Franco Mazzi

«Engerfeld ist die neue Mittelschul-Option»: Rheinfeldens Stadtammann im grossen Interview

«Die Stadt steht trotz der Pandemie gut da»: Franco Mazzi im Rathaussaal.

«Die Stadt steht trotz der Pandemie gut da»: Franco Mazzi im Rathaussaal.

Rheinfeldens Stadtammann Franco Mazzi über die Suche nach einem neuen Schulstandort, Steuersenkungen – und das Unwort des Jahres.

Herr Mazzi, was ist für Sie das Wort des Jahres?

Franco Mazzi: Trotzdem.

Und das Unwort?

Absage und Corona.

Wie erleben Sie diese Zeit?

Man ist sehr eingeschränkt. Das fängt schon am Morgen zu Hause an. Man darf die Maske nicht vergessen und unterwegs überlegt man sich, wo man sie anziehen muss und wo man es lassen kann, weil es kaum Leute hat (lacht). Und zwischendurch taucht der immer gleiche Gedanke auf: Jetzt läuft die Brille schon wieder an.

Wir erleben Sie als Stadtammann die Gemeinschaft?

Die Gemeinschaft wird auseinandergezogen. Alles wird abgesagt. Gleichzeitig sind die Menschen zusammengewachsen, was sich in der unglaublichen Solidarität zeigte, die wir besonders im Lockdown im Frühjahr erlebt haben. Das zu sehen, freute mich sehr.

Weihnachten war in diesem Jahr anders als sonst. Wie hat die Coronapandemie das Fest im Hause Mazzi verändert?

Die Jahre zuvor war Weihnachten auch bei uns ein grosses Familienfest. Das war in diesem Jahr nicht möglich. Das Motto war: «Wir dürfen nicht – deshalb tun wir nicht.»

Es ist Silvester. Was vermissen Sie gegenüber anderen Jahren?

Es sind zwei Sachen. Zum einen, dass wir Mitglieder der Sebastiani-Bruderschaft nicht von Brunnen zu Brunnen ziehen und unser Lied singen können, wie das seit Jahrhunderten Tradition in Rheinfelden ist. Zum anderen, dass wir uns in diesem Jahr nicht um Mitternacht länderübergreifend mit badisch Rheinfelden auf der Rheinbrücke treffen, auf das neue Jahr anstossen und das Feuerwerk geniessen können.

Sie sind seit 20 Jahren bei der Sebastiani-Bruderschaft. Wie ist es, erstmals nicht durch die Stadt ziehen zu können?

Es sind zwei Gefühle. Einerseits sollten wir als Pest-Bruderschaft gerade jetzt unterwegs sein, auch als Symbol. Andererseits wäre es angesichts des hohen Durchschnittsalters der Bruderschaft unverantwortlich und nach neuesten Coronaregeln verboten.

Was nehmen Sie für sich aus der Coronakrise mit?

Es ist heute fast nicht mehr vorstellbar, wie es vor der Krise war. Was man tun wollte, tat man. Man erachtete dies als selbstverständlich. Wenn uns die Krise etwas zeigt, dann, dass etwas Demut angebracht ist.

Wir sitzen hier im altehrwürdigen Rathaussaal mit Blick auf den Rhein. Er mäandert ruhig dahin. War es ein ruhiges Jahr für Rheinfelden?

Wenn man es an den Sitzungen und Aktivitäten misst, war es ein ruhiges Jahr. Wenn man schaut, was wegen Corona alles anders organisiert und umdisponiert werden musste, dann war es ein bewegtes Jahr.

Wie steht die Stadt heute da?

Die Stadt steht trotz der Pandemie gut da. Wir konnten viele Projekte vorantreiben und haben in die Zukunft von Rheinfelden investiert. Wir konnten die Organisation der Stadtverwaltung jederzeit so aufrechterhalten, dass es keine Einschränkungen für die Bürgerinnen und Bürger gab, die etwas von der Stadt benötigten.

Was war für Sie das wichtigste Projekt in diesem Jahr?

Das Entwicklungsgebiet Rheinfelden Ost beim Bahnhof Möhlin

Das Entwicklungsgebiet Rheinfelden Ost beim Bahnhof Möhlin

Für die Zukunft von grosser Bedeutung wäre die Testplanung des Entwicklungs- und Wohnschwerpunktes beim Bahnhof Möhlin gewesen. Dieses Projekt haben wir zusammen mit Möhlin initiiert. Leider konnten wir die Einwohner von Möhlin nicht überzeugen, dass das Projekt für die Zukunft wichtig ist.

An der Testplanung hing auch die Mittelschule Fricktal. Die beiden Gemeinden bewarben sich mit diesem Areal. Ist Rheinfelden damit aus dem Rennen?

Das Nein aus Möhlin zwang uns, sofort Alternativen zu suchen. Wir haben diese und sind zuversichtlich, dass wir eine gute Variante anbieten können.

Die Alternative ist das Engerfeld, wo schon das Berufsbildungszentrum ist?

Ja, das Engerfeld ist unsere neue Option.

Die Option, die Schule auf dem Rheinfelder Teil des Areals beim Bahnhof Möhlin zu realisieren, ist vom Tisch?

Ja, denn, wenn wir die Schule dort entwickeln würden, müssten wir gleichwohl Möhliner Land beanspruchen und Anpassungen am Bahnhof Möhlin vornehmen. Das wäre ein zu hohes Planungsrisiko.

Und da würde der Kanton kaum mitspielen.

Kaum, denn es ist die Pflicht des Kantons, bei derartigen Grossprojekten das Planungsrisiko so klein wie möglich zu halten.

Was spricht für den Standort Rheinfelden als Mittelschule?

Rund 700 Schüler aus dem Fricktal besuchen heute eine Kantonsschule. Die Hälfte davon stammt aus den vier Gemeinden Rheinfelden, Möhlin, Kaiseraugst und Magden. Da ist es doch naheliegend, die Schule dort zu bauen, wo viele Schüler sind, und die Schüler nicht quer durch das Fricktal reisen zu lassen.

Die Stadt lässt jedes Jahr einen Benchmark mit neun anderen Aargauer Gemeinden erstellen. Wo ist Rheinfelden top, wo ein Flop?

Der Benchmark zeigt: Rein finanziell sind wir top. Allerdings haben wir im Bereich der Sozialfälle noch Handlungsbedarf. Die Quote ist höher als in vergleichbaren Gemeinden.

Woran liegt das?

Das analysieren wir derzeit. Einen Einfluss haben sicher die vielen Mietwohnungen und die Nähe zu Basel.

Sie sagen, finanziell sei Rheinfelden top. Das ruft nach einer Steuersenkung.

Wir haben in den letzten zwölf Jahren den Steuerfuss bereits in vier Schritten von 110 auf 95 Prozent gesenkt. Bei 95 Prozent stehen wir seit drei Jahren. Es wäre jetzt der falsche Zeitpunkt gewesen, die Steuern weiter zu senken. Denn derzeit ist noch völlig unklar, wie sich die Coronapandemie und die Reformen des Kantons auf die Finanzen der Stadt auswirken werden.

Aber in einem Jahr gehen die Steuern runter?

Sagen wir es so: In einem Jahr analysieren wir die Situation erneut. Dann kennen wir die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft und die Einwohnerinnen und Einwohner.

Wir sind hier an der Grenze zu Deutschland. Was bedeutet Ihnen die Grenze?

Für mich ist das keine Grenze.(lacht). Ich sage manchmal etwas salopp: Das ist unser deutsches Quartier. Als Rheinfelder geht man nicht aus dem Haus ohne die Identitätskarte in der Tasche. Denn es ist für uns völlig normal, rasch über die Grenze zu gehen – sei es, um eine Glace zu essen nach dem Sonntagsspaziergang, sei es, um einkaufen oder etwas essen zu gehen.

Im Frühling war die Grenze dicht. Wie war das für Sie?

Vor einem Jahr konnte sich niemand vorstellen, dass die Grenze je wieder geschlossen wird. Es war ein komisches Gefühl, als sie geschlossen war. Aber man fand zum Glück schnell Wege, um mit der geschlossenen Grenze umzugehen.

Braucht es ein Denken in Lebens- statt Landesräumen?

Wenn wir nicht den gesamten Raum anschauen, haben wir nur einen Halbkreis um uns. Wir sind gezwungen, über die Grenze zu blicken. Was drüben passiert, tangiert uns direkt. Ich will mir nicht ausmalen, wie es unserer Wirtschaft ginge, wenn die Grenzgänger nicht mehr zu uns kommen könnten. Ich denke auch an all jene, die nur wenig Geld zur Verfügung haben und für die es eine finanzielle Entlastung ist, wenn sie in Deutschland einkaufen können. Im Gegenzug schätzen viele Deutsche die Qualität, die sie bei uns vorfinden.

Ein neuer Rheinsteg sollte die beiden Rheinfelden noch enger verbinden. Das Projekt ging auf Schweizer Seite bei der Urnenabstimmung baden. Ist der Untergang des Projektes verdaut?

Bleibt eine Visualisierung: Der Rheinsteg wird nicht gebaut

Bleibt eine Visualisierung: Der Rheinsteg wird nicht gebaut

Das Bedauern bei mir und bei vielen Rheinfeldern ist nach wie vor riesig – gerade auch im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung. Der Anteil der älteren Menschen nimmt im Fricktal sogar noch stärker zu als im Rest des Kantons. Der Rheinsteg hätte eine ideale und wunderschöne Spazierrunde geboten – nicht nur für ältere Personen. Wir haben mit dem Nein zum Rheinsteg eine grosse Chance verpasst.

Kommt sie nochmals?

Ich kann mir gut vorstellen, dass der Rheinsteg in 10 oder 15 Jahren wieder zum Thema wird.

Sie traten im Herbst nicht mehr zu den Grossratswahlen an. Wie war der letzte Tag im Grossen Rat?

Franco Mazzi zum letzten Mal im Grossen Rat.

Franco Mazzi zum letzten Mal im Grossen Rat.

Er kam mir vor wie der letzte Schultag. Man sagt allen Adieu, ist etwas traurig, dass ein Kapitel zu Ende geht – und freut sich zugleich auf das, was kommt.

Was machen Sie mit der frei werdenden Zeit?

Der Dienstag, der bislang oft Sitzungstag war, widme ich künftig der Stadt. Die freien Abende gehören der Familie – und meinem Hobby, dem Töfffahren.

Was war Ihr Highlight im Grossen Rat?

Das waren jene Momente, in denen es uns Grossrätinnen und Grossräte aus dem Fricktal gelang, dem Rest des Kantons aufzuzeigen, dass wir spezifische Anliegen haben und dass man diese berücksichtigen sollte, wenn man will, dass wir weiterhin gute Aargauerinnen und Aargauer sind. Das ist uns gut gelungen, etwa beim Tarifverbund Nordwestschweiz, wo wir durchsetzen konnten, dass der Kantonsanteil nicht gestrichen wird.

Sind die Fricktaler rebellischer als andere?

Ich würde es nicht rebellisch nennen. Früher war unsere Hauptstadt Wien, das ist noch ein Stück weiter weg, als es Aarau heute ist. Wir sind es uns deshalb gewohnt, selber anzupacken, wenn etwas nicht gut ist, und nicht zuerst den Kanton zu rufen.

Wie steht das Fricktal da?

Wir waren einmal das Armenhaus der Schweiz. Das Image haben wir bei einigen zwar noch, doch es ist schon lange nicht mehr Realität. Dank der Life-Science-Branche sind wir eine wichtige Wirtschaftsregion, von welcher der ganze Kanton profitiert.

Was ist Ihr Wunsch für 2021?

Dass es gelingt, die Pandemie definitiv in den Griff zu bekommen, und dass wir zur Normalität zurückkehren können – ergänzt mit dem Bewusstsein, dass dies nicht selbstverständlich ist.

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