Der Verein Dorfplus hatte Martin Ott eingeladen hatte, und der Platz im Saal des Landgasthofs Ochsen in Wölflinswil reichte für die Besucher kaum aus.

Seit Otts Buch «Kühe verstehen» 2011 erschienen ist, spricht er stets vor vollen Reihen. Und das scheint der Biobauer vom Gut Rheinau bei Schaffhausen und Präsident des Stiftungsrates des Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick zu geniessen.

Der Referent sprach frei, nur mit einem kleinen Stichwortzettel in der Jackentasche, den er anfangs immer mal wieder hervorholte. Doch von den fünf Kapiteln, die darauf vermerkt waren, wich er bald schon ab. Sein Vortrag hatte eine Eigendynamik bekommen. Und das machte ihn gerade so lebendig und authentisch.

8 Stunden fressen, 8 Stunden wiederkäuen

Doch es brauchte eine Weile, bis Ott auf sein eigentliches Sujet – die Kühe – zu sprechen kam. Zuvor streifte er die Intelligenz von Raben, behauptete, dass der Igel das Frostschutzmittel erfunden hat und erklärte, warum Pferde gar nicht anders vorstellbar sind als in Bewegung.

Und was kann die Kuh besonders gut? Ihre Stärke liegt für Ott in ihrem einmaligen Verdauungssystem. 8 Stunden fressen, 8 Stunden wiederkäuen – das ist es, was die Milchlieferanten ausmacht.

Die Kuh nehme täglich ein Drittel ihres Körpergewichts als Futter zu sich – nicht auszudenken, wenn auch der Mensch so verführe, bemerkte der Vortragende. Und er verblüffte mit weiteren originellen Thesen.

Zum Beispiel mit der, dass erst die Kuh den Menschen sesshaft werden liess. Dass sie Freundinnen innerhalb der Herde hat und diese auch nach Monaten der Trennung wiedererkennt. Dass sie den Bauern liebt, weil dieser ihr das Kalb ersetzt.

Die konservative Kuh

«Die Kuh ist konservativ und sie und der Boden, auf dem sie steht und frisst, bilden eine Einheit», sagte Ott. Sie entziehe dem Boden etwas, gebe in Form ihres Dungs ihm aber wieder viel zurück.

Und so funktioniert für Ott auch die ideale Landwirtschaft: Den Boden nutzen, ohne ihn zu erschöpfen. Die Landschaft formen und sie gleichzeitig verschönern. An die Zufriedenheit des Menschen denken, ohne die Gesundheit der Tiere zu vergessen.

Ott doppelte nach: «Wer ausser wir Schweizer könnte eine solche Landwirtschaft verwirklichen? Es geht uns doch so gut.»

Die vielen Zuhörer im Wölflinswiler «Ochsen»-Saal hingen förmlich an Otts Lippen. Und er lieferte ihnen die perfekte Mischung von Comedy, Information und Botschaften. Und diese Mischung servierte er leidenschaftlich, im Brustton der Überzeugung, mit ausladenden Gesten und keine Minute stillstehend.

Der frühere Primarlehrer nahm auch Kreide zur Hand und unterstrich seine Ausführungen an der Schultafel. Und zum Schluss griff Martin Ott als Liedermacher auch noch zur Gitarre und sang von der Liebe aus der Kuhperspektive.