Mit der (Hiobs-)Botschaft des Gesundheitszentrums Fricktal (GZF), dass das medizinische Angebot in Laufenburg massiv zurückgefahren wird, ist es so wie mit dem Zahnarztbesuch: Man weiss, dass er ansteht – und schiebt ihn möglichst weit von sich. So hält sich denn auch die Überraschung, dass das Leistungsangebot am Spital Laufenburg überprüft und vermutlich stark gekürzt wird, in Grenzen. Die Enttäuschung, dass es nun kommt, wie man es vermutet hat, ist in und um Laufenburg verständlicherweise dennoch gross. Ebenso der Unmut.

Derzeit beschäftigen vor allem zwei Fragenkomplexe: Erstens, wie stark dieser Einschnitt sein wird. Das GZF prüft in den nächsten Monaten zwei Szenarien. Bei Szenario 1 wird die stationäre Chirurgie in Rheinfelden konzentriert. In Laufenburg verbleiben die stationäre Medizin, das Pflegeheim und das ambulante Angebot. Bei Szenario 2 behält Laufenburg lediglich das Pflegeheim und eine ambulante Sprechstunde. Überprüft wird auch, ob am Standort Laufenburg weiterhin eine Notfallaufnahme betrieben wird. Was das GZF indes bereits klar sagte: Der Status quo ist keine Option (AZ vom 9. April).

Der zweite Fragenkomplex, der ebenfalls beschäftigt, betrifft das «Wie weiter?». Konkret: Was passiert mit dem Personal, das in Laufenburg arbeitet, und was mit den leeren Betten respektive den frei werdenden Räumen? Für beide Fragen hat das GZF noch keine Antwort; das sei Teil der Analyse, die nun bis Ende Juni gemacht werde, heisst es beim GZF.

Laufenburg nicht als Verlierer

Spricht man indes mit Politikern im Fricktal, so fällt auf die Frage, was denn am Standort Laufenburg Sinn mache, die gleiche Antwort: ein Pflegeheim. Ein solches führt das GZF in Laufenburg wie in Rheinfelden bereits. Grossrat Roland Agustoni (GLP, Rheinfelden) sieht in einer Umnutzung grosses Potenzial. Zwar habe man im Fricktal derzeit genügend Pflegeplätze, doch der Bedarf sei angesichts der demografischen Entwicklung ausgewiesen. Insofern, so Agustoni, müsse der Standort Laufenburg nicht als Verlierer dastehen, sondern könne als Gewinner aus der Umstrukturierung hervorgehen.

Auch Grossrätin Gertrud Häseli (Grüne, Wittnau) sieht die Zukunft von Laufenburg im Bereich der Geriatrie. Ihr schwebt ein umfassendes Angebot vor, dem auch ein Hospiz angegliedert sein könnte. Sie ist sich bewusst, dass die politischen Rahmenbedingungen dafür nicht ideal sind. «Diese können aber geändert werden», ist sie überzeugt. Das heisst: «Das Thema muss auf die politische Agenda gehievt werden, damit die Finanzierung der Hospize gesichert wird.»

Hohe Auslastung

Die zentrale Frage allerdings ist eine grundlegende: Braucht das Fricktal überhaupt mehr Pflegebetten? Denn eines ist für Andre Rotzetter, Grossrat (CVP, Buchs) und Geschäftsführer des Vereins Altersbetreuung im Oberen Fricktal (VAOF), klar: «Was wir nicht brauchen können, sind leere Betten. Das sind die mit Abstand teuersten Betten.» Der VAOF führt in Frick und Laufenburg je ein Alterszentrum mit zusammen 211 Plätzen.

Aktuell ist das Fricktal mustergültig unterwegs, wie eine Erhebung des Planungsverbandes Fricktal Regio zeigt. Von den 649 Pflegebetten, die Ende September 2017 gemeldet waren, sind 628 belegt. Das entspricht einer Quote von 96,8 Prozent – was deutlich über dem Aargauer Schnitt von 94 Prozent (Stand 2016) liegt. Empfohlen wird den Regionen vom Departement für Gesundheit und Soziales eine Auslastung von 97 bis 98 Prozent – das Fricktal macht hier also eine Ziellandung.

Dies hat zum einen mit der koordinierten Planung – Fricktal Regio und die Anbieter arbeiten Hand in Hand – sowie einer realistischen Annahme zu tun, wie viele Senioren je in ein Pflegeheim müssen. Diese Pflegeplatzquote, aufgrund derer der Kanton die Zahl der Pflegeplätze festsetzt, lag im Fricktal bis 2016 bei 16,7 Prozent der über 80-Jährigen und wurde dann auf Antrag von Fricktal Regio auf 16,2 Prozent gesenkt.

Diese Senkung könne auch als Zeichen gewertet werden, dass im Fricktal die Strategie «ambulant vor stationär» zu greifen beginne, sagt Judith Arpagaus, Leiterin der Geschäftsstelle von Fricktal Regio. Mit der Senkung der Pflegeplatzquote «haben wir auch der Entwicklung Rechnung getragen, dass die Senioren immer später in ein Heim eintreten und entsprechend auch immer kürzer bleiben», sagt Rotzetter. Die «klassischen Kunden» – das Ehepaar, das zusammen ins Heim zieht und hier mehrere Jahre verbringt; der Alleinstehende, der ins Heim eintritt, um den Haushalt nicht mehr selber führen zu müssen – «gibt es kaum mehr», so Rotzetter. Welche Dynamik hier im Spiel ist, zeigt der Gesundheitspolitiker am Beispiel des Alterszentrums Bruggbach in Frick auf: Hier starben zwischen November und Februar 22 Bewohner. Das entspricht fast einem Fünftel der Bewohner.

Bis 2035 braucht es 300 Betten

Klar sei aber auch, so Rotzetter, dass es mittelfristig im Fricktal mehr Pflegebetten brauche. Grund ist der demografische Wandel; die Zahl der über 80-jährigen Fricktaler wird von aktuell rund 3500 auf knapp 8300 im Jahre 2035 ansteigen. Gemäss der beim Kanton eingereichten Angebotsplanung – sie wurde letztmals 2016 aktualisiert – fehlen im Fricktal 2025 115 Betten (Bettenbedarf: 915). 2030 beträgt das minus 235 (Bedarf: 1135) und 2035 sogar 303 (Bedarf: 1040).

Mit anderen Worten: Es hat Potenzial für zusätzliche Pflegebetten. Die Option, dass das Spital Laufenburg künftig primär als Pflegeheim genutzt wird, besteht also. Nur: «Heute haben wir erst 2018 – und heute haben wir ein leichtes Überangebot», mahnt Rotzetter zur Vorsicht. Zumal es gerade im Altenpflegebereich schwierig sei, Prognosen zu machen. Rotzetter verdeutlicht es an einem Beispiel: Vor ein paar Jahren war der Ruf nach zusätzlichen Demenzbetten in der Region wie im Kanton laut. «Aktuell haben wir Mühe, diese Betten zu füllen», so Rotzetter.

Der Gesundheitspolitiker, der in der 15-köpfigen Grossratskommission «Gesundheit und Sozialwesen» sitzt, warnt zudem vor zu einfachen Umsetzungsvorstellungen. Man könne nicht einfach die Spitalzimmer mit älteren Personen belegen. Denn niemand wolle in einer Spitalatmosphäre leben. «Ein Pflegeheim braucht ganz andere Strukturen als ein Spital.» Diese müssen zuerst aufgebaut werden. Zudem seien die Bewohner deutlich anspruchsvoller als früher. «Wer Erfolg am Markt haben will, muss ein attraktives Angebot zu guten Preisen anbieten», sagt Rotzetter. Dies sei gerade jetzt, wo kantonsweit mehrere hundert Betten leer stünden, «unabdingbar».