Bezirk Laufenburg
Ex-CVP-Grossrat Steinacher: «Es wird bei der Atomkraft viel ‹Seich› erzählt»

Neun Jahre sass Martin Steinacher für die CVP im Grossrat. Nun ist Schluss. Der Gansinger über seinen Rücktritt, Höhenflüge, Dönerbuden – und weshalb es ihm wegen Irène Kälin den Hut lupfte.

Thomas Wehrli
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Martin Steinacher aus Gansignen sass für die CVP des Bezirks Laufenburg seit 2009 im Grossrat. Er löste damals Alice Liechti ab. Es sei eine «Super-Zeit» gewesen, sagt er. «Ich habe in der Politik viel gelernt.»

Martin Steinacher aus Gansignen sass für die CVP des Bezirks Laufenburg seit 2009 im Grossrat. Er löste damals Alice Liechti ab. Es sei eine «Super-Zeit» gewesen, sagt er. «Ich habe in der Politik viel gelernt.»

Thomas Wehrli

Er sei bereits «gelöscht», sagt Martin Steinacher, 51, scherzend. Letzte Woche hatte der CVP-Politiker seine letzte Grossratssitzung. «Das Mailkonto ist inzwischen bereits gesperrt, mein Name von der Grossratsseite im Internet verschwunden», sagt er. Es stört ihn nicht, denn «ich freue mich, dass ich nun wieder mehr Zeit für Beruf, Familie und Hobbys habe». Im AZ-Interview zieht der zweifache Familienvater, der im AKW Beznau arbeitet, Bilanz über sein politisches Wirken.

Steinacher sass für die CVP seit 2009 im Grossrat. Zudem war er 16 Jahre Gemeinderat von Gansingen, neun davon amtete er als Ammann. Es sei eine «Super-Zeit» gewesen, sagt er. «Ich habe in der Politik viel gelernt.»

Martin Steinacher, wagen Sie ein Experiment?

Martin Steinacher: Aber sicher.

Dann lassen Sie uns das Interview als Entweder-oder-Gespräch führen. Kopf oder Bauch?

Bauch. Ich überlege mir Entscheide gut, höre aber immer auf das Bauchgefühl. Ich muss mit dem ganzen Körper hinter einer Sache stehen können.

Hat Sie ein Bauchgefühl zum Rücktritt als Grossrat veranlasst?

Nein, es war der Stress, der sich über die Jahre zusehends aufgebaut hat. Als Grossrat bekam ich viele Anfragen für Ämter und Mandate. Ich übernahm aus Interesse auch das eine oder andere. In letzter Zeit wurde ich unzufrieden – mit mir und meiner Leistung im Geschäft.

War es ein spontaner Entscheid, zurückzutreten?

Nein, er ist über Monate gereift. Einen ersten Kick gab mir ein Kurs als Burnout-Prophylaxe, der im Geschäft angeboten wurde. Die Kursleiterin fragte mich, was mich am meisten entlasten würde, um wieder mehr Zufriedenheit zu finden. Meine Antwort: Der Rücktritt aus dem Grossrat. Ich liess den Entscheid dann noch fast ein Jahr reifen. Der direkte Auslöser war eine organisatorische Änderung im Geschäft. Ich bin künftig für mehr Mitarbeitende zuständig – und das braucht Zeit.

War es ein Fehler, im Herbst 2016 nochmals anzutreten?

Doppelt nicht. Zum einen war ich mir damals noch nicht sicher, ob ich im Geschäft zurückbuchstabieren oder als Grossrat zurücktreten will. Zum anderen bin ich im Fricktal bekannt und wollte mithelfen, den zweiten Sitz der CVP zu sichern. Das gelang leider nicht.

Milizsystem oder Berufspolitik?

Das Milizsystem ist besser, stösst aber immer mehr an seine Grenzen. Ich war selber neun Jahre Gemeindeammann. Das ging nur, weil mein Arbeitgeber dahinterstand. Um das Milizsystem langfristig sichern zu können, braucht es zweierlei: erstens vermehrt die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten. Zweitens müssen die Ämter so bezahlt sein, dass es finanziell funktioniert.

Wir oder ich?

Ohne das Wir, ohne die Vereine, ohne die Gemeinschaft geht es nicht. Eine Gesellschaft, die sich im Egoismus verliert, muss scheitern.

Stadt oder Land?

Land.

Sie sind ein Landei?

Lange war ich in der Tat ein Landei. Meine Frau kommt aus der Stadt, aus Aarau. (Lacht.) Am Anfang sagte sie immer: Keine zehn Pferde bringen mich nach Gansingen. Wir zogen zuerst in die Wohnung meiner Eltern. Da arbeitete ich noch im Aussendienst und wir waren oft im Ausland. Als es dann ums Bauen ging, schauten wir uns überall um – und entschieden uns am Schluss doch für Gansingen. Ein Grund war, dass meine Eltern hier noch Land hatten. Ein anderer, dass das Mettauertal für Familien schlichtweg ideal ist. Ich geniesse es, wenn ich vor die Haustüre trete und bereits in der Natur bin.

Böse Zungen behaupten dagegen: Das Mettauertal liegt hinter den sieben Bergen. Nimmt man das Fricktal in Aarau überhaupt wahr?

Der Aargau ist und bleibt der Kanton der Regionen. Dieses Bewusstsein wird im Grossrat gelebt. Das Fricktal wird in Aarau durchaus wahrgenommen und verschafft sich auch Gehör. Das zeigte beispielsweise der erfolgreiche Kampf gegen die Streichung der Subvention an den Tarifverbund Nordwestschweiz. Die Fricktaler stehen bei wichtigen Entscheiden zusammen.

Wirklich? Ist das Zusammenstehen nicht nicht mehr Schein als Sein?

Wir haben einen guten Zusammenhalt über die Fraktionen hinaus. Wir sprechen uns ab, wenn es um Fricktaler Themen geht. Bei vielen Themen beobachte ich auch ein Zusammenstehen der Regionen, die eine ähnliche Ausgangslage haben wie wir. Das zeigte sich beispielsweise beim neuen Finanzausgleich. Hier standen die Regionen mit kleineren Gemeinden zusammen. Denn sie drohten Opfer des neuen Systems zu werden. Gemeinsam haben wir das abgewehrt.

Lässt der Kanton den kleinen Gemeinden überhaupt noch Luft zum Atmen?

Die ganz kleinen Gemeinden kommen schon unter Druck. Aber der Kanton lässt auch den kleinen Gemeinden Luft zum Atmen. Der neue Finanzausgleich hat viele Gewinner, aber auch einige Verlierer. Das kann man nicht vermeiden; jede Systemänderung bringt per se Gewinner und Verlierer mit sich.

Wo stand das Fricktal auf der Gewinnerseite?

Neben dem Tarifverbund sicher beim Berufsbildungszentrum und beim Jurapark. Ich denke, wir Fricktaler Grossräte konnten und können doch einiges bewirken. Natürlich setzten wir uns nicht immer durch. Wir sind nur eine Region unter mehreren. Wir stellen 17 der 140 Grossräte. Es braucht deshalb immer viel Überzeugungsarbeit in den Fraktionen, um ein regionales Anliegen durchzukriegen.

Atom oder erneuerbar?

Beides. Ohne Atom geht es nicht.

Das müssen Sie nun sagen, schliesslich arbeiten Sie im AKW Beznau.

Ich bin aber auch überzeugt davon. Solange die einzige Alternative der Import von dreckigem CO2-Strom ist, um den Bedarf sicherzustellen, sehe ich keine Alternative. Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin nicht gegen erneuerbare Energien. Sie lösen aber derzeit unser Stromproblem nicht. Solar- und Windenergie können die nötige Bandenergie nicht liefern und die Wasserkraft alleine reicht nicht.

Das sieht die Mehrheit aber anders; der Atomausstieg ist beschlossen. Sie jammern doch nur, weil Ihr Job gefährdet ist?

Nein, weil ich überzeugt davon bin, dass Atomenergie sauber und sicher ist. Wir werden künftig ja insgesamt nicht weniger Strom verbrauchen. Im Gegenteil: Digitalisierung und Elektromobilität werden den Stromverbrauch weiter ankurbeln. Der Weg, den die Schweiz eingeschlagen hat, finde ich schwierig.

Sie gelten als Atomlobbyist. Stört Sie das?

Gar nicht. Ich stehe zu meiner Meinung. Was mich hingegen stört, ist, dass in diesem Thema jeder das Gefühl hat, mitreden zu können. Es wird viel «Seich» erzählt – gerade auch von Politikern. Das macht mich bisweilen auch wütend. Als Irène Kälin die Atomkraftwerke im Grossrat einmal salopp als Schrottreaktoren abkanzelte, lupfte es mir den Hut. Die Technik ist sicher und ich habe manchmal das Gefühl, beim Thema Atomstrom schalten einige den Verstand aus.

Das ist nun doch etwas polemisch. Schliesslich bleibt ein Restrisiko – und das kann im Fall der Atomenergie verheerend sein.

Ein Restrisiko bleibt immer. Bei der Atomenergie ist es aber verschwindend klein. Wer in ein Auto steigt, geht ein X-mal höheres Risiko ein. Lässt er es deshalb bleiben? Nein.

Ein Auto kann man aber problemloser verschrotten als ein AKW.

Das Argument sticht nicht. Wir haben in der Schweiz eine gute Lösung mit den Tiefenlagern.

Ein feuriger Appell für die Atomenergie. Da führt zur nächsten Entweder-oder-Frage: Emotional oder rational?

Ich kann schon auch emotional werden. Bei Diskussionen, die allzu sehr ins Emotionale abzudriften drohen, versuche ich, Tempo rauszunehmen und mit Vergleichen zu argumentieren. Manchmal hilft es auch, die Situation mit einem lockeren Spruch zu entspannen. Wissen Sie, was mich stört?

Nein, ich kann (noch) nicht Gedanken lesen.

Mich stört, dass es viele Politiker gibt, die einfach etwas dahinplappern, ohne eine Ahnung von der Materie zu haben. Ich habe immer nach dem Grundsatz gelebt: Wenn ich etwas sage, dann weiss ich, wovon ich rede. Ich ging im Grossrat stets nur ans Mikrofon, wenn ich mich in einem Thema auskannte. Das handhaben viele nicht so. Leider.

Mit wem würden Sie lieber dinieren: Irène Kälin oder Andreas Glarner?

Andreas Glarner. Wenn man mit ihm allein redet, ist er ein sympathischer, interessanter Gesprächspartner. Sobald er aber ein Mikrofon sieht oder ans Rednerpult tritt, hängt er den ekligen SVPler raus. Dann ist er eine «Rampensau». Vielleicht will er dieses Bild gegen aussen auch. Bei ihm weiss man aber zumindest immer, woran man ist. Das ist gerade bei den Grünen nicht der Fall.

Tesla oder Zwei-Liter-Benzin-Turbo?

Im Moment setze ich noch auf den Benziner, wobei es kein Zwei-Liter-Turbo sein muss.

Ihr Arbeitgeber produziert Strom. Weshalb setzen Sie da nicht auf ein Elektroauto?

Weil man sich heute noch von Elektro-Tankstelle zu Elektro-Tankstelle hangeln muss. Und darauf habe ich keine Lust. Zudem sind die Benzin- und Dieselmotoren so gut entwickelt, dass sie das Maximum an Leistung bei einem Minimum an Schadstoffen herausholen. Das ist bei Elektroautos nicht der Fall. Solange der Strommix in Europa zu einem hohen Teil über Kohlekraftwerke sichergestellt wird, fahren Elektroautos nicht sauber.

In der Schweiz schon.

Das stimmt nur bedingt. Auch wir müssen Strom importieren.

Unter welchen Prämissen kaufen Sie ein Elektroauto?

Sobald das Tankstellennetz ausgebaut ist und die Anschaffungspreise nicht mehr deutlich über jenen von konventionellen Autos liegen.

Dalai Lama oder Papst Franziskus.

Papst Franziskus. Ich gehe zwar nicht mehr allzu oft in die Kirche, bin aber auch heute noch bekennender Katholik. (Lacht.) Auch wenn ich damit nicht mehr «in» bin.

Weshalb gehen Sie nur noch selten in die Kirche?

Ich habe Mühe mit einigen Seelsorgern, vor allem mit denjenigen, die das Gefühl haben, sie müssten von der Kanzel herab Politik betreiben.

Ist die Kirche auf dem Holzweg?

Schon etwas. Sie schafft es nicht mehr, die Menschen anzusprechen, vor allem die Jungen nicht. Da müsste sich die Kirche öffnen, neue Wege suchen. Das macht sie viel zu wenig. Die Kirche ist mir zu konservativ unterwegs. Ich sehe beispielsweise nicht ein, weshalb Frauen nicht Priesterinnen werden sollen. Das ist ein alter Zopf. All die Skandale, welche die Kirche nicht richtig aufarbeitet, tragen das ihre zur Distanz und zum Mitgliederschwund bei.

Konnten Sie Ihren Glauben den Kindern weitergeben?

Nicht so, wie ich das eigentlich wollte. Da bin ich von mir selber enttäuscht. Sie kommen zwar ab und an mit in die Kirche, aber sie haben keinen wirklichen Bezug. Dies liegt aber auch am Umgang der Kirche mit Jungen und mit neuzeitlicheren Formen.

Turm oder Höhle?

Ohne Frage: Turm.

Da spricht der Promotor des Cheisacher-Turms aus Ihnen.

Nicht nur. Ich bin nicht gerne in Höhlen, das löst in mir ein beklemmendes Gefühl aus. Ich brauche Luft um mich herum. (Lacht.) Aber nicht reine Luft. Ich würde eigentlich gerne Gleitschirmfliegen. Aber so ganz ohne Boden unter den Füssen fühle ich mich auch nicht wohl.

Alpin oder Langlauf?

Ganz knapp Alpin. Während meines Studiums machte ich nur Langlauf. Das faszinierte mich, ich nahm zusammen mit meinem Bruder auch an mehreren Volksläufen wie dem Engadiner teil. Mit der Geburt der Kinder stand dann Alpin im Vordergrund. Vor drei Jahren packte mich das Langlaufvirus erneut. Dennoch würde ich mich, müsste ich mich für eines von beiden entscheiden, auf Alpin setzen – auch meiner Frau zuliebe. Ihr sagt Langlauf nichts.

Wellnesshotel oder Alphütte?

Ich mache zwar gerne Wellness, aber eine Alphütte übt einen speziellen Reiz aus. Meine Frau und ich haben schon ein paar Mal davon gesprochen, die Ferien in einer Alphütte zu verbringen. Umgesetzt haben wir es noch nie. Aber: Was noch nicht ist, kann ja noch werden. Luxus sagt mir nicht sehr viel. Wir übernachten auch heute noch regelmässig in Jugendherbergen.

Gault Millau oder Döner-Bude?

Döner. Ich habe ihn fürs Leben gern. Natürlich gehe ich auch ab und an gerne gediegen essen. Aber zwei- dreimal im Jahr reichen mir.

Fernsehen oder Lesen?

Fernsehen. Ich lese im Geschäft und in der Politik so viele Papiere, dass ich froh bin, am Abend einfach mal vor dem Fernseher abschalten zu können. Am liebsten schaue ich James Bond. Meine Frau sagt manchmal: «Den haben wir doch schon gesehen!» Das macht mir nichts aus. Ich kann Bond-Filme zehnmal schauen, wenn es sein muss.

FC Aarau oder FC Basel?

Aarau, auch wenn sie derzeit nicht erstklassig sind. Dem FCB muss man nicht helfen, die sind sonst schon gut genug. (Lacht.) In diesem Punkt bin ich eben Patriot.

Martin Steinacher ohne Politik ist...

Zufrieden. Ich freue mich mega auf die Zeit, auch, dass ich nicht mehr so stark fremdgesteuert bin und mehr Zeit für meine Familie und meine Hobbys habe. Aber es gibt den Martin Steinacher nicht ohne Politik: Ich werde vorerst Orts- und Bezirksparteipräsident bleiben. Zudem arbeite ich weiterhin in Arbeitsgruppen und Kommissionen mit. Ich will mich auch in Zukunft konstruktiv einbringen, vorab in den Themen, die mir wichtig sind. Das ist natürlich primär die Energiepolitik, aber auch die Bildungspolitik.

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