Fricktal
Experten meinen: Auf das Fricktal kommen Verkehrsprobleme zu

Das sind die Tücken von Wachstum und Wirtschaft:Experten sagen am Fricktaler Wirtschaftsforum in Laufenburg, dass Änderungen von Verkehrsnetz und Mobilitätsverhalten nötig sind. Denn Wirtschaft und Bevölkerung werden weiter wachsen.

Peter Schütz
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Stefan Attiger (rechts) und Michel Mattheys diskutieren am Forum.

Stefan Attiger (rechts) und Michel Mattheys diskutieren am Forum.

Peter Schütz

«Das Fricktal wächst überproportional», blickte Regierungsrat Stephan Attiger an der gut besuchten Veranstaltung des Planungsverbandes Regio Fricktal in der Laufenburger Stadthalle voraus. In Zahlen heisst das: Zwischen 1997 und 2012 wurde im Fricktal ein Bevölkerungszuwachs von rund 22 Prozent registriert. Bis 2025 soll die Bevölkerung um weitere 17 Prozent zunehmen.

Diese Prognose wirkt sich auch auf den Verkehr aus. Laut Attiger, Vorsteher des aargauischen Departements Bau, Verkehr und Umwelt, hat der Verkehr im Fricktal zwischen 1997 und 2012 um 44 Prozent zugenommen. «Die Kapazitätsgrenzen sind vielerorts erreicht - nicht nur auf der Strasse, sondern auch auf der Bahn», erklärte er. Und Attiger ging in seinem Referat von einer Zunahme der Verkehrsnachfrage um weitere 15 Prozent aus. «Bevölkerungs-, Wirtschafts- und Siedlungsentwicklung bringen mehr Verkehr.»

Ausbau nicht um jeden Preis

Den Kollaps verhindern sollen regional abgestimmte Strategien sowie eine Aufwertung von Strassennetz und öffentlichem Verkehr. Jedoch nicht um jeden Preis: «Die Freiräume sind als Standortfaktor zu erhalten und zu fördern», stellte er klar. Dazu sei ein entsprechendes Freiraumkonzept nötig. Konkret bedeutet dies, dass die Naturschönheiten durch eine gezielte Siedlungsentwicklung zu schützen sind. Denn nur so sei die Attraktivität und Lebensqualität des Fricktals als Wohn- und Wirtschaftsstandort gewährleistet, so Attiger.

«Die Verkehrsentwicklung hängt eng mit der Siedlungsentwicklung zusammen», sagte Regula Ruetz, Direktorin von Metrobasel. Wo die Bevölkerung oder die Anzahl Arbeitsplätze wachsen, würde meist auch das Verkehrsaufkommen wachsen. Für sie entscheidend sei, wo die Menschen wohnen und wo sie arbeiten. «Denn dazwischen entstehen Pendlerströme», stellte Ruetz fest. Die Landesgrenze spiele dabei eine zusätzliche Rolle, weil dadurch die Realisation von grenzüberschreitenden öV-Angeboten erschwert wird. Und das führe wiederum zu mehr motorisiertem Individualverkehr.

DSM zeigt eine Lösung

Eine mögliche Lösung des Problems stellte Beat Kiser, Standortleiter des holländischen Konzerns DSM in Kaiseraugst, vor. DSM beschäftigt in Sisseln und Kaiseraugst 1900 Mitarbeiter. Um das akute Parkplatzproblem zu lösen, entwickelte das Unternehmen ein Mobilitätskonzept. Allen Angestellten, die einen Firmenparkplatz benutzen, wird eine monatliche Gebühr von 40 bis 50 Franken belastet. Umgekehrt erhalten Personen, die den öffentlichen Verkehr nutzen, zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit gelangen, einen monatlichen Mobilitätsbonus bezahlt.

«Das hat am Anfang natürlich für Unruhe gesorgt», berichtete Kiser. Aber: Das Mobilitätskonzept habe den Bedarf an Parkplätzen signifikant reduziert. Eine Verbesserung der SBB-Infrastruktur erachtete Kiser trotzdem als unumgänglich. Zudem forderte er Planungssicherheit für Firmen und speditive Bewilligungsverfahren.

Repla-Präsident Bühler: «Wachsen ja, aber gescheit»

Das Problem der Siedlungs-, Wirtschafts- und Verkehrsentwicklung im Spannungsfeld unterschiedlicher Ansprüche, wie von Regula Ruetz in ihrem Referat dargestellt, betrifft jeden. Jeden Schweizer, jeden Aargauer, jeden Fricktaler. Auch Michel Matthey, überraschend am Forum teilnehmender Vizedirektor des Bundesamts für Raumentwicklung in Bern (ARE), weiss Bescheid. Muss er ja, schliesslich ist das sein Job. Der Boden wird knapp, das Agrarland verschwindet, die Zersiedlung dauert an. Deshalb will Matthey ein Raumkonzept - aber eines, das die Vielfalt, Solidarität und Wettbewerbsfähigkeit erhalten soll. Denn: «Die Schweiz soll nicht ein einheitlicher Brei werden», erklärte er. Aus welcher Richtung die Entwicklung stattfinden soll, gab er mit «von unten» an, also von den Gemeinden. Aber: Dass jede Gemeinde ihr eigenes Industriegebiet haben will, mache für ihn keinen Sinn. Matthey: «Wir wollen regionale Konzepte.» Ähnlich formulierte es Hansueli Bühler, Präsident des Planungsverbandes Fricktal Regio. «Man muss von unten wachsen, so kommt man einfacher zum Ziel, als wenn man von oben diktiert wird, das gibt nur Widerstände», sagte Bühler. Nachtrag von Regula Ruetz: «Jede Gemeinde muss eigenständige Strategien und Lösungen entwickeln.» Aber: «Wir können uns in Zukunft nicht mehr alles erlauben, wir brauchen ein gesundes Wachstum, damit es uns gut geht.» Wachsen ja, aber «gescheit», fand auch Hansueli Bühler. Auf die Frage nach der Wachstumsgrenze antwortete Michael Matthey: «Es gibt Orte, die sind so überfüllt, dass sie sich nicht mehr entwickeln können.» Die Entwicklung habe deshalb an anderen Orten stattgefunden. Dies habe wiederum zu einem «enormen Verkehrsbedürfnis geführt». Diese Spirale gelte es, umzudrehen. Das heisst: «Die Wege zwischen Arbeitsplatz und Wohnort müssen kürzer werden», sagte Matthey. Soweit die Theorie. Dass deren Umsetzung in die Praxis nicht einfach ist, stellten die Beiträge aus dem Publikum dar - unter anderem von Peter Weber, Gemeindepräsident Mettauertal. Er stellte die in Mattheys Raumkonzept definierte Solidarität infrage. «Solidarität ist etwas Schönes», sagte er, aber sobald es ans Portemonnaie gehe, werde es schwierig. Andreas Thommen, Gemeinderat von Effingen, ging noch einen Schritt weiter. Was die Fachleute hier probieren, sei die Quadratur des Kreises, «das funktioniert nie», erklärte er. Der Druck auf die Freizeiträume wird steigen, so Thommen, «wenn wir verdichten, wird es teuer, wieso soll das bei uns anders sein? Und wieso müssen wir eigentlich wachsen?» (psc)