Berufsbildung

«Faust im Sack zu machen, bringt nichts»: Das sagen Fricktaler Grossräte zum Regierungsentscheid

Daniel Vulliamy und Colette Basler.

Daniel Vulliamy und Colette Basler.

Fricktaler Grossräte sind froh, dass das Berufsbildungszentrum nicht geschlossen wird – und hoffen auf die Gesundheit.

Die Mitglieder der grossrätlichen Bildungskommission hat der Regierungsrat am letzten Donnerstag über die Reformpläne informiert. «Als ich nach Aarau fuhr, ging ich davon aus, dass die Schule ganz geschlossen wird», sagt Kommissionsmitglied und SVP-Grossrat Daniel Vulliamy aus Rheinfelden. Insofern sei er nun auch «wirklich erleichtert», dass es nicht so kommt. Es schmerze zwar schon, dass Rheinfelden die gewerblich-industriellen Berufe verliere. «Das Wichtigste aber ist, dass wir die kaufmännischen Berufe behalten», findet Vulliamy. Als Chance wertet er zudem, dass Rheinfelden zum Aussenstandort der Berufsfachschule Gesundheit in Brugg wird.

Alles in allem sei die vorgeschlagene Reform «der richtige Weg», findet Vulliamy. Er versteht auch, dass die Regierung einen Weg gewählt hat, bei dem sie nicht ein drittes Mal vor den Grossen Rat muss; die ersten beiden Reformvorlagen waren kläglich an regionalpolitischen Interessen gescheitert. «Eine Vorlage hätte es im Grossen Rat wohl auch jetzt schwer gehabt, denn dann hätte jede Region wieder für sich geschaut», ist Vulliamy überzeugt.

Ein Freipass für die Regierung sei das jedoch nicht, mahnt der SVP-Politiker. «Wenn etwas nicht gut läuft, können wir dies im Grossrat mit Vorstössen zu korrigieren versuchen.» Bereits heute werden sich die Fricktaler Grossräte am Rande der Grossratssitzung treffen und über das weitere Vorgehen beraten.

Ähnlich tönt es von Alfons P. Kaufmann, Fraktionschef der CVP aus Wallbach und ebenfalls Mitglied der Bildungskommission. Einschneidende Änderungen müssten in der Kommission behandelt werden. Und hier habe das Fricktal ein starkes Gewicht. Ein Blick in die Kommissionsliste zeigt: 5 der 15 Mitglieder wohnen im Fricktal.

«Das Beste herausholen»

Kaufmann beurteilt die Reform wie Franco Mazzi (siehe Text oben) mit gemischten Gefühlen. Auch er bedauert, dass das Berufsbildungszentrum Fricktal (BZF) die gewerblich-industriellen Berufe verliert, begrüsst, dass die kaufmännischen Berufe bleiben, und empfindet es als Chance, dass neu ein Teil der Fachangestellten Gesundheit in Rheinfelden unterrichtet werden. «Es bringt nichts, die Faust im Sack zu machen», findet er. «Wir müssen mit den neuen Rahmenbedingungen das Beste herausholen.» Anders als etwa Mazzi glaubt Kaufmann daran, dass Rheinfelden ein zweites Kompetenzzentrum Gesundheit werden kann. «Der Bereich Gesundheit wird in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen», ist er überzeugt.

Das BZF in Rheinfelden, darin sind sich die meisten Befragten einig, gehört zu den grossen Verlierern bei dieser Reform. Es hätte aber noch schlimmer kommen können – die Schule hätte ganz geschlossen werden können. Dass die Regierung taktisch agiert hat und von der Schliessung einer oder mehrere Schulen vor allem auch deshalb abgesehen hat, um die Reform nicht vor den Grossen Rat bringen zu müssen, hält auch Kaufmann für möglich. «Im Grossen Rat wäre es schwierig geworden», ist er überzeugt. Denn hier wäre es wieder zu einem regionalpolitischen Scharmützel gekommen.

Für Kaufmann überwiegen die positiven Aspekte. «Die Zeit wird für uns arbeiten», ist er überzeugt. Das Fricktal habe ein hohes wirtschaftliche Entwicklungspotenzial. «Das wird uns helfen, die Schule langfristig zu sichern.»

Pharma als Chance

Als Option sieht er zudem, das BZF im Bereich Pharma und Chemie zu positionieren. «Hier wäre eine Zusammenarbeit mit dem Baselbiet zu prüfen.»

Einen zusätzlichen Bereich für das BZF hätte sich auch SP-Grossrätin Colette Basler aus Zeihen gewünscht. Auch sie ist Mitglied der Bildungskommission. «Ich hatte mir erhofft, dass es für das BZF besser herauskommt», sagt sie. «Es wäre ja durchaus auch möglich gewesen, dass das BZF einen zusätzlichen Bereich, etwa die Logistiker, bekommt. So hätten wir im Fricktal mehr Klassen gehabt.» Nun würden die Schülerzahlen in Rheinfelden nahezu halbiert. «Das BZF gehört damit sicher nicht zu den Gewinnern.»

Froh ist aber auch sie, dass das BZF nicht ganz geschlossen wird. Und auch Basler wertet es als Chance für die Region, dass das BZF zum Aussenstandort für die Gesundheitsberufe wird. «Wie gross diese Chance ist, hängt davon ab, wie die beiden Schulen miteinander zurechtkommen. Denn das BZF wird ja kein eigentliches Kompetenzzentrum und ist von Brugg abhängig.»

Bei den kaufmännischen Berufen wertet es auch Basler als «eine Art Abbau auf Raten». Die Regierung könne keinen Standort ganz schliessen, sonst hätte sie mit einer Vorlage an den Grossen Rat gelangen müssen. «Indem keine Schule ganz geschlossen wird, kann sie nun selber entscheiden.»

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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