht in 20 Jahren keine mehr. Seelsorgende hingegen werden wir auch dann noch viele haben. Denn jeder Mensch, der für seinen kranken Nachbarn da ist und seine Sorgen abhört, ist eine Art Seelsorger.

11 Die Kirchensteuern gehören abgeschafft. Die Kirche muss sich aus eigener Kraft finanzieren.

Die Kirche finanziert sich auch heute aus eigener Kraft. Jeder Katholik zahlt einen Beitrag, nach seinem Einkommen bemessen. Das ist ein sehr soziales System. Natürlich kann man sagen: Die Kirche muss sich, wie jede Organisation, über Spenden finanzieren. Dann geht einfach ein Grossteil der Zeit für das Spendensammeln statt für die Seelsorge drauf. Das macht keinen Sinn.

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