Am Bahnhof (4/5)
Fehlt das Zuggeratter, wacht Kurt Marti auf

Der einst jüngste Stationsvorstand der Schweiz blieb in der Station Hornussen – auch nach der Schliessung. Kurt Marti wohnt seit 1974 im Stationsgebäude. Er war der letzte Vorstand, er hat im November 1990 die letzte Abfertigungskelle geschwungen.

Katja Schlegel
Merken
Drucken
Teilen
Kurt Marti lebt seit 1974 im Stationshaus aus dem Jahr 1875. Voellmy

Kurt Marti lebt seit 1974 im Stationshaus aus dem Jahr 1875. Voellmy

Der Kassenschrank und die Schalterkassen sind noch da. Leer zwar, aber immerhin. Ein paar Überbleibsel, letzte Erinnerungsstücke haben die Bahnfans nach der Schalterschliessung im November 1990 im Stationsgebäude Hornussen stehen lassen.

Von weit her seien sie gekommen und hätten alles mitgenommen, sagt Kurt Marti und lächelt milde. «Die waren ganz verrückt nach allem, was irgendwie nach SBB aussah.» Gestört hat ihn das nicht, er hat es gern hergegeben. «Ich bin bis heute ein Vollbluteisenbähnler, kein Bahnfan. Mir bedeuten diese Objekte nicht so viel.»

Kurt Marti wohnt seit 1974 im Stationsgebäude. Er war der letzte Stationsvorstand, er hat im November 1990 die letzte Abfertigungskelle geschwungen. Aber weg von hier, weg aus seiner Wohnung im Stationsgebäude, bringe ihn nichts und niemand. «Für mich ist das hier wie ein eigenes Einfamilienhaus.»

«Mädchen für alles»

Eigentlich hätte Marti in der Textilindustrie arbeiten sollen – so hatte es sich sein Vater gewünscht. Im April 1966 aber beginnt er in Chur eine Bähnler-Lehre, nach 18 Monaten schliesst er sie als Bester ab.

Sommerreportagen

Auch diesen Sommer schickt die az wieder ihre Sommerreporter los.
Sie schreiben je eine Woche lang über diese Themen:
1. Woche: Mystische Orte
2. Woche: Abenteuerlicher Aargau
3. Woche: Am Bahnhof
4. Woche: Kantonales Pfadilager
5. Woche: Ferienjobs

Nach einer Zusatzausbildung betreut er als Ferienablöser über 40 Stationen entlang der Bodenseelinie und im Zürcher Kreis 3. 1970 kommt Marti als Stationsbeamter nach Mumpf, 1973 wird er mit nur gerade 25 Jahren zum Stationsvorstand in Hornussen gewählt – und damit zum jüngsten Stationsvorstand der Schweiz.

Mitsamt Familie zieht er in das Hornusser Stationshaus an der Bözbergstrecke oberhalb des Dorfes.

Stellwerke bedienen, Weichen schmieren, Wagen ausladen, mit der Kelle das Okay für die Abfahrt geben, Schnee schaufeln, Buchhaltung führen, Billette verkaufen, alles hat er selbst gemacht.

«Als Stationsvorstand ist man Mädchen für alles», sagt Marti, obwohl diese Rolle durchaus auch selbst gewählt war. Der letzte Punkt seiner Aufzählung hat ihm am besten gefallen: der Kontakt mit den Leuten, die freundlichen Gespräche am Schalter, das Tüfteln an den Reiserouten.

Diese Freundlichkeit fehle ihm heute, sagt er. Da, wo sich früher dieser Schalter befand und Marti von seinen Kunden trennte, wurde inzwischen eine Backsteinwand hochgezogen. Das Büro von damals ist heute ein Lagerraum.

Katastrophe verhindert

Hornussen war nicht der einzige Bahnhof, den Marti schliessen musste. Im «Aargauer Tagblatt» wurde er 1993 sogar als «Bahnhofschliesser vom Dienst» bezeichnet. 1980 verliess er Hornussen in Richtung Sisseln.

1985 wurde die Station auf Fernsteuerung umgestellt und geschlossen. Marti kehrte nach Hornussen zurück, bis auch diese Station geschlossen wurde. Es folgte Effingen – und damit im Jahr 1993 Bahnhofschliessung Nummer drei.

Nach acht Jahren als Bahnhofsvorstand-Stellvertreter in Siggenthal-Würenlingen wechselte Marti 2001 als Bahnhofsvorstand nach Laufenburg.

Da erlebte er 2003 den Höhepunkt seiner SBB-Laufbahn: Marti wurde zum Bahnhofsvorstand und Bereichsleiter Personal für Stein-Säckingen gewählt, wo er bis zu seiner frühzeitigen Pensionierung im November 2006 blieb.

Marti hat viel erlebt in diesen 40 Jahren als Bähnler. «Der Job war mein Traumjob», sagt er. Marti redet gerne über seine Karriere, über seine Hobbys und Engagements als Skilehrer und Gemeinderat, für das Hornussen-Derby im Schwarzwald und bei den Feldschützen Hornussen, seine liebe Frau und die sechs Enkelkinder.

Rauscht ein Zug vorbei, redet er ein bisschen lauter. Und es sind viele Züge, um die 350 in 24 Stunden. Hören tut er sie längst nicht mehr. Und doch weiss er ganz genau, wenn einer zu spät kommt. «Wenn es ruhig bleibt, dann höre ich es.»

Dann kann es schon mal vorkommen, dass er mitten in der Nacht aufwacht, weil er nichts hört. Marti lächelt, wie so oft an diesem Nachmittag. «Wissen Sie, ich kann einfach nicht mehr ohne Eisenbahn sein.»