Die Alarmglocken läuteten bei Michael Derrer vor gut einem Jahr. Da beschloss der Kanton Zürich, seine Laienrichter abzuschaffen. Derrer, selber seit fünf Jahren Laienrichter in Rheinfelden und «einhundertfünfzig-prozentig» von dieser Einrichtung überzeugt, war sofort klar: Über kurz oder lang wird eine Abschaffung auch im Aargau ein Thema.

Es sollte «einiges schneller» gehen, als es der 49-Jährige befürchtet hatte: Vor einem Monat präsentierte die Regierung das jüngste Sparpaket. Darin wird auch die Prüfung des Verzichts auf Laienrichter angekündigt.

«Das darf nicht sein», findet Derrer und setzte den Plan, den er sich in den letzten Monaten zurechtgelegt hat, nun «halt etwas schneller» um: Er rief vor einigen Tagen den Verband Schweizerischer Laien- und Fachrichter ins Leben; offizielle Verbandsgründung ist im September. «Die Resonanz auf die Ankündigung ist gut», freut sich Derrer. Täglich melden sich zwei bis drei Laienrichter an. «Hauptsächlich aus dem Aargau, aber auch aus anderen Kantonen.»

Das primäre Verbandsziel ist klar: «Wir wollen die bewährte Einrichtung verteidigen und stärken», sagt Derrer. Das Laienrichteramt sieht er als «ein Demokratiemoment, das wir um keinen Preis aufgeben dürfen». Es sei nicht nur ein wertvoller Teil des Milizsystems, sondern helfe auch mit, das Rechtssystem in der Bevölkerung zu verankern.

Dominoeffekt verhindern

Derrer geht es primär darum, zu verhindern, dass nach dem Zürcher Entscheid ein Dominoeffekt entsteht und die Laienrichter in allen anderen Kantonen infrage gestellt werden – auch dort, wo sie, anders als in Zürich, meist in einem Gremium zusammen mit Berufsrichtern zum Einsatz gelangen. Er versteht zwar, dass die Kantone sparen müssen, aber dies bei den Laienrichtern zu tun, hält er für doppelt kontraproduktiv. Zum einen seien die Laienrichter deutlich günstiger, als wenn an deren Stelle Berufsrichter tätig wären. Im Aargau beträgt die Entlöhnung 110 Franken pro Stunde Verhandlungszeit. Die oftmals lange Vorbereitung für das Dossierstudium wird nicht vergütet.

Zweitens, so Derrer, spare der Kanton dank Laienrichtern auch Geld. «Die Laienrichter kommen aus der Berufspraxis», erklärt er. Sie seinen Architekten, Ärzte, Handwerker oder, wie Derrer, Dolmetscher. «Dank diesem beruflichen Know-how haben sich die Gerichte schon manch eine teure Expertise sparen können, weil man auf das Fachwissen der Laienrichter zurückgreifen konnte.»

Gerade in der Berufspraxis der Laien sieht Derrer noch ein beachtliches Potenzial brachliegen: Heute werden Laienrichter nur an jenem Gericht eingesetzt, an das sie gewählt wurden. «Wenn diese Praxis gelockert würde, könnte man die Kenntnisse auch an anderen Gerichten nutzen.» Ihm schwebt vor, dass man Laienrichter fallspezifisch zuziehen kann, dass man also beispielsweise in einem Prozess, der buchhalterisch zu beurteilende Komponenten enthält, einen Laienrichter aus einer anderen Region beizieht, der hauptberuflich als Rechnungsprüfer arbeitet.

Geld ist nicht einziges Kriterium

Diesen und weitere Reformvorschläge will Derrer im Verband diskutieren. «Wir sagen nicht einfach: Uns darf man nicht abschaffen. Wir wollen vielmehr aktiv an einer Weiterentwicklung des Laienrichteramtes mitwirken.»

Derrer verstummt kurz, blickt aus dem Fenster seiner Dachwohnung, von wo man einen herrlichen Blick auf die Dächer der Rheinfelder Altstadt hat, kommt nochmals auf das Thema Sparen zurück. «Das Geld ist wichtig, aber es darf nicht das einzige Kriterium sein. Sonst kann man den ganzen Staat auf ein Minimalprogramm herunterfahren. Und das ist nicht sinnvoll, die Qualität der staatlichen Leistung ginge verloren.»

Man spürt bei Derrer das Feuer, mit dem er für die Beibehaltung des Amtes kämpft. «Ja», räumt er ein, «ich habe mich stark mit dieser Rolle identifiziert.» Er lacht, fügt dann an: «Vielleicht liegt es daran, dass mein Urgrossvater bereits Laienrichter war.»

Berufliches Wissen einbringen

Für Derrer steht denn auch ausser Frage, dass sich das Zusammenspiel von Laien- und Berufsrichtern bestens bewährt hat. «Natürlich kennt ein Jurist das Gesetz 100 Mal besser», sagt er. Es sei denn auch klar die Aufgabe des Gerichtspräsidenten und des -schreibers, den rechtlichen Spielraum aufzuzeigen. «Bei der konkreten Beurteilung eines Falles muss jedoch primär der Sachverhalt gewürdigt werden. Und das können Laien nicht weniger gut als Berufsrichter.» Indem sie ihr berufliches Wissen und ihre Lebenserfahrung einbringen, «schaffen sie einen Mehrwert».

Mit der Gründung eines Verbands der Laien- und Fachrichter bezwecke er die «Weiterführung eines kooperativen und produktiven Miteinanders mit den Berufsrichtern», sagt Derrer und fügt an: «Berufsrichter sagten mir, dass Laienrichter ihnen auch das Leben erleichtern, da sie die Verantwortung für schwere Entscheide nicht ganz alleine tragen müssen».

Zwei bis drei Tage pro Monat gelangt Derrer als Laienrichter zum Einsatz; daneben arbeitet er als Unternehmensberater für Osteuropa, Dolmetscher und Wirtschaftsdozent. «Das möchte ich auch in Zukunft, denn dieses Amt bedeutet mir sehr viel.» Er hält die Gefahr, dass das Laienrichteramt dem Spardiktat der Regierung zum Opfer fällt, «für überaus real». So weit dürfe es nicht kommen, sagt er und setzt auf eine Strategie, die sich in der Politik schon oft bewährt hat: Wehret den Anfängen.