Fricktal
In Kaiseraugst und Stein arbeiten mehr Menschen, als in den Dörfern wohnen

Das Fricktal ist auf Wachstum eingestellt. Das gilt für die Zahl der Einwohner ebenso wie für die Zahl der Beschäftigten. Heute arbeiten satte 143 Prozent mehr Personen in den 32 Gemeinden der Bezirke Laufenburg und Rheinfelden als 1975.

Thomas Wehrli
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Ein Wachstumstreiber ist Novartis. Im Bild die Produktion von Zell- und Gentherapien in Stein.

Ein Wachstumstreiber ist Novartis. Im Bild die Produktion von Zell- und Gentherapien in Stein.

Zvg / Aargauer Zeitung

Das Fricktal ist auf Wachstum eingestellt – und dies gleich doppelt: Zum einen wächst die Bevölkerung kontinuierlich – Ende 2020 lebten im Fricktal knapp 82000 Personen. Zum anderen arbeiten auch immer mehr Menschen in den beiden Bezirken, was die dynamische Entwicklung und damit auch das Bevölkerungswachstum begünstigt.

Vergleicht man die Entwicklung von Bevölkerung und Beschäftigten in den Jahren 1975 und 2018, so ist die Bevölkerung in den beiden Fricktaler Bezirken in dieser Zeit um gut 75 Prozent gestiegen. Die Zahl der Beschäftigten dagegen schnellte um satte 143 Prozent empor. Für 1975 weist die kantonale Statistik im Fricktal 16131 Beschäftigte aus, 2018 waren es 39298.

Die effektive Steigerung liegt allerdings tiefer, denn 1975 wurden bei der Betriebszählung nur Vollzeitbeschäftigte gezählt, heute werden Voll- und Teilzeitbeschäftigte erhoben. Da es in den 1970er-Jahren aber noch ­relativ wenige Teilzeitstellen gab, dürfte die Verzerrung nicht allzu gross sein.

Mehr Beschäftigte als Einwohner

Zwei Gemeinden im Fricktal, Stein und Kaiseraugst, zählen heute sogar rund 300 Beschäftigte mehr als Einwohner. Bei allen anderen überwiegt die Zahl der Einwohner.

Der Grund für den «Beschäftigtenüberschuss» ist schnell gefunden: die Pharma- und Chemieindustrie. Sie sorgte ab den 1960er- respektive 1970er-Jahren dafür, dass die Zahl der Beschäftigten in mehreren Fricktaler Gemeinden fast exponentiell zunahm. Besonders eindrücklich ist das Wachstum in Kaiseraugst: Die Gemeinde zählte 1975 erst 653 Beschäftigte, 2018 – neuere Zahlen sind noch nicht abrufbar – waren es 5865. Das entspricht einem Wachstum von nahezu 800 Prozent.

Stark vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert haben in Sachen Arbeitsplätze auch Eiken und Oeschgen, wo das Wachstum ebenfalls über 300 Prozent liegt. Zugegeben: In Oeschgen passierte der Anstieg auf relativ niedrigem Level; hier hat unter anderem die Lidl-Eröffnung neue Arbeitsplätze gebracht. In Eiken ist nicht zuletzt die Logistikbranche ein Treiber.

Alle Gemeinden haben mehr Beschäftigte

Der statistische Vergleich zeigt auch: Es gibt keine Gemeinde, die heute weniger ­Beschäftigte aufweist als 1975. Das kleinste Wachstum verzeichnete Mumpf mit einem Plus von gut sieben Prozent. Hier zählte man 1975 281 Beschäftigte, 2018 waren es 301.

Das Beispiel Mumpf zeigt auch, wie wichtig gerade in ­kleineren Gemeinden einzelne Arbeitgeber sind. Denn Mumpf zählte in den 1960er-Jahren knapp 320 Beschäftigte. Die Zahl sank danach bis zur Jahrtausendwende kontinuierlich auf 128 ab, verharrte dann bis 2010 auf tiefem Niveau und steigt seither wieder an.

Die Solbäder in Mumpf lockten viele an

Eine Ursache für den Rückgang der Beschäftigten war die Schliessung des Hotel Solbad Schönegg. Es war das dritte und letzte Solbad im «Kurort Mumpf» und lockte mit einem breiten Angebot an Erholungs- und Therapiemöglichkeiten auch Gäste aus anderen Landesteilen an. 1991 wurde es geschlossen – und seither sind die Solbäder Geschichte.

Vergleicht man die beiden Bezirke, so fällt auf, dass das untere Fricktal sowohl in Bezug auf die Bevölkerung wie auch in Bezug auf die Beschäftigten die stärkere Wachstumsdynamik aufweist. Im Bezirk Laufenburg stieg die Zahl der Einwohner zwischen 1975 und 2018 um 66 Prozent, im unteren Fricktal um 83 Prozent. Bei den Beschäftigten legte der Bezirk Rheinfelden um 166 Prozent zu, der Bezirk Laufenburg um 111 Prozent. Auch wenn man die statistische Unschärfe aufgrund der veränderten Erhebungsmethode in Abzug bringt, bleibt ein erheb­licher «Überschuss» beim prozentualen Wachstum der Beschäftigten.

Abwärtstrend bis in den 1970er-Jahre

Ein Blick auf die Veränderungskurve der Beschäftigten seit 1940 zeigt noch eine weitere Tendenz: In vielen kleineren Gemeinden in den Seitentälern, also fernab der Bözberglinie, ging die Zahl der im Ort Beschäftigten bis in die 1970er-Jahre zurück und steigt seither wieder an. Nicht überall wird jedoch der Wert von 1939 wieder erreicht. Ein Beispiel für diese Dynamik ist Wittnau. 1939 arbeiteten 413 Menschen im Dorf, 1975 waren es noch 132. Seither steigt die Zahl der Beschäftigten in Wellenbewegungen wieder an und erreichte 2018 wieder 268 Beschäftigte.