Frick
Der Marmor ist seine Leinwand: Bildhauer Beat Mazzotti gehen die Ideen nie aus

Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Restaurator an Gebäuden und Kreuzen und als Gestalter von Grabmälern. Nun ist Beat Mazzotti pensioniert – die Hände aber legt er nicht in den Schoss. Sein künstlerisches Schaffen begleitet ihn weiter.

Peter Schütz
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Beat Mazzotti legt Hammer und Spitzeisen auch nach seiner Pensionierung nicht aus der Hand.

Beat Mazzotti legt Hammer und Spitzeisen auch nach seiner Pensionierung nicht aus der Hand.

Bild: Peter Schütz

Beat Mazzotti könnte es eigentlich ruhig angehen. Vor einem Jahr, kurz vor Ausbruch der ersten Coronawelle, ist er pensioniert worden. Der wirtschaftliche Druck ist somit weg. Doch der vor wenigen Tagen 66 Jahre alt gewordene Bildhauer denkt nicht ans Aufhören. In seiner Werkstatt in dem ehemaligen Bauernhaus in Frick, wo er seit 1982 mit seiner Familie lebt, sieht es nach Arbeit aus. Ein mächtiger, 2,2 Meter langer, 1,5 Tonnen schwerer Marmorblock aus Carrara liegt von Holzpfosten unterlegt im Raum, darauf befinden sich Werkzeuge wie Hammer und Spitzeisen.

Den Stein zieren hellgraue Linien und gelbe Farben, jedoch nicht zur Dekoration, sondern zwecks Formgebung. Beat Mazzotti hat seine Vorstellung von dem, was aus dem Marmorblock werden soll, vorgezeichnet. Ihm schwebt ein Wanderschalter vor, ähnlich demjenigen, den er letztes Jahr ebenfalls aus Marmor geschlagen hat und der nun im Garten steht – ein organisch wirkendes Gebilde, das auf den ersten Blick wenig mit einem technischen Gerät gemein hat.

Er reist selber in die Steinbrüche

Aber Mazzotti strebt genau das an: In Stein verewigte, heute teilweise nicht mehr gebräuchliche oder anders geformte Schalter, Tasten, Pedale, Kassen, Knöpfe und Gehäuse aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Manche Werke, ausgestellt im Schaulager im Kellergewölbe, wirken wie Hybride, weil sie aus verschiedenartigen Steinen zusammengesetzt sind. Über Bakelitschalter kann er ins Schwärmen kommen. «Sie haben schöne Formen», findet er. Und überhaupt: «Das ist etwas, das hat mir schon immer gefallen», sagt Mazzotti.

Mazzotti mit dem ersten von zwei Wanderschaltern aus Marmor.

Mazzotti mit dem ersten von zwei Wanderschaltern aus Marmor.

Bild: Peter Schütz

Er habe immer eine konkrete Vorstellung von dem, was er machen will. Weil das Material jedoch eine wichtige Rolle spielt, reist er in der Regel selbst in die Steinbrüche, um seine Wahl zu treffen. «Ich will den Stein dort anschauen», sagt er. Das wirtschaftliche Risiko steht nicht im Vordergrund. Beat Mazzotti geht jedes Mal in Vorleistung, ohne die Gewissheit, dass sich ein Käufer für das nach einem langen Arbeitsprozess fertige Werk finden lässt. Er habe selten etwas verkauft, resümiert er. Die Gemeinde Frick hat ihm einmal einen Brunnen – er steht vor dem Gemeindehaus – abgekauft, seither nichts mehr.

Das künstlerische Schaffen verlor er nie aus den Augen

Andererseits hielt und hält sich sein Ehrgeiz, weitere Brunnen zu gestalten, in Grenzen. «Brunnen sind nicht das, was mich reizt», erklärt er, «auch Kreiselkunst nicht». Was ihn reizt: freistehende Skulpturen. Die seinen Vorstellungen entsprechen, die seine Handschrift tragen. Seinen Lebensunterhalt hat er weitgehend als Restaurator an Gebäuden – unter anderem Kloster Muri, Stift Olsberg, Kantonsschule Aarau, Rathaus Rheinfelden – bestritten. «Ich habe immer gute Arbeit gehabt», blickt er zufrieden zurück. Hinzu kamen Aufträge für Kreuzrestaurationen sowie Grabmäler.

Doch sein eigenes künstlerisches Schaffen hat er nie aus den Augen verloren. Was vielleicht daran liegt, dass ihm die Ideen nicht ausgehen. «Ich hatte nie das Problem, dass sich keine Idee einstellt», berichtet er. Ideen sind «auf einmal da», sagt er. Und:

«Wenn ich immer wieder daran denke, könnte die Idee gut sein, und wenn ich sie vergesse, machts auch nichts, dann hat es nicht ‹verhebt›.»

Geboren 1955 als Sohn eines Wirtepaares, ist er bei Paul Agustoni in Zuzgen in die Steinbildhauerlehre gegangen. Das war das erste und für lange Zeit das letzte Mal, dass er jeden Monat einen fixen Lohn auf dem Konto hatte. Jetzt ist er wieder so weit. Aber eben: Er legt die Hände nicht in den Schoss. Will weiter an seinem Universum der eigenwilligen und schönen technischen Geräte arbeiten. «Das ist wie eine Sucht», beschreibt er seinen Antrieb. «Wenn ich nicht Hammer und Spitzeisen hervornehmen kann, fehlt mir etwas.»