Palliativmedizin
«Es ist hart, jemandem zu sagen: Es gibt keine Chance mehr für Sie»

Zu Hause sterben ist ein grosses Thema. Palliativmediziner Hagen Scheerle-Hofmann vom Pflegeheim Rheinfelden spricht im Interview darüber ebenso wie über gewonnene Lebenszeit und «Übertherapierung».

Thomas Wehrli
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Hagen Scheerle-Hofmann: «Auch ich habe Angst vor dem Tod.»

Hagen Scheerle-Hofmann: «Auch ich habe Angst vor dem Tod.»

zvg/Keystone/Gaetan Bally

Herr Scheerle, haben Sie Angst vor dem Tod?

Hagen Scheerle: Vor dem Sterben habe ich keine Angst. Vor dem Tod hingegen schon.

Zur Person

Hagen Scheerle-Hofmann, 41, ist Facharzt für allgemeine innere Medizin und Leitender Arzt des Pflegeheims Rheinfelden. Scheerle hat kürzlich den Master of Science in Palliative Care gemacht. Er ist verheiratet, bald Vater und wohnt in Zeiningen.

Weshalb?

Es ist dieses Nicht-Wissen, was danach kommt, diese Endgültigkeit, die der Tod in sich trägt, die ein ungutes Gefühl auslösen kann.

Hat man als Palliativmediziner einen anderen Zugang zum Tod, zum eigenen Sterben?

Die tägliche Konfrontation mit dem Tod verändert die eigene Einstellung dazu schon. Stark geprägt hat mich zudem der Tod meiner Mutter, die relativ früh verstarb. Damals, vor 25 Jahren, gab es noch keine Palliativmedizin. Die Sterbenden wurden im Spital zum Sterben in eine Besenkammer gebracht. Das war ein Schock.

Bewog Sie die persönliche Erfahrung mit dem Tod Ihrer Mutter, Palliativmediziner zu werden?

Es trug sicher dazu bei. Ich setzte mich so früh mit der Thematik auseinander, las viel und merkte im und nach dem Medizinstudium, dass ich weniger Berührungsängste mit dem Thema habe als viele meiner Kollegen.

Braucht es eine solche Prägung, um Palliativmediziner zu werden?

Es braucht die Bereitschaft, sich auf das Thema einzulassen, und es braucht eine Offenheit, über das Sterben und den Tod mit den Patienten und Angehörigen zu reden. Das liegt nicht allen.

Weshalb?

Weil es schwierig ist, ans Bett eines Patienten zu treten und zu sagen: Jetzt wird es endgültig. Diesem «Sich-Stellen» lässt sich in der Medizin ja auch gut ausweichen, da es immer die eine oder andere Therapie gibt, die man noch ausprobieren kann – auch wenn man als Arzt genau weiss, dass sie kaum etwas bringen wird.

Ist die «Übertherapierung» auch ein Schutz davor, die letztendliche Konsequenz ansprechen zu müssen?

Wir haben in der Medizin heute unglaubliche technische und therapeutische Möglichkeiten. In der Onkologie beispielsweise findet sich immer eine weitere Therapiemöglichkeit. Das ist ein grosser Gewinn. Gleichzeitig ist so aber auch die Versuchung gross zu sagen: Probieren wir noch etwas aus.

Weshalb erliegt die Palliativmedizin dieser Versuchung weniger?

Weil wir einen anderen Ansatz ins Zentrum rücken: die Lebensqualität. Lebenszeit lässt sich oft nur mit dem hohen Preis einer ganz schlechten Lebensqualität gewinnen. Wenn eine Therapie zwar das Leben verlängert, der Patient aber nichts davon hat, ist es der falsche Weg. Wir versuchen die Zeit, die bleibt, optimal zu nutzen und Projekte, die dem Patienten wichtig sind, gemeinsam anzugehen. Das kann beispielsweise eine Reise sein, die der Patient noch unbedingt machen will.

«Je mehr ungelöste Probleme und Konflikte ein Mensch mit sich herumträgt, desto schwerer fällt ihm das Sterben.»

Es braucht Mut, einem Patienten zu sagen: Es gibt keine Heilung mehr.

Sicher braucht das Mut. Es ist hart, jemandem gegenüberzusitzen und zu sagen: Es gibt keine Chance mehr für Sie, das war die letzte Therapie. Das ist eine schwierige Situation, die man während des Studiums zum Palliativmediziner auch regelmässig mit Rollenspielen übt. Es geht dabei ganz stark auch um die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit.

Sie können sich nie sicher sein, ob eine Therapie, die Sie nun nicht machen, vielleicht temporär doch noch etwas gebracht hätte. Belastet dieses Nicht-Wissen nicht?

Natürlich belastet das. Es ist eine Verantwortung, die man sehr ernst nimmt. Gerade deshalb ist es auch wichtig, dass alle Disziplinen, die in einen Fall involviert sind, eng zusammenarbeiten.

Passiert dies?

Ja, wobei wir Palliativmediziner oft erst recht spät mit ins Boot geholt werden. Das ist schade, denn die Zeit, die ein Patient hat, gilt es nicht nur medizinisch zu nutzen.

Was heisst das?

Meine Erfahrung ist: Je mehr ungelöste Probleme und Konflikte ein Mensch mit sich herumträgt, desto schwerer fällt ihm das Sterben. Diese Probleme lassen sich oft nicht in den letzten Wochen lösen. Deshalb wäre es gut, wenn der Patient möglichst frühzeitig ganzheitlich betreut würde.

Weshalb werden Sie nicht früher ins Boot geholt?

Viele Patienten wollen es nicht, weil sie damit ja den Glauben an die Heilung aufgeben müssten. Die Ärztekollegen wiederum zögern, weil für sie dahinter die Aussage steckt: Der Patient stirbt – ich habe versagt. Dem ist natürlich nicht so, aber das Gefühl ist trotzdem da.

«Letztlich habe ich meinen Job gut gemacht, wenn der Patient gut sterben kann.»

Palliativmedizin braucht viel Zeit, Medizin hat kaum Zeit. Ein innerer Widerspruch?

Der Zeitfaktor macht unsere Arbeit sicher schwieriger. Ein Spital muss wirtschaftlich arbeiten. Die Fallpauschalen haben hier die Schraube nochmals etwas angezogen. Eines unserer Hauptprobleme ist, dass die ambulante und stationäre Ebene wie zwei Schienen sind, die nicht parallel laufen. Wir schaffen es nicht, die Überschneidungen, die es gibt, zu lösen. Ich kann den Hausarzt oder die Spitex nicht zu mir bestellen – das bekommt niemand bezahlt. Und umgekehrt kann ich nicht hinaus.

Fehlt es am Geld?

Leider, ja. Eine palliative Infrastruktur fehlt im Aargau weitgehend. Da sind andere Kantone viel weiter. Sie investieren aber auch deutlich mehr. Mit den 350 000 Franken, die der Aargau pro Jahr investiert, kommen wir nicht weit. Das Waadtland beispielsweise gibt pro Jahr 3,5 Millionen Franken für die Palliativmedizin aus.

Wird es besser?

Nein, die Summen steigen zwar in den nächsten Jahren. Aber sie bleiben auf bescheidenem Niveau.

Wann haben Sie Ihren Job als Palliativmediziner gut gemacht?

Wenn mir der Patient vertraut und ich ihm ehrlich sagen kann, welche Ziele erreichbar sind und welche nicht. Wenn es uns gemeinsam gelingt, dieses Ziel zu erreichen. Letztlich habe ich meinen Job gut gemacht, wenn der Patient gut sterben kann.

Sie sind täglich mit dem Sterben konfrontiert. Stumpft das ab?

Nein, jedes Schicksal berührt mich. Es ist wichtig, dass ich auch etwas von mir gebe, mich mit meiner Biografie einbringe. Sonst bin ich nicht authentisch und es kommt keine gute Arzt-Patienten-Beziehung zustande. Wenn mich jemand fragt, ob ich selber Angst vor dem Tod habe, dann sage ich nicht: nein, sondern spreche offen über meine Ängste. Aber natürlich: Eine gewisse Distanz muss ich schon wahren. Das gelingt mir auch ganz gut.

Viele möchten zu Hause sterben. Ist dieser Wunsch legitim? Darf ich mich anderen «zumuten»?

Natürlich ist das legitim. Auch für mich ist das Sterben zu Hause eine wertvolle Vorstellung. Ich möchte ebenfalls lieber im vertrauten Umfeld mit den vertrauten Menschen sterben als im anonymen Schichtbetrieb eines Spitals. Ob und wie der Wunsch umgesetzt werden kann, hängt dann stark von der Familienkonstellation oder dem Umfeld im Spital oder im Pflegeheim ab . Auch hier kann durch eine gute Palliative Care ein vertrauensvolles Umfeld geschaffen werden.

«Der Angehörige muss seine Ressourcen richtig abschätzen. Denn es bringt nichts, wenn er sich überfordert und so ganz ausfällt.»

Der Wunsch, ich will zu Hause sterben, impliziert gleichzeitig: Ihr müsst das mittragen. Ist das nicht eine latente Überforderung des Umfeldes?

Doch, das erlebe ich sogar häufig. Ein Problem ist, dass oftmals auch die Angehörigen schon älter und ihre Kräfte ebenfalls begrenzt sind. Zweitens wird in der Familie oft zu spät darüber gesprochen, um das notwendige ambulante Setting rechtzeitig aufziehen zu können. Drittens fehlt es an Ärzten, die bereit sind, die Patienten zu Hause zu besuchen. Viele Hausarztpraxen laufen am Limit, da es immer weniger Hausärzte, aber immer mehr Patienten gibt.

Darf ein Angehöriger auch sagen: Nein, ich traue mir eine Sterbebegleitung zu Hause nicht zu?

Sicher darf er das – er muss es sogar, wenn er sich überfordert fühlt. Denn es ist zentral, einen Weg zu finden, der für beide richtig ist. Der Angehörige muss seine Ressourcen richtig abschätzen. Denn es bringt nichts, wenn er sich überfordert und so ganz ausfällt. Damit ist niemandem gedient. Ich empfehle jedem, ehrlich zu sagen: Ich kann es nicht oder ich kann es bis zu einem gewissen Punkt. Da muss man egoistisch sein.

Der heutige Diskussionsabend soll «Mut machen». Was macht Mut?

Mut macht, dass es immer einen Weg gibt, der gangbar ist. Mut wollen wir machen, indem wir den Leuten zeigen: Ihr müsst keine Angst vor dem Sterben haben, die körperlichen Symptome haben wir meist sehr gut im Griff. Niemand muss beim Sterben an unerträglichen Schmerzen leiden.

Vortrag: Zu Hause sterben. – Das Gesundheitszentrum Fricktal führt Donnerstag, 22. Oktober 2015, zusammen mit «palliative aargau» einen Informations- und Diskussionsabend zum Thema «Sterben daheim – schaffen wir das? Angehörige zwischen Solidarität und Überforderung» durch. Der Anlass findet im Gesundheitszentrum Rheinfelden statt und beginnt um 19 Uhr.