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Enttäuschung und Zuversicht nach Roche-Stellenabbau: «Standort Kaiseraugst wird weiter wachsen»

Das Fricktal hängt heute stark am Pharma-Tropf: Politiker aus der Region kritisieren den Stellenabbau bei Roche scharf. Alt-Gemeindeammann Max Heller hält Standort Kaiseraugst für sicher und glaubt nicht, dass Roche sich zurückziehen wird. Auch andere Politiker zeigen sich zuversichtlich.

Damit hat in der Region niemand gerechnet. Die Roche, die in den letzten Jahren kräftig in den Standort Kaiseraugst investiert und ihn ausgebaut hat, streicht an ebendiesem Standort ab 2019 235 Stellen in der Verpackung.

«Die Ankündigung hat mich total überrascht», sagt Marianne Grauwiler, Präsidentin der SP Kaiseraugst. Sie habe im Dorf keine Signale gespürt, dass ein solcher Schritt bevorstehe.

Auch GLP-Grossrat Roland Agustoni aus Rheinfelden ist aus allen Wolken gefallen, als er am Montagabend vom Stellenabbau erfuhr. «Damit hätte ich nie gerechnet.» Er sei «wahnsinnig enttäuscht», dass ausgerechnet ein Grosskonzern wie die Roche niedrigqualifizierte Stellen abbaue. «In diesem Bereich gibt es sonst schon fast keine Stellen mehr», sagt Agustoni.

Die Verärgerung hört man dem GLP-Politiker durchs Telefon an. Man sei dem Konzern stets entgegengekommen, habe unbürokratisch eine Buslinie ermöglicht – «und zum Dank entlässt der Konzern nun über 200 Mitarbeitende». Der Konzern habe auch eine soziale Verantwortung. «Und wozu dieser Stellenabbau?», fragt Agustoni rhetorisch und gibt die Antwort gleich selber: «Wohl nur zur Gewinnmaximierung.»

Dieser Sicht widerspricht Max Heller vehement. Der SVP-Politiker sass 27 Jahre im Gemeinderat von Kaiseraugst und wirkte davon 19 Jahre als Gemeindeammann. Für die betroffenen Mitarbeiter sei es ohne Frage ein Schlag. «Doch die Zeitspanne bis zum Abbau ist lang und ich bin überzeugt, dass die meisten eine Stelle finden werden.»

Heller ist auch überzeugt, dass die Roche die freiwerdenden Räume «sicher nicht leer stehen lassen wird». Zudem seien zwei Gebäude noch im Bau, was Heller zuversichtlich stimmt, «dass der Standort Kaiseraugst weiter wachsen wird».

Es habe in Kaiseraugst schon einige Abbaurunden gegeben, erinnert er sich. Doch immer wurden in anderen Bereichen neue Stellen geschaffen. «Die Gesamtbilanz ist für Kaiseraugst überaus positiv», sagt er. Das zeigen auch die Zahlen, die Roche auf Anfrage bekannt gibt. Ende 2012 gab es am Standort Kaiseraugst 1520 Stellen, Ende 2015 waren es dann bereits 1968 und aktuell sind es 2300.

Die Statistik zeigt auch: Der Stellenpool ist dabei durchaus auch volatil. So ging die Zahl der Stellen zwischen Ende 2015 und Ende 2016 kurzfristig zurück, wenn auch mit 13 Stellen marginal.

Die Entwicklung genau beobachten will Christian Fricker, Präsident des Planungsverbandes Fricktal Regio. Ihn hat der Stellenabbau ebenfalls überrascht – genau deshalb, weil man bislang fast immer nur vom Ausbau und der Stärkung des Standortes hörte. Für SVP-Grossrat Daniel Vulliamy aus Rheinfelden zeigt die Ankündigung, «dass es auch in der Pharmabranche unerwartete Einschnitte gibt». Man könne sich nie in Sicherheit wiegen, was letztlich auch an der Grösse und der Internationalität des Konzerns liege.

Abhängig von Pharmakonzernen

Das sieht Hansueli Bühler (FDP), Gemeindeammann von Stein, ähnlich. Er macht sich keine Illusionen: «Solche Entscheide werden auf strategischer Ebene gefällt. Die einzelnen Standorte sind dabei sekundär.» Der Abbau bei der Roche hinterlässt beim ihm «ein mulmiges Gefühl». Denn auch Stein ist stark von einem Pharmamulti, Novartis, abhängig. Fast auf Gedeih und Verderben, ist man im Fall von Stein versucht zu sagen, denn das Unternehmen und seine (deutschen) Mitarbeitenden steuern via Aktien- und Quellensteuern einen grossen Brocken an den Finanzhaushalt der Gemeinde bei.

Sorgen um den Werkplatz Stein macht sich Bühler derzeit allerdings nicht. «Es gibt keine Hinweise auf eine negative Veränderung», sagt er. Im Gegenteil: «Bei allen Umstrukturierungen in den letzten Jahren wurde der Standort Stein stets gestärkt.»

Unbestritten ist: Das Fricktal hängt heute stark am Pharma-Tropf. Das berge natürlich Risiken, biete aber auch Chancen, so Fricker. «Die Pharmaunternehmen haben im Fricktal einen Boom ausgelöst.» Er ist überzeugt, dass die Pharma-Standorte im Fricktal «auf absehbare Zeit» nicht gefährdet sind. Als Indiz dafür führt er die Investitionen von mehreren hundert Millionen Franken ins Feld, die in den letzten Jahren allein Roche und Novartis im Fricktal gemacht haben.

Diese Einschätzung teilt auch der «Wirtschaftsausblick 2018» der Basler Kantonalbank, der just gestern, einen Tag nach der Bekanntgabe des Stellenabbaus, publiziert wurde. Die Ökonomen gehen darin davon aus, dass die Nordwestschweiz dank der Pharmaindustrie auch 2018 «zu den dynamischsten Regionen der Schweiz» gehören werden. «Das Fricktal wächst dabei am stärksten, weil dort die stark wachsende Pharmaindustrie alleine ganze 45 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung ausmacht.» 

SP-Grossrat Peter Koller aus Rheinfelden macht die Clusterbindung und die damit einhergehende Abhängigkeit dennoch Sorgen. «Ich hoffe, dass es bei dieser einen Abbaurunde bleibt.» Auch ihn stört vor allem, dass es einmal mehr Niedrigqualifizierte trifft, die «Schwachen», wie Grauwiler sagt. «Das macht es besonders tragisch.» Auch bei ihr hinterlässt die Ankündigung einen schalen Beigeschmack. «Was passiert, wenn es der Roche einmal nicht gut geht oder eine neue Leitung ans Ruder kommt?» Ob man dann am Standort Kaiseraugst festhalte, sei nicht sicher. Klar indes ist: Das wäre der Worst Case für die Region.

Schlechte Informationspolitik

Noch etwas stösst vielen Befragten auf: die Informationspolitik von Roche. Das Unternehmen hatte weder die Gewerkschaften noch die Gemeinde über den bevorstehenden Stellenabbau vorinformiert. «Das ist schlechter Stil», sagt Agustoni und auch Koller findet: «So geht es nicht.» Anders erlebt Christian Fricker die Pharma-Unternehmen. Fricktal Regio stehe regelmässig in Kontakt mit den Unternehmen, sagt er. Dieser sei stets konstruktiv und offen. «Wir fühlen uns ernst genommen.»

Max Heller räumt ein, dass die Roche-Standortleitung seit seinem Rücktritt als Gemeindeammann Ende 2012 gewechselt habe und sich die Kommunikation mit der neuen Leitung wohl schwieriger gestalte. Aber er nimmt auch den Gemeinderat in die Pflicht. Man müsse den Kontakt eben auch aktiv suchen. «Ich ging drei- bis viermal pro Jahr mit dem Standortleiter essen», sagt er. «So war ich immer vorinformiert, was läuft.»

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