Möhlin
Erstmals konnte Hans Mahrer kein Glückshufeisen schmieden – nach über 60 Jahren

Viele Silvesterbräuche fielen in diesem Jahr der Coronapandemie zum Opfer. So auch das traditionelle Hufeiseisen-Schmieden von Hans Mahrer in Möhlin; es wurde ersatzlos gestrichen. Es wäre die inzwischen 64. Auflage gewesen.

Hrvoje Miloslavic
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Erstmals konnte Hans Mahrer kein Glückseisen schmieden.

Erstmals konnte Hans Mahrer kein Glückseisen schmieden.

hmb

Auf welche Ursprünge der Glaube an das vermeintlich glückbringende Hufeisen zurückgeht, ist nicht gesichert. Der 81-jährige Hans Mahrer bevorzugt eine pragmatische Erklärung. Zum Beschlagen der Pferde seien früher hochwertige Nägel aus Edelmetallen wie Gold oder Silber benutzt worden, erzählt der gelernte Schmied. «Wer früher so ein verloren gegangenes Hufeisen gefunden hat, war ein Glückspilz.»

Fest steht auch, dass das von Hans Mahrer seit 1956 gepflegte Hufeisen-Schmieden zu einem beliebten lokalen Brauch avanciert ist. Gross war stets der Publikumsandrang, wenn Hans Mahrer zum Jahreswechsel im Ortskern von Möhlin «uff der Schmittebrugg am zwölfi z’Nacht» zur Tat schritt. Immer habe er genau auf das «Ein- und Ausschmieden» geachtet, erklärt er. Während die Glocken des Kirchturms ihre letzten Schläge im alten Jahr taten, begann er das heisse Eisen zu schmieden. Schon einige Minuten nach Mitternacht war es in seine typische, markante Form gebracht. «Das oben offene Eisen soll das Glück auffangen», erklärt Mahrer.

Immer nur ein Hufeisen wird geschmiedet

Geschmiedet hat er an jedem Silvesterabend immer nur ein Hufeisen. Anfragen habe es im Laufe der Zeit natürlich viele gegeben, sagt Mahrer. Meistens erhielt jemand aus der Verwandtschaft oder der näheren Bekanntschaft das gefragte Glückssymbol. Ob es jemandem wirklich mal grosses Glück beschert hat, ist nicht dokumentiert.

Einmal sei eine Mutter zu ihm gekommen und habe ihr Leid geklagt: Ihr Sohn tat sich in der Schule schwer und bekam durchweg schlechte Zensuren. Er habe dann, erinnerte sich Mahrer, eines seiner «Ersatz- Hufeisen» zum Einsatz gebracht. Dem Problemschüler wurde geraten, fortan ein Hufeisen unter die Schulbank zu legen. Ihm sei später berichtet worden, dass sich die Zensuren wirklich gebessert hätten, so Mahrer.

Natürlich habe ihm am Silvesterabend «etwas gefehlt», sagt Mahrer. In 64 Jahren sei der Brauch nicht ein einziges Mal ausgefallen. Beim Jahreswechsel 1971/1972, dem 25. Jubiläum, habe ein «Sauwetter» ihn gezwungen, die gesamte Veranstaltung samt Jubiläumsrede des damaligen Gemeindeammanns René Müller in die Werkstatt in der Kanzleistrasse zu verlegen, erinnert sich Mahrer.

Natürlich sei von vielen Bekannten die Bitte geäussert worden, dass er die Tradition doch in einem kleineren, coronakonformen Rahmen fortsetze. «Wie soll das aber gehen?», fragte sich Mahrer. Man könne doch Menschen, die dann dazukommen möchten, nicht einfach wegschicken. Ebenso sei es nur schwer möglich, bei 300 Besuchern auf die Abstände zu achten. «Sicherheit geht vor», so Mahrer.

Heidi Mahrer hatte ihren Mann an Silvester für sich

Dass aufgrund des ausgefal- lenen Silvesterbrauchs nun das grosse Unglück über Möhlin hereinbricht, glaubt er nicht. Sein persönlicher Rat: «Einfach an das Glück glauben, dann kommt es ganz von alleine.» Für eine Person hatte die Absage des Silvesterbrauchs einen angenehmen Nebeneffekt. Einen sehr ungewohnten Silvesterabend dürfte Hans Mahrers Gattin Heidi erlebt haben. Das Hufeisen-­Schmieden am Silvesterabend begleitet Hans und Heidi Mahrer schon seit 57 Ehejahren. «Das erste Mal, dass ich an Silvester mit meinem Mann alleine sein konnte», stellte Heidi Mahrer zufrieden fest.