Bözen
Er lebt im Geburtshaus der ersten Schweizer Ärztin

Hans Etter (85) unterrichtete in seiner Zeit als Lehrer während 16 Jahren an der Sekundarschule in Bözen. Mit dem Alten Pfarrhaus, wo Etter heute wohnt, verbindet ihn so manches.

Claudia Meier
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Hans Etter sitzt oft am Klavier in seinem Arbeitszimmer: «Viele Lieder, die ich gerne spiele und singe, sind halt ein bisschen sentimental.»

Hans Etter sitzt oft am Klavier in seinem Arbeitszimmer: «Viele Lieder, die ich gerne spiele und singe, sind halt ein bisschen sentimental.»

Chris Iseli

Stattlich wirkt das Alte Pfarrhaus mit dem grossen Garten am Dorfeingang in Bözen an diesem trüben Morgen. Hans Etter bittet die Besucherin, zuerst im Arbeitszimmer auf einem Sessel Platz zu nehmen. Dann setzt sich der ehemalige Lehrer entspannt ans Klavier, greift in die Tasten und singt das fünfstrophige Liebeslied «S’Vreneli am Thunersee».

Derweil schweift der Blick des Gastes von den imposanten Postern mit Eiger, Mönch und Jungfrau über ein vollgestopftes Bücherregal, bei dem sich die Tablare durch die grosse Last krümmen. Auf einer braunen Kartonschachtel steht mit grünem Filzstift geschrieben «Schulreisen». Das Volkslied habe er in einem alten Liederbüchlein entdeckt, sagt der bald 85-Jährige nach dem Begrüssungsständchen. Es sei zwischen 150 und 200 Jahre alt.

Nur wenige Sekunden später geht das Gespräch in der grossen Soldatenstube aus dem 2. Weltkrieg im Kellergeschoss weiter. Die Wand- und Deckenmalereien befinden sich noch im Originalzustand – an den trockenen Stellen ist die rote, blaue und weisse Farbe erstaunlich gut erhalten.

Während der Grenzbesetzung 1939–1940 versammelten sich da die Soldaten um den Schanktisch und wärmten sich am Ofen auf. Hier – hinter den 90 Zentimeter dicken Mauern – konnten sie wieder Kraft und Zuversicht tanken. «Einigkeit macht stark», steht gross an der Wand geschrieben.

Person im Fokus

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Im ehemaligen Unterrichtszimmer geht die Zeitreise sogar ins 19. Jahrhundert zurück. Hans Etter hat auf einem langen Tisch alles über die erste Ärztin der Schweiz, Marie Heim-Vögtlin (1845–1916), gesammelt. Die ersten 19 Jahre ihres Lebens verbrachte die spätere Gründerin des ersten Frauenspitals der Schweiz nämlich in diesem Haus. Sie war die Tochter des Pfarrers.

Die Dorfschule Bözen hatte damals keinen guten Ruf genossen, weshalb die junge Marie von einem Privatlehrer vom Bözberg unterrichtet wurde, weiss Hans Etter. Später bereitete sich Marie Vögtlin autodidaktisch auf die Matura vor. Trotz grossem Widerstand von Verwandten in Brugg begann sie anschliessend ihr Medizinstudium an der Universität Zürich. Die Bewunderung für diese mutige und zielstrebige Frau ist Hans Etter im Gesicht geschrieben und schwingt in seiner feinen Stimme mit.

Kein Wunder also steht das 1824 erbaute Haus mit seinen 24 Fenstern heute am Marie-Heim-Vögtlin-Weg. Seit Hans Etter vor zweieinhalb Jahren seine Frau nach 51 Ehejahren verlor, bewohnt er diese Liegenschaft, die er 1970 gekauft hatte, alleine. «So lange es geht, will ich in diesem Haus bleiben», sagt er ohne zu zögern. Der vitale Rentner zeigt im früheren Unterrichtszimmer für Konfirmanden auf seine umfangreiche Bildersammlung. Nach der Pensionierung mit 63 Jahren habe er während zehn Jahren gemalt sowie zweimal in der Effinger Trotte ausgestellt und auch einige Bilder verkauft.

Lust zum Kochen

Nun widme er sich lieber wieder vermehrt dem Klavierspiel und dem Gesang. Aber nicht nur. «Ich koche und backe auch sehr gerne», sagt er und serviert wenig später in der Stube selbst gebackene Engadiner Nusstorte – die vorzüglich schmeckt – und Blüemli-Tee. Wenn er keine Lust zum Kochen hat, geht er mit dem Velo oder zu Fuss nach Frick und isst dort im Selbstbedienungsrestaurant. «Die Bewegung in der Natur tut mir gut.»

Aufgewachsen ist Hans Etter als Sohn eines Käsers in der 100-Seelen-Gemeinde Balzenwil bei Murgenthal. Die Sekundarschule besuchte er im bernischen Roggwil. Da lag es auch nahe, das Lehrerseminar im Kanton Bern zu besuchen. Seine erste Anstellung führte ihn nach Oberried am Brienzersee. 1956 wechselte er an die Sekundarschule in Bözen. Ein Grund für den Kantonswechsel war, dass es für das Sekundarlehrerpatent im Aargau keine spezielle Turnprüfung brauchte. «Ich war nicht gut im Turnen und hatte auch Angst, vom 3-Meter-Sprungbrett zu springen», erinnert er sich.

Dafür war er bereit, das Primarlehrerpatent in Wettingen für den Kanton Aargau nachzuholen. Erst dann konnte er sich für das Sekundarlehrerpatent anmelden. Etter war generell ein umsichtiger Lehrer und setzte selten auf Körperstrafe, wie er selber sagt. Noch sehr präsent ist, dass er als Dirigent des Männerchors einen ehemaligen Schüler unter den Sängern hatte, dem er während der Schulzeit auch mal eine Ohrfeige verpasst hatte. «Daran erinnerte ich mich immer beim Dirigieren. Das war sehr unangenehm.»

Nach 16 Jahren wechselte Etter von der Sekundarschule in Bözen nach Windisch. «Auf dem Land ist der Lehrer Herr und Meister. In Windisch war ich einer von vielen. Das war eine gute Erfahrung», sagt er. Ein Umzug auf die östliche Seite des Bözbergs sei aber nie ein Thema gewesen. Seine Familie fühlte sich wohl im grossen Haus mit Scheune im Nebengebäude.

Die besten Ideen von jedem Lehrer

Als er seiner Frau und den drei Kindern einmal zeigte, wo man in Windisch wohnen könnte, meinte Tochter Judith: «Hier ist ja alles asphaltiert. Wo sollen wir denn da unsere Kartoffeln pflanzen?» Während 12 Jahren war Hans Etter in Brugg nebenberuflich als Schulinspektor tätig. Er war für 39 Lehrpersonen zuständig und absolvierte weit über 100 Schulbesuche pro Jahr. «Das war eine schöne Zeit. Ich habe von jedem Lehrer die besten Ideen mitgenommen», sagt er und schmunzelt. Gleichzeitig musste er seine Berufskollegen aber auch mal mahnen, endlich den riesigen Stapel mit Aufsätzen zu korrigieren.

Der zweifache Grossvater erinnert sich noch an viele Episoden mit seinen Schülern. «Ich habe immer gerne Skilager geleitet. Da kamen auch Kinder mit, die gar nicht Skifahren konnten. Was sie lockte, war das lustige Abendprogramm.» Beliebt waren überdies die Chemiepraktika, in denen er mit den Schülern Margarine, Lippenpomade und Handcreme herstellte. Prüfungen gab es keine.

Beurteilt wurde der persönliche Einsatz. Seinen Beruf wird Etter wohl nie ganz ablegen können: «Ich finde es wunderschön, mit Kindern alte Volkslieder zu singen.» Im Arbeitszimmer stapeln sich Bücher, Hefte und Schachteln. Wenn ein Kind irgendwelche Informationen für einen Schulvortrag braucht, kann Etter auch ohne Computer ganz bestimmt weiterhelfen.