Fricktal
Wegen des Klimawandels finden sie mehr Futter: Wildschweine vermehren sich stark

Derzeit sind aussergewöhnlich viele Bachen mit Frischlingen in den Fricktaler Wäldern unterwegs. Das hat wohl vor allem einen Grund: Das Nahrungsangebot war in den vergangenen Monaten gross, was wiederum mit dem Klimawandel zusammenhängt. Die wachsende Population und starke Vermehrung stellt die Jagdgesellschaften vor eine Herausforderung.

Nadine Böni
Drucken
Teilen
In den Fricktaler Wäldern sind derzeit viele junge Wildschweine unterwegs.

In den Fricktaler Wäldern sind derzeit viele junge Wildschweine unterwegs.

Jmrocek / iStockphoto

Die Wildschweine in den Baselbieter Wäldern haben sich im laufenden Jahr stark vermehrt. Bei einer Zählung der Jagdgesellschaften wurden kürzlich 1535 Frischlinge gemeldet. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr waren es 875. Das schreibt die Baselbieter «Volksstimme». Anders als im benachbarten Baselbiet liegen aus dem Fricktal zwar keine genauen Zahlen vor. Aber: Der Eindruck ist derselbe – es sind derzeit überdurchschnittlich viele Bachen mit Frischlingen in den Wäldern unterwegs.

Das bestätigt etwa Willy Itin, Jagdaufseher im Revier Rheinfelden. «Auffällig ist dabei vor allem, dass es doppelt Jungtiere hat», sagt er. Heisst: Die jungen Wildschweine, die erst im Frühjahr zur Welt kamen, haben bereits selbst Frischlinge – und ihre Mütter ein zweites Mal im laufenden Jahr. «Deshalb hat es auch viele Frischlinge im Wald, die erst einige Wochen alt sind», so Itin.

Kaum ein Wildschwein verhungerte

Den Grund für den enormen Zuwachs sehen Jäger und Fachleute im grossen Nahrungsangebot – und zwar im Wald. Im vergangenen Herbst kam es in der Region verbreitet zu einer sogenannten Baummast bei Buchen und Eichen. Als solche versteht man Jahre, in denen die Bäume eine besonders grosse Samenproduktion aufweisen. Davon profitierten auch die Wildschweine. Eicheln und Bucheckern – in der Deutschschweiz als Buechenüssli bekannt – waren «im Überfluss vorhanden», sagt Erwin Osterwalder, Fachspezialist für Jagd und Fischerei beim Kanton. Und:

«Die Wildschweine setzen ein solch grosses Nahrungsangebot sofort in Reproduktion um. Die Bachen gebären entsprechend auch mehr Frischlinge.»

Kommt hinzu, dass durch das grosse Nahrungsangebot im Wald kaum ein Wildschwein verhungerte – und: Dass die Tiere den Wald auf Futtersuche seltener verliessen, was wiederum die Bejagung erschwerte.

Klimawandel begünstigt Reproduktion

Bereits seit Jahren ist bekannt, dass die Baummast ein wichtiger Motor für übermässiges Bestandeswachstum bei Wildschweinen ist. Bis vor 25 Jahren beglückten Buchen und Eichen nüsseliebende Waldbewohner ungefähr alle vier bis sieben Jahre mit einem reichhaltigen Schlemmerangebot. Inzwischen aber habe sich die Buchen- und Eichenmast verändert, sagt Osterwalder.

«Sie kommt deutlich häufiger vor. Teilweise haben die Bäume jedes zweite Jahr mindestens eine Halbmast.»

Ökologen vermuten, dass dies mit dem Klimawandel zusammenhängt, auch wenn das noch kaum dokumentiert ist.

Mehraufwand für Jagdgesellschaften

So oder so: Die grosse Wildschweinpopulation bringt den regionalen Jagdgesellschaften mehrere Herausforderungen. «Wir haben in den kommenden Monaten sicher mehr zu tun, um den Bestand zu regulieren», sagt Amadé Franzen, Jagdaufseher in Kaiseraugst. Wobei auch der Druck aus der Landwirtschaft nicht eben klein sei, da viele Bauern Ernteausfälle durch Wildschäden fürchteten.

In den vergangenen Wochen seien die Wildschweine denn auch vor allem auf den Feldern bejagt worden, um eine abschreckende Wirkung zu erzielen. Nun, da kaum mehr Korn steht, werde die Jagd vermehrt an den Kirrungen – also den Futterstellen – fortgeführt, so Franzen. Die spezielle Situation mit den vielen Frischlingen erschwert dabei die Bejagung. Bachen, die Frischlinge führen, dürfen nicht geschossen werden. Franzen:

«Da die Bachen aber teilweise sehr jung sind, müssen wir sehr genau hinschauen.»

Gleichzeitig könnten nicht alle Bachen verschont werden, weil der Bestand bis ins kommende Jahr sonst erneut stark zu wachsen droht. «Es ist eine schwierige Situation», sind sich die Jäger einig.

Herbstjagd: Coronaregelungen gelockert

Noch im vergangenen Jahr konnten die Jagdgesellschaften die Herbstjagd – im Volksmund auch Treibjagd genannt – nur im eingeschränkten Rahmen durchführen. Nun lassen die Lockerungen der Coronaregeln wieder mehr zu. Der Verband Jagd Aargau hat die geltenden Bestimmungen auf seiner Website zusammengefasst.

Demnach gelten für die Herbstjagd die Regeln für Veranstaltungen im Freien – womit maximal 500 Personen ohne Zertifikat teilnehmen und sich frei bewegen dürfen. «Bei genügenden Platzverhältnissen gilt das auch für das Aserfeuer draussen», schreibt der Verband. Sobald sich jedoch Jagdgäste im Jagdhaus oder in der Jagdhütte aufhalten, gilt die Zertifikatspflicht für Innenräume.

Aktuelle Nachrichten