Frick

Einmal waschen schneiden – Hansjörg «Schaber» Schraner geht in den Ruhestand

Den Salon in Frick eröffnete Hansjörg Schraner 1977. Vor gut zwei Jahren übergab er ihn an Heidi Winter. Thomas Wehrli

Den Salon in Frick eröffnete Hansjörg Schraner 1977. Vor gut zwei Jahren übergab er ihn an Heidi Winter. Thomas Wehrli

Nach 50 Berufsjahren legt Hansjörg Schraner die Schere endgültig beiseite. Ein letzter Haarschnitt durch die Zeit.

Er hat schon so manch einen zurechtgestutzt: Hansjörg Schraner. Vor 41 Jahren hat «Schaber», wie er in Frick auch genannt wird, seinen Coiffeurladen bei Fricks Monti eröffnet. Das Geschäft hat er zwar bereits vor gut zwei Jahren an Heidi Winter übergeben. Ganz loslassen konnte Schraner aber trotz Pensionsalter nicht; zuerst arbeitete er noch an zwei Tagen weiter, dann noch an einem Tag in der Woche.

Ende Oktober ist nun definitiv Schluss. Es war für ihn wichtig, sich vom Job, der für ihn auch Leidenschaft war, Schritt für Schritt zu verabschieden. Man kann auch sagen: den Kamm borstenweise wegzulegen. Der 68-Jährige, schaut sich im Garten um, nickt. «Jetzt ist es gut, jetzt habe ich es gesehen.»

Gesehen hat Schraner in den insgesamt 50 Jahren, in denen er seit der Lehre als Coiffeur tätig ist, viel. Frisuren, Modetrends und auch Sachen, die er gar nicht unbedingt sehen oder riechen wollte. Schraner lacht. In der Lehrzeit habe man den Kunden noch gesagt: Kommt mit ungewaschenen Haaren, das Schneiden geht dann leichter. «Ich konnte bei vielen anhand des Geruchs der Haare sagen, welchen Beruf sie ausübten.»

Schraner war denn auch «nicht unfroh», dass sich die Haarwaschdevise bereits während seiner Lehrzeit änderte: «Nun sagte man den Leuten, sie sollen mit gewaschenen Haaren kommen.» Wenig später etablierte sich das «Waschen und Schneiden» in den Salons.

Frauenfrisuren «nicht sein Ding»

Verändert hat sich in den fünf Jahrzehnten «unglaublich viel», so Schraner. Zwei Sachen aber sind gleich geblieben: Das Material («eine Schere bleibt eine Schere»). Und: der Faktor Mensch. Wieder lacht Schraner. «Für einen Haarschnitt muss man auch morgen noch in den Coiffeursalon; den kann man sich nicht online bestellen.» Und im Salon, davon ist Schraner überzeugt, werde auch in zehn Jahren noch ein Mensch stehen. «Einen Haarschneideroboter wird es, hoffentlich, nie geben.»

Als Schraner den Coiffeurberuf lernte, 1965, beim Erne Oskar in Brugg, kostete ein Haarschnitt noch Fr. 5.50, das Ausputzen einen Fünfliber. Schraner bemerkt den fragenden Blick, lacht. «Beim Ausputzen machte man den Nacken und die Ohren frei», erzählt er von einem Coiffeur-Brauch, der längst vergessen ist. «Zu dieser Zeit gingen viele Männer noch alle zwei- bis drei Wochen zum Coiffeur», erinnert sich Schraner. Das eine Mal schnitt man, das andere Mal putzte man aus. Frauen gingen damals zum Teil sogar alle zwei Tage zum Coiffeur. «Weil die hochgesteckten Frisuren sehr anspruchsvoll waren.»

Die Preise bei den Herren – Schraner lernte auch das Damenfach, doch Frauenfrisuren «waren nicht so mein Ding» – haben sich seither verzehnfacht; «waschen schneiden» kostet heute zwischen 40 und 50 Franken. «Damit kommt man immer noch nicht auf einen hohen Stundenlohn», sagt Schraner. Doch er wolle sich nicht beklagen, er sei stets zufrieden gewesen.

Lehrlingslohn von 30 Franken

Auch in der Lehrzeit, als er im ersten Lehrjahr 30 Franken pro Monat verdiente. Den grössten Teil davon habe das Zugsbillett nach Brugg weggefressen, sagt Schraner, der in Frick aufgewachsen ist. Schraner stutzt kurz, fügt dann hinzu: «Die Preise waren damals aber für alles viel tiefer.» Für das Mittagessen im Restaurant bezahlte er in der Lehrzeit drei Franken. «Immer am Montag kaufte ich einen Liter Mineral zum Menü.» Diese musste bis Freitag reichen; die Serviertochter schrieb die Flasche mit «Schraner» an, stellte sie nach dem Essen kühl und brachte sie am nächsten Morgen automatisch wieder.

Dass sich Schraner 1977 selbstständig gemacht hat, lag zum einen am Wunsch, sein eigener Herr und Meister zu sein. Zum anderen aber auch an den tiefen Löhnen, welche die Branche zahlt. «Daran hat sich bis heute nicht viel geändert», sagt Schraner, klaubt einen grünen Post-it-Zettel hervor. Wer ausgelernt sei, habe einen Mindestlohn von 3800 Franken, liest Schraner ab. Ab dem fünften Berufsjahr seien es 4000 Franken.

Die Lohnstruktur ist mit ein Grund, dass es viele Coiffeure selbstständig versuchen. Wobei: Coiffeusen trifft es eher. «Als ich in die Lehre ging, waren wir 25 Burschen und 4 Mädchen», erinnert sich Schraner. Heute sei das Verhältnis genau umgekehrt. «Der Coiffeurberuf ist zum Frauenberuf mutiert.»

Und, eben, zum Beruf, den man gerne im eigenen Geschäft ausübt. Schraner war «der vierte oder fünfte» Coiffeur, so genau weiss er es nicht mehr, der in Frick einen Salon eröffnete. Heute gibt es 13 Coiffeursalons. «Das sind zu viele», ist Schraner überzeugt. Von der Einwohnerzahl her – Frick hat rund 5500 Einwohner – würden acht bis neun Coiffeurgeschäfte reichen, schätzt Schraner. Ein Herrencoiffeur brauche einen Stamm von rund 600 Kunden, ein Frauencoiffeur etwas weniger, da hier die Frisuren – und damit die Sitz-Zeiten – meist deutlich aufwendiger respektive länger sind.

«Anspruchsvoll fand ich den Pilzhaarschnitt»

Kommen und gehen sah Schraner «so manch einen Modetrend». Kurzhaarfrisur, Bürstenschnitt, Elvis- und Beatles-Frisur, ja, sogar Dauerwellen waren bei den Männern einmal gefragt, in den 70er- und 80er-Jahren, mit dem deutschen Nationaltorhüter Sepp Maier als DauerwellenProtagonisten. Wieder lacht Schraner. Die Haar-Gurus könnten noch so lange sagen: «Diese Frisur ist kommende Saison Mode.» Was wirklich Mode werde, «bestimmen der Sport- und Musikstars». Für den Coiffeur heisst das dann: weiterbilden und üben. Er habe mit keinem Schnitt Mühe gehabt, blickt Schraner zurück. «Anspruchsvoll fand ich den Pilzhaarschnitt.»

Den einen oder anderen «Pilz» redeten sich auch die Kunden von der Seele. Der Coiffeur sei früher schon noch eine Art Seelendoktor gewesen, sagt Schraner, schmunzelt. «Ein ruhiger Seelendoktor.» Denn sagen musste er selber nicht viel, «nur zuhören». Auch den neuesten Tratsch und Klatsch über den Herrn Müller und die Frau Meier erfuhr man früher im Coiffeursalon. «Auch das ist vorbei», so Schraner. «Man redet heute über andere Personen, wenn überhaupt, so, als wären sie anwesend.»

Der Wochenrückblick

Schraner hat seine Arbeit geliebt. Zugegeben: nicht alle Aufgaben gleich. Das Rasieren, das in den 60er-Jahren noch gang und gäbe war, «war nicht so mein Ding.» Mancher Herr kam mit einem Wochenbart, in dem sich noch die Menüs der letzten Tage widerspiegelten. Schraner war denn auch «nicht wirklich traurig», als sich die Rasur immer mehr ins Badezimmer zu Hause verabschiedete.

Verabschiedet hat sich Schraner in den letzten Tagen und Wochen von seinen Kunden. Die schönste Erinnerung sei jene an die Treue seiner Kunden. «Viele kommen zu mir, seit ich den Laden eröffnet habe.» Es sei denn schon auch eine Portion Wehmut dabei, sagt er. «Bei den Kunden und bei mir.» Froh ist er, dass er das Geschäft bei Heidi Winter in guten Händen weiss. «Das ist mir wichtig.» Ihr und ihrem Team wünscht er viel Glück – oder vielleicht besser: viele gute Haarschnitte.

Das letzte Mal im Salon

Bleibt eine Frage: Geht ein Coiffeur selber gerne zum Coiffeur? Und: Ist er dann besonders kritisch? Wieder lacht Schraner. Nein, er sei in diesem Punkt einfach. «Ich gehe oft auch in den Ferien zu einem Coiffeur und sehe mir an, wie die das machen.» Am Schluss sage er dann manchmal, er sei ein Berufskollege. «Das gab schon ganz lustige Szenen.»

Wenn Schraner am 30. Oktober zum letzten Mal im Salon steht, werde das schon ein komisches Gefühl sein, ahnt er. Dass er den Job danach vermissen wird, glaubt er indes nicht. «Es ist jetzt Zeit.» Zeit für einen (endgültigen) Aufbruch in den dritten Lebensabschnitt. Wobei: Zeit wird hier wohl eher Mangelware sein, wenn man Schraner zuhört. Wandern, gärtnern, biken, kochen für den Mittagstisch, jassen – der Jassclub Dam-Blutt ist ihm heilig –, Ferien machen. Und vor allem: das Enkelkind hüten. Der Kleine sei nun bald zwei, sagt Schraner. «Ihn um mich zu haben, ist einfach herrlich.»

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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