Wahlen 2015
Es geht atemlos durch die Welt der Polit-Werbefilmchen

SVP und Beat Flach machen es vor: Youtube als Wahlkampfmittel. Im Fricktal dagegen herrscht Sendepause

Thomas Wehrli
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Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren: Da höre ich mir, die Neugierde trieb mich um, ein einziges Mal (!) den SVP-Wahlkampfsong «Wo e Willy isch, isch ou e Wäg» an. Und seither läuft mir dieser Hund, ähm: Song nach – und vor meinem geistigen Auge wippt Christoph Blocher, beide Arme schwingend, im Takt mit. Eine aus-weg-lose Situation.

Die Idee, die Wähler mit einem (Musik-)Video abzuholen (oder abzuschrecken), indes scheint mir famos. Nachdem bei den Wahlen 2011 Facebook den ultimativen Das-musst-Du-haben-wenn-Du-in-sein-willst-Status genoss, ist im Wahlkampf 2015 ein Video auf Youtube der letzte Schrei.

Schon male ich mir aus, wie Maximilian Reimann, SVP, im Cabriolet heranrollt, während aus dem Off eine adrette Frauenstimme Udo Jürgens’ adaptierten Evergreen trällert: «Mit 73 Jahren, da fängt das Leben an.» Zum Stillstand gekommen, wirbt Maximilian Reimann für seinen Vorstoss, dass Senioren künftig erst ab 75 (statt wie bisher 70) zum ärztlichen Kontrollcheck vorfahren müssen.

Und ich sehe René Leuenberger, FDP, wie er in einem seiner Whirlpools sitzt, das Wasser blubbert fröhlich aus allen Düsen, und er über die sprudelnde Wirtschaft und Grenzkonflikte spricht. Dann beginnt der Gärtnermeister zu schunkeln und stimmt in einen (von Heino gecoverten) Song ein: «Ja, ja, so blau, blau, blau blüht die FDP.» Oder ich sehe Gertrud Häseli, Grüne, wie sie zu «Willkommen in meinen Träumen» von Helene Fischer durch ihren Garten tanzt, an dieser Blume riecht, in jenen Apfel beisst – und für eine bessere Welt wirbt.

Die Träume, sie zerplatzen jäh, als ich auf Youtube und Google nach Videoköstlichkeiten unserer 34 Fricktaler Nationalratskandidaten suche. Das Vorgehen ist dabei bei allen Kandidaten das gleiche: Ich gebe Vorname und Name ein und forste die erste Ergebnisseite durch; weiter hinten sucht kein – Wähler.

Magere Bilanz nach fast zwei Stunden Suche und dem Konsum von unzähligen Seh- und Hörgrausamkeiten: Ein einziger der 34 Kandidaten hat ein Wahlvideo gedreht, zwei haben ihren Auftritt an den Nominationsveranstaltungen aufgeschalten. Bei weiteren Kandidaten tauchen Videoleichen aus vergangenen Tagen auf (keine Angst, liebe Kandidaten: Es kam dabei nichts Kompromittierendes zum Vorschein – bislang).

Die Trophäe «Bestes Fricktaler Wahlkampfvideo 2015» geht an: Daniel Vulliamy, SVP, Rheinfelden. Zugegeben: Das Trophäensammeln ist bei nur einem Kandidaten auch nicht sonderlich schwierig. 4:54 Minuten dauert sein Video, aufgenommen auf einer Terrasse.

Vulliamy kommt ins Bild, setzt sich an einen Tisch, erzählt er aus seinem Leben, seiner Arbeit, seiner Politik. Man erfährt, dass er ein gemässigter SVP-Politiker sei, einer, der mit Anstand politisiere. Man hört ihm zu – und fixiert die ganze Zeit das grün-beige Ding, das da auf dem Bartischchen hinter ihm steht.

Ist es eine Räucherschale? Eine Duftlampe? Ein Windlicht? Verflixt! Und verhext: Denn das Ding, das unsägliche, entpuppt sich auch noch als Verwandlungskünstler – in den ersten Einstellungen war es ein schwarzer Aschenbecher ...

Etwas hölzern wirkt der Schwenk ins Grüne (es ist der einzige Perspektivenwechsel), der deutlich nach Vulliamys dazugehöriger Aussage «wenn Sie henter me luege» erfolgt. Akustisch aufgelockert wird Vulliamys doch etwas monotone Stimme durch Vogelgezwitscher – und durch einen Ausschnitt von Helene Fischers Hit: «Atemlos». Dazu Vulliamy: «Ich bin absolut atemlos von A bis Z dabei», was er mit einem spitzbübischen Lächeln quittiert.

Helene Fischer taucht auch zuoberst auf, wie ich nach Andreas Fischer suche. Der Grund: Das Fischer’sche Country-Duett mit Andreas Gabalier. Ohnehin gehört es zu den lustigeren Momenten auf der sonst doch recht tristen Video-Such-Odyssee zu sehen, welche Videos bei den einzelnen Namen an prominenter Stelle erscheinen. Mit Werner Müller, CVP, assoziiert Youtube «Werner Müller & Das RIAS-Tanzorchester» sowie «Tango!». Nun, mit Verlaub, solcherlei Schritte und Musikeinlagen traue ich dem Wittnauer Gemeindeammann und Grossrat nun doch nicht ganz zu.

Bei Hans Zünd, BDP, taucht der (hoffentlich trotz absehbarer Nicht-Wahl) nicht eintreffende Song auf: «Ich zünd mich an» von Hans-a-Plast. Bei Gertrud Häseli erscheint – nichts. «Keine Ergebnisse gefunden», teilt Youtube mit. Damit sichert sich Häseli den Einfach-ignoriert-Sonderpreis.

Apropos Preise: Auf den Plätzen 2 und 3 in der Best-of-Kategorie landen jene zwei Politiker, deren Nominationsvideo nicht nur online, sondern auch leicht auffindbar ist: Maximilian Reimann, SVP, und René Leuenberger, FDP. Letzterer gewinnt zudem den Humorpreis: Auf die Frage, was für ihn Eigenverantwortung ist, meint dieser augenzwinkernd: «Eigenverantwortung als Fricktaler wäre, dass wir wieder einen eigenen Kanton gründen.» Da stimme ich doch gerne mit ein: «Wo e Fricktaler isch, isch ou e Wäg». Oder so.

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