Andere streichen die verbleibenden Tage auf einer Liste ab oder hängen ein Tuch auf, von dem sie jeden Abend ein Stück abschneiden - bis am Tag der Pension nichts mehr davon übrig ist. Nicht so Heinrich Klaus. Zweieinhalb Monate vor seiner Pensionierung am 31. Juli 2014 weiss der Rektor des Bildungszentrums Fricktal (BZF) nicht, wie viele Arbeitstage er noch vor sich hat. «Wieso sollte ich sie auch runterzählen, wenn mir jeder Tag hier Freude bereitet?», fragt Klaus.

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt ihm sowieso nicht. Seine Agenda ist bis mindestens Mitte Juli noch gut gefüllt. Klaus würde es nicht anders haben wollen - auch wenn es eine kleine Ära ist, die mit seiner Pension zu Ende geht.

Seit nun fast 28 Jahren ist Klaus Rektor des BZF. 28 Jahre, die «unglaublich schnell» vergangen sind, sagt er und fügt mit einem Lächeln an: «Weil ich das Glück hatte, einen Job zu haben, der mich erfüllt.»

Es ist einerseits der Kontakt mit den jungen Lernenden, mit dem Kollegium und mit dem Schulvorstand, der Klaus immer wichtig war. Weshalb er sagt, dass ihm die Grösse des BZF mit seinen insgesamt rund 70 Lehrpersonen und 800 Lernenden passt, weil er hier den Überblick hat und sein Kollegium persönlich kennt. «Neben allem Geschäftlichen darf der Mensch nie vergessen gehen», sagt Klaus. Und es ist andererseits die Stufe der Berufsschule, deren Nähe zu Wirtschaft und Berufsleben, und: «Mit jungen Menschen zu arbeiten, die schon eine Entscheidung über ihre Zukunft getroffen haben.»

Peripherie als Chance

Aber auch wenn Heinrich Klaus nach 28 Jahren noch immer ein wenig ins Schwärmen gerät, wenn er von seinem Beruf spricht. Einfach war es nicht immer: «Manchmal ging es schlicht darum, das BZF am Leben zu erhalten», sagt Klaus.

Ein Grund dafür sei die Lage Rheinfeldens im Kanton Aargau, sagt Klaus. «Rheinfelden liegt an der Peripherie des Kantons.» Das habe er immer dann zu spüren bekommen, wenn es darum ging, an welche Berufsschulen die Berufe verteilt werden. Mehr als einmal habe er gehört, dass seine Schule eben schon etwas abgelegen liege. Und immer wieder sei diskutiert worden, Berufe an andere, zentralere Standorte - etwa Aarau, Lenzburg oder Baden - zu vergeben.

Heinrich Klaus wusste es zu verhindern. Zehn Berufsausbildungen sowie verschiedene Weiterbildungskurse werden heute am BZF durchgeführt. Und die Lage am Rande des Kantons - Klaus sieht sie in einem grösseren Umfeld und damit auch als Chance. «Ich bin der Meinung, dass Berufsbildung nicht nur eine kantonale Angelegenheit ist und wir den Radius erweitern sollten.»

Schule ohne Grenzen

Er hat den Vorsitz über den 1997 gegründeten Bildungsrat Hochrhein mit beteiligten Volksschulen, Gymnasien und Berufsschulen aus dem Aargau, Schaffhausen und den deutschen Landkreisen Lörrach und Waldshut. «Für viele Anliegen konnten wir eine Lösung über die Grenze finden», sagt Klaus. Als Beispiel nennt er die über 50 Fricktaler Jugendlichen, die ein Gymnasium in Baden-Württemberg besuchen. «Gerade in der heutigen globalisierten Welt finde ich wichtig, dass junge Menschen eine solche Erfahrung machen können», sagt Klaus. So pflegt Klaus auch die Zusammenarbeit mit verschiedenen ausländischen Berufsschulen in Deutschland, Österreich und im Südtirol.

Viel hat sich während Heinrich Klaus‘ Zeit in Rheinfelden verändert. Das zeigt ein Blick auf eine dreiseitige Übersicht seiner Tätigkeit, die er für seinen Abschied zusammengestellt hat. «Nicht nur in der Volksschule sind mit dem Harmos-Konkordat und dem Lehrplan 21 grosse Umwälzungen im Gang. Auch die Berufsbildung bleibt in Bewegung», sagt Klaus. So seien im Laufe der Jahre einige Berufe verschwunden oder umbenannt worden. Gleichzeitig seien andere, neue Berufe entstanden. Oder die Attestausbildung hat die Anlehre abgelöst.

Pionierarbeit für den Solarteur

In der Weiterbildung ist der Solarteur entstanden. Solarteure beraten, planen und montieren Solaranlagen fachgerecht. Erst im März 2011 verliessen die ersten Absolventen dieses Weiterbildungsangebotes die Schulbank am BZF. Eine Premiere in der Schweiz, denn die Ausbildung war bis dahin zwar im Ausland anerkannt, wurde aber in der Schweiz noch nicht angeboten. «Einen Schritt in die Zukunft» gingen sie mit der Ausbildung, sagte Klaus 2010, als der erste Lehrgang, zusammen mit dem Fachvorstand Elektro, Roger Buser, gestartet wurde.

Er selber hatte beim Lizenzgeber im österreichischen Burgenland vorgesprochen, um die erste Schweizer Schule zu sein, die das international anerkannte Zertifikat vergeben darf. Inzwischen hat das BZF weitere Solarteur-Schulstandorte in Wattwil (SG), Bern, Yverdon (VD) aufgebaut, für nächstes Jahr ist die Eröffnung des fünften Standorts in Lugano (TI) geplant. Heinrich Klaus präsidiert den Verein Solarteurschulen Schweiz, eine Aufgabe, die er voraussichtlich auch über seine Pensionierung hinaus noch weiterführen wird.

Von Skandinavien und der Oper

Von seinen anderen Mandaten und Ämtern wird Heinrich Klaus bald zurücktreten, oder er hat dies schon getan. Vor einigen Tagen verabschiedete ihn die Schweizerische Direktorinnen- und Direktorenkonferenz der Berufsfachschulen, in der er während 19 Jahren im Vorstand als Finanzverantwortlicher mitarbeitete. «Die Herzlichkeit hat mich berührt», sagt Klaus. Sie ist vielleicht ein kleiner Vorgeschmack auf den Abschied vom BZF.

Am 3. Juli ist die Jahresschlusskonferenz mit dem Schulvorstand und dem Lehrerkollegium - seine letzte. Und dann, knapp vier Wochen später, steht der letzte Tag am BZF an. «Ich habe so etwas noch nie erlebt, aber ich kann mir vorstellen, dass mir der Moment schwerfallen wird», sagt Klaus. «Einfach, weil es im BZF in all den Jahren spannend war und ich etwas für die Berufsbildung bewegen konnte.»

Zukunft bleibt abwechslungsreich

Vielleicht aber beginnt er dann, in diesen letzten Wochen, doch noch mit dem Zählen der Arbeitstage. Denn schliesslich ist da auch eine grosse Vorfreude auf sein neues Leben. Geplant sind eine vierwöchige Reise nach Skandinavien, Theater- und Opernbesuche, Wanderungen in den Bergen - und zwar dann, wenn das Wetter schön ist, und nicht dann, wenn er frei hat - sowie der Besuch von Vorlesungen über die bildende Kunst. Und im Herbst, Klaus verrät es mit einem Lächeln, wird er zum zweiten Mal Grossvater. Langweilig wird es ihm also nicht werden.