Frick
Fricks Monti: Aya Domening gelingt ein sensibler Blick auf ein Tabu-Thema

Nicht nur der Film für sich wirkte auf die rund 100 Zuschauer in Fricks Monti. Auch dass Aya Domenig, Regisseurin von «Als die Sonne vom Himmel fiel», persönlich anwesend war, berührte.

Hans Christof Wagner
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Iris Frei (links) und Andreas Fischer von NWA Aargau (Nie wieder Atomkraftwerke), zusammen mit Regisseurin Aya Domening.

Iris Frei (links) und Andreas Fischer von NWA Aargau (Nie wieder Atomkraftwerke), zusammen mit Regisseurin Aya Domening.

Weltgeschichte mit ganz persönlichem Antlitz: Aya Domenigs Grossvater war Arzt im Spital des Roten Kreuzes in Hiroshima, als die USA am 6. August 1945 die erste Atombombe über der Stadt zündeten. Im Film, vermutlich in den 70er-Jahren, sieht man sie als Mädchen auf dem Schoss eines Mannes sitzen, der sie grossväterlich umsorgte, selbst aber schon sehr krank und leidend war. Seinerzeit spielte die Atombombe in der Familie keine Rolle: Niemand fragte danach, der Grossvater selbst schwieg und keiner wäre auf die Idee gekommen, dass dessen Leiden Spätfolgen des Abwurfes waren.

So hat Domenigs Film viel mit dem historischen Ereignis vor rund 70 Jahren zu tun. Aber es ist, am Beispiel der eigenen Familie, auch eine Auseinandersetzung mit Verdrängung, mit Schuld und Unschuld, mit Privatem und Öffentlichem. Wenn Domenigs Grossmutter im Film sagt, ihr Mann sei am Tag des Abwurfs heimgekommen wie an jedem Abend, ist das einer der vielen verstörenden Momente darin. Der Opa hat weitergearbeitet, Gedichte geschrieben und Kinder grossgezogen.

Kampf gegen Atomenergie

1991 ist er gestorben. So kann er im Film der Enkelin keine Rolle mehr spielen. Darin sind zwei andere die Protagonisten, die mit ihrer herzlichen, selbstbewussten und humorvollen Art die Kinobesucher in Fricks Monti auch zum Schmunzeln brachten: die frühere Krankenschwester Chizuko Uchida und Shuntaro Hida, Kollege des Grossvaters am Spital Hiroshima. Der 2010/11 gedrehte Film begleitet die beiden auch in ihrem Kampf gegen die Atomenergie, beflügelt vom Eindruck der Reaktorkatastrophe von Fukushima.
Auch deshalb machen Parteien und Umweltorganisationen in der Schweiz die Aufführung des Streifens möglich, laden die Regisseurin ein, sich nach der Aufführung der Diskussion und den Fragen des Publikums zu stellen. Die Organisation NWA Aargau (Nie wieder Atomkraftwerke), welche die Matinee am Sonntagmorgen im Monti organisierte, tat das auch. Doch dabei wurde deutlich: Aya Domenigs Film zeigt Anti-AKW-Demonstrationen nach Fukushima, dennoch ist er kein politischer Film und die Macherin keine Aktivistin. Fragen nach angeblichen Vertuschungen seitens der Atomindustrie, die Zuschauer im Kino stellten, blieben unbeantwortet.
Einig waren sich die Zuschauer in der Anerkennung der hohen dokumentarischen Qualität von «Als die Sonne vom Himmel fiel». Mit dem differenzierten Blick der Ethnologin, aber auch mit dem Umstand, selbst zur Hälfte der japanischen Kultur zu entstammen, sei der Regisseurin ein sensibles, unaufdringliches Werk gelungen, das seine Protagonisten stets respektiere. Und trotz der Tatsache, dass der Film grosses Leid und massenhaftes Sterben thematisiert, ist es doch auch ein schöner, hoffnungsvoller Film geworden. Auch darin waren sich die Monti-Kinogänger am Sonntagvormittag einig.