Stein
Erfolgsstory: Wie Mohammad ins Fricktal kam und hier für seinen Traum kämpft

Mohammad Gholami floh vor sechs Jahren in die Schweiz. Hier absolvierte er eine Lehre – und schloss als Bester ab.

Thomas Wehrli
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Seit Sommer besucht Mohammad Gholami die Berufsmaturitätsschule. Parallel arbeitet er bei Syngenta weiter. SEVERIN BIGLER

Seit Sommer besucht Mohammad Gholami die Berufsmaturitätsschule. Parallel arbeitet er bei Syngenta weiter. SEVERIN BIGLER

SEVERIN BIGLER

Er vermisse die Familie manchmal schon sehr, sagt Mohammad Gholami, 23, wie er am Besprechungstisch bei seinem Arbeitgeber, der Syngenta in Stein, von seinem Leben erzählt. Etwas verloren wirkt der smarte Afghane am riesigen Konferenztisch, redet leise, lächelt immer wieder verlegen.

Was er zu erzählen hat, ist eine Erfolgsgeschichte, wie man sie nur selten von Flüchtlingen hört. Eine Geschichte von eisernem Willen, unbändigem Glauben und dem Quäntchen Glück, das es für jede Erfolgsstory braucht.

Mohammad hatte mindestens zwei Quäntchen davon. Eines manifestierte sich in Form eines Lehrers im Flüchtlingsheim, der an ihn glaubte, ihn förderte. Für das zweite Quäntchen war Syngenta zuständig. Das Unternehmen erkannte sein Potenzial, bot ihm eine Lehrstelle als Chemielaborant an. Das war vor gut drei Jahren. Inzwischen hat er die Lehre abgeschlossen – als Jahrgangsbester, mit einer 5,5, und als Einziger mit Status F, also mit dem Status «vorläufig aufgenommen». «Wir sind stolz auf ihn», sagt Peter Renold, in dessen Abteilung er nun arbeitet.

Mohammad Gholami lächelt. In seinen dunkeln Augen spiegelt sich neben der Freude über das Erreichte auch die Wehmut über das Getrenntsein von der Familie, die Erinnerungen an die schwierige Flucht, die lange Zeit der Ungewissheit: Kann ich in der Schweiz bleiben oder muss ich zurück?

Zweimal auf der Flucht

Eigentlich waren es zwei Fluchten, die Mohammad erlebt hat. 2009 floh er mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern vor dem Bürgerkrieg aus Afghanistan in den Iran. Hier lebten sie bei Verwandten, Mohammad konnte die Schule besuchen. Er sah aber schnell: «Als Afghane hat man im Iran keine Chance auf eine Zukunft.»

Der Gedanke, nochmals zu fliehen, nach Europa, wo doch alles besser war, wie er glaubte, liess ihn nicht mehr los. Er schob ihn zuerst weg, den Gedanken, denn das hiess ja, seine Familie zu verlassen. Doch der Wunsch wurde stärker, nahm Überhand. Er besprach sich mit der Familie. Sie war einverstanden, die Verwandten gaben ihm als Kredit die mehrere tausend Dollar, die er brauchte, um die Schlepper zu bezahlen.

Neun Tage waren sie auf See, neun «lange und schwierige Tage», sagt Gholami, blickt auf den Tisch, spielt mit den Händen. Über seine Flucht zu reden, fällt ihm auch heute noch, gut sechs Jahre nach der Flucht, schwer. Er blickt auf, lächelt. «Wir waren alle froh, als endlich Land in Sicht war.» Italien. Von da aus floh er weiter, «Himmelsrichtung Norwegen», wie er sagt.

Norwegen wurde es nicht ganz; er blieb in der Schweiz hängen, kam zuerst nach Bern, dann nach Basel, nach Liestal, nach Therwil. Seit einem Jahr lebt er in Reinach «in einer eigenen Wohnung», wie er stolz sagt. Was für einen Schweizer fast selbstverständlich ist, ist für ihn ein Zeichen, dass er seinem Ziel, in der Schweiz zu bleiben, einen Schritt näher gekommen ist. Denn hier sei seine Heimat, sein Zuhause, seine Zukunft.

Wieder verstummt er, wieder flackert ein Schatten in seinen Augen auf. Natürlich sei er oft traurig, dass seine Familie von diesem Leben ausgeschlossen sei. Nicht da ist, wenn es ihm mal nicht so gut geht; nicht da ist, wenn er etwas zu feiern hat – wie die Diplomübergabe oder die Zusage von Syngenta, ihn weiter zu beschäftigen, damit er die Berufsmaturität machen kann. Sein Ziel ist klar: «Ich möchte an der Fachhochschule oder der Uni Chemie studieren.»

Zum Rumsitzen gezwungen

Dass er diesem Ziel schon recht nahe ist, verdankt er vor allem sich selber. Das Asylverfahren sei belastend gewesen, blickt er zurück, vor allem das ewige Rumsitzen habe ihn bedrückt. «Ich hätte so gerne gearbeitet, durfte aber nicht.» So nutzte er die Zeit, um zu lernen. Deutsch vor allem, «denn die Sprache ist der Schlüssel zur Integration», weiss er.

Mohammad Gholami spricht inzwischen gut Deutsch. Er lacht, wie ich ihm das sage. «Das brauchte schon einen eisernen Willen, denn Deutsch ist nicht gerade eine einfache Sprache.»

Parallel bewarb er sich, sobald er durfte, um eine Lehrstelle. Er schrieb alle Pharmaunternehmen an, denn eines war ihm seit seiner Zeit in Iran, wo er in einer Chemiefabrik als Handlanger gearbeitet hatte, klar: «Das ist mein Metier.» Überall bekam er Absagen. Nicht, weil man an seinen Fähigkeiten zweifelte, sondern weil es für Unternehmen mit einem erheblichen Aufwand verbunden ist, einen vorläufig Aufgenommenen zu beschäftigen. Der Aufwand hat sich «mehr als gelohnt», ist man sich bei Syngenta einig.

Dankbar für die Chance

Mohammad Gholami ist dankbar, dass er die Chance erhalten hat. «Das hat mir viele Türen geöffnet», sagt er. Seit Sommer besucht er die zweijährige Berufsmaturitätsschule in Reinach. Daneben arbeitet er weiter für Syngenta. Das Unternehmen hat extra für ihn eine temporäre Stelle geschaffen. Der Vertrag ist auf ein Jahr befristet mit der Option auf ein zweites.

Was er sich wünsche, frage ich Mohammad beim Verabschieden. Zweierlei, sagt er, wenn er so «unverschämt» sein dürfe. Erstens, dass seine Glückssträhne anhalte und er Chemie studieren könne. Zweitens, die B-Bewilligung, die Aufenthaltsbewilligung also, damit er bleiben könne. Hier, «in meiner neuen Heimat».

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