Grippewelle
«Es ist nie zu spät, sich gegen die Grippe zu impfen»

Hausarzt Beat Rickenbacher äussert sich im Interview über die Grippewelle, die aufs Fricktal zurollt – und wie man sich schützen kann. Wer die Grippe schon habe, müsse da durch. Wobei fiebersenkende Schmerzmittel Linderung bringen würden.

Thomas Wehrli
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«Es ist einem hundeelend»: Anders als bei einer Erkältung ist man bei einer Grippe tagelang ans Bett gefesselt. (Archiv)

«Es ist einem hundeelend»: Anders als bei einer Erkältung ist man bei einer Grippe tagelang ans Bett gefesselt. (Archiv)

zvg

Herr Rickenbacher, die Grippewelle ist angerollt. Der Aargau gehört zu den am stärksten vergrippten Kantonen. Wie sieht es im Fricktal aus?

Beat Rickenbacher: Im Fricktal sind wir bisher noch weitgehend verschont geblieben. Wir hatten in unserer Praxisgemeinschaft in dieser Woche nur wenige Grippeverdachtsfälle.

Ihre Prognose?

Beat Rickenbacher Präsident des Hausärztevereins Fricktal: «Wenn eine Grippewelle in einem Gebiet grassiert, sollte man Orte meiden, an denen sehr viele Menschen zusammenkommen.»

Beat Rickenbacher Präsident des Hausärztevereins Fricktal: «Wenn eine Grippewelle in einem Gebiet grassiert, sollte man Orte meiden, an denen sehr viele Menschen zusammenkommen.»

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Besteht auch die Chance, dass uns die Grippe aussen vor lässt und der Epidemie-Schwellenwert – 70 Grippeverdachtsfälle pro 100 000 Einwohner – nicht erreicht wird?

Die Möglichkeit besteht. Letztes Jahr hatten wir im Fricktal eine Grippewelle, das Jahr zuvor blieben wir mehrheitlich verschont.

Oftmals entpuppt sich eine vermeintliche Grippe als starke Erkältung. Weshalb fällt es vielen schwer, die beiden Krankheitsbilder auseinanderzuhalten?

Beides sind virale Erkrankungen. Viele denken, wenn sie Husten, Halsweh oder Fieber haben: Das muss die Grippe sein. Viele dieser Beschwerden entpuppten sich dann als Erkältung.

Helfen Sie uns auf die Sprünge: Wann ist eine Grippe eine Grippe?

Bei einer Grippe hat man hohes Fieber, bis zu 40 Grad, und liegt mindestens eine Woche im Bett. Während man bei einer Erkältung oft noch zur Arbeit geht, ist dies bei einer Grippe schlicht nicht möglich. Man ist ans Bett gefesselt.

Ich selber hatte bislang Glück und noch nie eine Grippe. Wie fühlt sich das an?

Wie ein Hammer. Kopfschmerzen, Gliederschmerzen. Es ist einem hundeelend.

Erleben Sie es als Arzt oft, dass Leute kommen und sagen: Ich habe die Grippe – und sich diese Selbstdiagnose dann als falsch erweist?

Das erleben wir sehr oft (lacht). Ich kann sie dann oft «entwarnen» und ihnen sagen, dass sie einen weniger aggressiven Infekt haben.

Reden ist Silber, Helfen ist Gold: Was können Sie für diese Patienten tun?

Am besten helfen fiebersenkende Schmerzmittel. Damit lassen sich Beschwerden wie die Gliederschmerzen recht gut bekämpfen, die Ursache aber natürlich nicht. Da muss man durch.

Wie kann ich mich im Alltag vor einer Grippe schützen?

Wenn eine Grippewelle in einem Gebiet grassiert, sollte man Orte meiden, an denen sehr viele Menschen zusammenkommen. Konzerte beispielsweise. Sonst gibt es nicht viele Möglichkeiten.

Dann gibt es bei der Grippe keine Verhaltensregel wie: «Nach dem Klo und vor dem Essen – Hände waschen nicht vergessen»?

Das Händewaschen ist zwar eine sinnvolle Hygieneregel, hilft aber bei einer Grippe nicht weiter, da es sich hier um eine Tröpfcheninfektion handelt. Wenn Sie ein Infizierter anhustet oder anniest, ist es geschehen.

Dann bleibt mir nur zu beten: Hoffentlich ist der Huster nicht infiziert?

Ja, mehr ist in diesem Fall nicht möglich.

In Japan tragen viele Menschen Gesichtsmasken, um sich und andere zu schützen. Das wäre doch das ideale Konzept?

Das wird auch bei uns immer wieder diskutiert. Das letzte Mal bei der Schweinegrippe. Es stimmt: So könnten viele Übertragungen verhindert werden. Doch zum einen sind Masken, die wirklich schützen, teuer. Zum anderen ist es auch sehr unangenehm, sie den ganzen Tag zu tragen. Das macht niemand freiwillig.

Ist es jetzt, wo die Grippewelle anrollt, bereits zu spät für die Impfung?

Es ist nie zu spät für die Impfung. Es geht rund zehn Tage, bis sie wirkt. Wie gesagt: Ich rechne damit, dass es erst in zwei, drei Wochen im Fricktal zu einer Häufung der Grippefälle kommt. Es reicht also noch.

Wem empfehlen Sie die Impfung?

Allen, die angesteckt werden können. Ich empfehle sie auch jüngeren Leuten, denn diese sind meist mehr unterwegs, zum Beispiel im Ausgang, und sind so einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Ich stelle seit einigen Jahren auch fest, dass sich vermehrt junge Leute impfen lassen. Das ist erfreulich.

Wie bereitet sich in der Praxisgemeinschaft auf die Grippewelle vor?

Wir schauen, dass die Erkrankten möglichst nicht andere Leute anstecken. Wer mit Grippesymptomen kommt, wird wenn möglich direkt ins Sprechzimmer geschleust. Wichtig ist auch die Impfung des Personals. Wir sind in unserer Praxisgemeinschaft fünf Ärzte und sind alle geimpft. Beim Personal nimmt die Impfrate zwar langsam zu, doch es ist immer noch schwierig, die Leute zu überzeugen. Aktuell ist rund die Hälfte geimpft.

Weshalb lassen sich nicht mehr impfen?

Vielleicht, weil man denkt: Ich hatte ja noch nie eine Grippe – weshalb soll ich mich da impfen lassen? Mit dem Phänomen, dass sich viele Angestellten nicht impfen lassen, sind alle medizinischen Einrichtungen konfrontiert. In den Spitälern liegt die Impfrate sogar nur bei rund 20 Prozent.

Weshalb haben Sie sich geimpft? Aus einer Angst vor einer Ansteckung?

Schon auch, ich will schliesslich nicht ausfallen. Aber vor allem will ich nicht andere Menschen anstecken, zumal eine Grippe viele meiner Patienten deutlich stärker belasten würde als mich.

Ihr persönlicher Tipp: Was machen Sie, um die Grippesaison unvergrippt zu überstehen?

Ich ziehe mich warm an, gehe oft an die frische Luft, trinke genug und esse regelmässig eine Orange oder andere Früchte, um den Vitamin-C-Pegel zu erhöhen.