Sie gehört zu den besten Radrennfahrerinnen der Schweiz: Sandra Weiss, 28. Die Sulzerin, die heute in Wölflinswil lebt, fährt seit ihrem 7. Lebensjahr Rennrad. Die Faszination für den Sport ist auch nach 21 Jahren im Sattel ungebrochen, das spürt man deutlich, wenn man mit der gelernten Kauffrau, die in einem Teilzeitpensum auf einem Steueramt arbeitet, spricht. «Es macht mir nach wie vor unglaublich Spass, Rennen zu fahren.»

Für ihren Sport opfert Weiss viel, investiert pro Woche zwischen 12 und 20 Stunden ins Training. Nicht selten trifft man sie auf dem Arbeitsweg mit dem Velo im Zug an. «So kann ich nach der Arbeit gleich loslegen», erzählt sie.

«Welche Erfolge mir am meisten bedeuten?», wiederholt sie die Frage, nippt am Glas Wasser. «Der zweite Rang an der Schweizer Meisterschaft 2013 und der 25. Rang an der Elite-EM vor zwei Jahren.»

Weiss bemerkt den fragenden Blick, schmunzelt. «Es hat viel gebraucht, um vom Verband für die EM selektioniert zu werden», sagt sie dann. Nur drei Fahrerinnen hätten die Selektion geschafft. «Die meisten Frauen, die an der EM gestartet sind, waren Profis. Als halbprofessionelle Fahrerin war deshalb mein 25. Platz für mich ein grosser Erfolg.»

Sandra Weiss betreibt seit 21 Jahren Radrennsport.

Sandra Weiss betreibt seit 21 Jahren Radrennsport.

«Rennradfahren ist ein absoluter Teamsport»

Aber eigentlich spricht Sandra Weiss ohnehin lieber vom Team, als von ihren Einzelleistungen. «Rennradfahren ist ein absoluter Teamsport», sagt sie. «Ohne Team ist man nichts.» Sie ist stolz auf ihr Team, das Remax Cycling Team. Wegen der Erfolge, welche die sechs Sportlerinnen in diesem Jahr eingefahren sind; bislang sind es national sieben Siege und elf Podestplätze. Dazu kommen ein zweiter und ein dritter Platz an der Schweizer Meisterschaft.

Vor allem aber ist Weiss auch stolz auf das Team, weil die Fahrerinnen das Team mitprägen, mittragen – weil sie das Team sind. Als das alte Team vor vier Jahren aufgelöst wurde, nahmen die Fahrerinnen die Suche nach neuen Sponsoren selber in die Hand. Durch die Vermittlung von Lukas Rüetschi von Remax Oberes Fricktal, selber Rennradfahrer, konnte der Immobilienvermittler an Bord geholt werden. «Die Zusammenarbeit ist super», sagt Weiss, macht eine kurze Pause, fügt dann an: «Allerdings steigt Remax Ende Saison aus.» Wieder sind die Fahrerinnen und der Staff – fünf bis sechs Personen – gefordert. Wieder geht es auf die Suche nach einem neuen Haupt- und allenfalls weiteren Trikotsponsoren. Denn für Weiss ist klar: «Es muss weitergehen.» Für die Fahrerinnen, den Frauenrennsport, den Nachwuchs; die jüngste Fahrerin im Team ist 19. «Frauenradrennsport boomt», sagt Weiss. «Es wäre schade, wenn wir als grösstes Schweizer Frauenteam nicht weitermachen könnten.»

Derzeit stellen die Fahrerinnen das Sponsoren-Dossier zusammen, schreiben Firmen an, sprechen vor. «Im Vergleich zu den Männern kann man mit relativ wenig Geld einen grossen Werbeeffekt erzielen», wirbt Weiss. Bei einem Gesamtbudget von rund 100 000 Franken ist ein Hauptsponsor mit rund 50 000 Franken dabei. «Dafür wird er in jeder Rangliste aufgeführt und bei jeder Siegerehrung genannt», rechnet Weiss den Gegenwert vor. Denn der neue Hauptsponsor wird zugleich der neue Namensgeber sein. Ideal für die neue Saisonplanung wäre es, so Weiss, wenn der neue Sponsor bis Ende Oktober gefunden ist.

Ziel: Eine Medaille an einer Schweizer Meisterschaft

Noch bis Ende September läuft vorerst diese Saison. Weiss ist mit dem Erreichten zufrieden. «Wir haben in diesem Jahr einen externen Coach zugezogen», erzählt sie. Das sei ein guter Entscheid gewesen. Der Berater habe ihnen geholfen, die Rennen taktisch noch besser zu fahren. Den Erfolg sehe man an den Resultaten. Ein Höhepunkt war der 20. Rang von Fabienne Buri an der U23-EM in Holland.

Taktisch heisst vor allem auch, für das Team zu fahren. «Der Teamgedanke steht bei den Rennen im Vordergrund», so Weiss. Für sie ist das selbstverständlich. Das Team führe beispielsweise die stärkste Bergfahrerin so an den Berg, dass sie in einer guten Position sei, um anzugreifen.

Dass man sich dabei auch das eine oder andere Mal selber zurücknehmen muss, selbst dann, wenn man gute Beine hat, «gehört dazu». Das erlebte Sandra Weiss, deren Zwillingsschwester Martina bis Ende 2018 ebenfalls im Team war und dann ihre Karriere beendet hat, bei der Schweizer Meisterschaft, neben dem 12. Rang in einer Rundfahrt in Spanien ihrem «Highlight der Saison». Sie hatte gute Beine – nahm sich in der Verfolgergruppe aber zurück, habe «gebremst», weil eine Teamkollegin, Jutta Stienen, in der Spitzengruppe war und am Schluss Dritte wurde.

Im Sprint um den 4. Rang musste sich Weiss dann knapp geschlagen werden. Mit ihrem 5. Rang ist sie, die sich selber als «taktisch versierte Allrounderin, die gerne kurze, steile Rampen hat» bezeichnet, aber zufrieden. Zwei Siege hat sie in dieser Saison eingefahren; bis Ende Jahr sollen noch weitere Podestplätze oder sogar noch ein Sieg dazukommen. Und: «Die nächste Saison kommt bestimmt», meint sie schmunzelnd und beantwortet so indirekt auch die Frage, ob sie weiterfährt. «Über einen Rücktritt habe ich mir noch nicht Gedanken gemacht», sagt sie. Man spüre, wann es so weit sei. «Derzeit macht mir der Radrennsport noch unglaublich Spass.»

Ein weiterer Sieg in der Saison 2020 wäre schön, eine Medaille an den Schweizer Meisterschaften «schwirrt auch seit langem im Hinterkopf herum». Vorerst aber hofft sie, dass ein neuer Hauptsponsor gefunden wird und das Team so weiterfahren kann. Auch, weil sie ihr Wissen, ihre langjährige Erfahrung an junge Fahrerinnen weitergeben möchte. Das Team zählt. «Das ist Radrennsport», sagt Weiss. Eine für alle; alle für eine.