Fricktal
Der Halbstundentakt zwischen Stein und Laufenburg kostet 61 Millionen Franken – die Regierung möchte lieber eine Bus-Lösung

Die S-Bahn zwischen Laufenburg und Stein fährt heute nur im Stundentakt. Das stiess dem damaligen GLP-Grossrat Roland Agustoni 2017 sauer auf – und er forderte den Halbstundentakt, wie andernorts auch. Nun legt die Regierung den Bericht vor – und wirbt für eine Bus-Lösung, da der Ausbau teuer sei und die Nutzung gering.

Thomas Wehrli
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Eine S-Bahn verlässt den Bahnhof Laufenburg in Richtung Basel.

Eine S-Bahn verlässt den Bahnhof Laufenburg in Richtung Basel.

Walter Schwager

Begeisterung tönt anders. Am Freitag hat der Regierungsrat den lange erwarteten Bericht für den Halbstundentakt auf dem S-Bahn-Ast zwischen Laufenburg und Stein in die Anhörung geschickt.

Die Regierung macht im Bericht immer wieder klar: Die Forderung nach einem Halbstundentakt ist zwar berechtigt und so auch längst in Bern deponiert. Bislang allerdings ohne Erfolg – nicht zuletzt, weil die Linie zu wenige Passagiere hat. Der Bund würde deshalb derzeit nichts an die Realisierung zahlen, der Kanton müsste die Kosten alleine stemmen.

Wenig verwunderlich wirbt die Regierung im Bericht für einen Zwischenschritt, bis der Halbstundentakt auf dem S1-Ast dereinst ins nationale Bahnprogramm Eingang findet: Bus statt Bahn heisst dieser und sieht ein erweitertes Busangebot sowie die Einführung eines Schnellbusses zwischen Stein und Laufenburg vor.

Roland Agustoni gab den Anstoss

Gleichzeitig zeigt der Regierungsrat im Bericht auch auf, welche Bahnvarianten es gäbe und was diese kosten würden. Damit erfüllt er eine Motion, die Roland Agustoni (GLP) 2017 im Grossen Rat eingereicht hatte. Darin verlangte der ÖV-Vorkämpfer aus Rheinfelden den Halbstundentakt auf dem S1-Ast – und konnte auf die Unterstützung sämtlicher Fricktaler Ammänner zählen.

Die Regierung mochte die Idee schon damals nicht und wollte die Motion als unverbindliches Postulat entgegennehmen. Der Grosse Rat machte ihr einen Strich durch die Rechnung und überwies die Motion deutlich.

Genau vier Jahre später legt die Regierung nun den Bericht vor. Diesen wird wohl auch Agustoni genau studieren – allerdings nicht mehr als Grossrat; er trat im Mai 2020 zurück.

Das Gegenargument: Die Linie wird zu wenig genutzt

Das Hauptargument tönte damals wie heute gleich: Die Strecke wird zu wenig genutzt. Aktuell nehmen rund 900 Personen pro Tag den Zug zwischen Laufenburg und Stein. Als Schwelle, um in den Genuss des Halbstundentaktes zu kommen, sieht der Bund aber 2000 Passagiere pro Tag vor.

Agustoni monierte schon damals, dass die Rechnung hinke, denn die Nachfrage komme erst mit dem Angebot. Der Kanton nimmt diesen Einwand im Bericht auf und extrapoliert die Zahlen. Seiner Rechnung nach werden 2030 rund 1240 Personen den S1-Ast pro Tag nutzen, wenn er wie heute stündlich fährt.

Bei einem Halbstundentakt kommt die Regierung aufgrund der Pendler- und Bevölkerungssituation auf nicht viel mehr Nutzer, nämlich 1440 Personen. Die vom Bund geforderte Mindestreisendenzahl werde also auch mittelfristig nicht erreicht, hält die Regierung fest.

Klar ist deshalb: Will der Kanton den Zug, ist er auch finanziell am Zug. Und das wird, je nach Variante, wirklich teuer. Insgesamt hat der Kanton vier Zug-Varianten geprüft.

Die vier Varianten

  • Die S1 fährt nur noch nach Laufenburg und nicht wie heute einmal pro Stunde nach Frick und einmal nach Laufenburg. Dazu müsste das Kreuzungsgleis in Sisseln ausgebaut werden. Die Kosten wären mit 20 Millionen Franken zwar nicht allzu hoch, aber eine solche Idee hat regionalpolitisch keine Chance. Denn dann würden Eiken und Frick schlechtergestellt.
  • Die S1 wird in Stein geflügelt, das heisst, sie wird in Stein getrennt und ein Flügel fährt nach Frick, einer nach Laufenburg. Da der Zug dazu zwei bis drei Minuten in Stein stehen muss, geht das heutige Fahrplankonzept mit den kurzen Wendezeiten in Laufenburg und Frick nicht mehr auf. Zudem muss massiv in den Ausbau der Gleise investiert werden. Der Kanton rechnet mit Infrastrukturkosten von 238 Millionen Franken und zusätzlich 200 Millionen Franken Infrastrukturfolgekosten. Die Variante fällt für die Regierung deshalb ausser Rang und Traktanden.
  • Die dritte Variante lässt die heutige Grundstruktur der S1 unverändert und sieht einen zusätzlichen Shuttlezug zwischen Laufenburg und Stein vor. Dort steigen die Passagiere in die S1 aus Frick um. Da die Zeit für die Wende in Laufenburg nicht ausreicht, braucht es zwei Zugskompositionen sowie erhebliche Investitionen in die Infrastruktur. Der Kanton rechnet mit 156 Millionen Franken und zusätzlich mit 136 Millionen Franken Folgekosten.
  • Die vierte Variante ähnelt der dritten, kommt allerdings mit einer Zugskomposition aus. Die Züge werden dabei asymmetrisch geführt, das heisst: Der Anschluss in Stein ist nur noch in die jeweilige Pendlerrichtung gewährleistet – am Morgen Richtung Basel, am Abend von Basel her. Der hinkende und wechselnde Takt ist zwar suboptimal, dafür sind die Kosten mit 61 Millionen Franken für Infrastruktur und Folgekosten um ein mehrfaches tiefer. Insgesamt dauert die Reisezeit mit dem Umsteigen rund drei Minuten länger als die stündliche, direkte S-Bahn.

Die Regierung schlägt deshalb neben der favorisierten Busvariante die Variante 4 zur Umsetzung vor und hält fest:

«Erste Abklärungen der SBB zeigen, dass sowohl betrieblich als auch finanziell nur ein Shuttlebetrieb zwischen Stein und Laufenburg infrage kommt.»

Denn neben den Investitionen kostet auch der Betrieb. Die Regierung rechnet mit jährlichen Betriebskosten für den Shuttle von gut zwei Millionen Franken. Da nur rund 100'000 Franken über Erlöse finanziert werden können, werden sich die Abgeltungen des Kantons für die S-Bahn jährlich um rund 1,9 Millionen Franken erhöhen.

Nur Bahnvariante erfüllt die Motion

Natürlich ist auch der Regierung klar: Nur die Bahnvariante erfüllt die Motion von Agustoni und ist gegenüber der Bus-Lösung auch attraktiver. Dennoch hält sie die Kosten bei den prognostizierten Nutzerzahlen des Shuttles von geschätzten 500 Personen pro Tag für unverhältnismässig.

Die Regierung wirbt denn auch im Bericht für die Busvariante. Diese sei flexibler, binde auch das Sisslerfeld ein, habe nur geringe Infrastrukturkosten und deutlich niedrigere Betriebskosten von rund 500'000 Franken pro Jahr.

Zudem sei die Bus-Lösung rasch umzusetzen – ganz im Gegensatz zum Ausbau der Bahn. Hier rechnet die Regierung mit einer Planungs- und Bauzeit von rund sieben Jahren; die ersten Shuttlezüge dürften also erst ab 2030 verkehren.

Die Reisezeit ist länger

Allerdings, das ist auch der Regierung klar, braucht der Bus für die Strecke länger als der Zug – und ist generell «tendenziell weniger attraktiv als die Bahn».

Attraktiver, darauf weist die Regierung im Bericht ebenfalls hin, würde das ÖV-Angebot für die Stadt Laufenburg aber ab 2028 ohnehin – dank der Inbetriebnahme der elektrifizierten Hochrheinstrecke auf badischer Seite, was Laufenburg ein markant verbessertes Angebot beschere.

Für welches «Angebot» sich der Grosse Rat schliesslich entscheidet, ob für den Shuttlezug oder die Busvariante, wird sich weisen. Vorerst haben Parteien und Organisationen bis am 21. August Zeit, zum Anhörungsbericht Stellung zu nehmen.

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