Zeiningen
Eine Zeininger Kommission sammelt Fotos und Dokumente gegen das Vergessen

Die Kommission «Zeiningen, gestern und heute» alte Fotos und Dokumenten. Diese sind teilweise voller Rätsel – und bieten Überraschungen. Mit dem Material soll ein Archiv eingerichtet werden.

Nadine Böni
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Der Bauernhof der Familie Sacher in Oberdorf brannte im August 1964 nieder.

Der Bauernhof der Familie Sacher in Oberdorf brannte im August 1964 nieder.

zvg

Es sei schon erstaunlich, was alles noch herumliege, sagt Andrea Wunderlin von der Kommission «Zeiningen, gestern und heute». Was herumliege, irgendwo verstaubt auf einem Estrich, vergessen im Bücherregal ganz hinten, fein säuberlich eingeklebt im Familienfotoalbum oder vielleicht gut versteckt im Nachttischchen. Seit gut anderthalb Jahren sammelt die vierköpfige Kommission Fotos und Dokumente aus vergangenen Zeiten.

Geheimnisse der Frau

Die Zeiningerinnen und Zeininger können seither auf der Gemeindekanzlei abgeben, was sie nicht mehr brauchen, aber nicht fortwerfen wollen. Oder, was sie gerne an einem geeigneten Ort aufbewahren möchten.

In den Räumlichkeiten des Werkhofs in Zeiningen werden die Dokumente von der Kommission geordnet und aufbewahrt. Nachdem das Projekt zunächst nur langsam angelaufen ist, hat sich nun schon ein ansehnliches Archiv gebildet – mit teilweise überraschendem Inhalt.

Ein Griff in einen Stapel mit der Aufschrift «Zeitzeugen» und Andrea Wunderlin hält ein dünnes Buch in der Hand. Die Aufschrift: «Das intime Buch der Frau». Das Werk stammt in dieser Auflage aus dem Jahr 1932 und informierte die Frau von damals in pathetischen Worten über Schwangerschaft, Fehlgeburt, Wochenbett, Verhütung. «Das Buch hat beim Lesen für einige Lacher gesorgt», sagt Wunderlin und gibt gleich einige amüsante Textstellen preis. Etwa, wenn im Ratgeber beschrieben wird, dass «jedem Mädchen ein Spülapparat als Hochzeitsgeschenk in die Ehe» gegeben werden sollte.

Rätsel um Schulfotos

Aber nicht nur für einige Lacher sorgen die alten Fotos, Dokumente und Zeitzeugen. Teilweise bringen sie die Köpfe der Kommissionsmitglieder auch zum Rauchen. So etwa die Kriegsmarken aus dem Zweiten Weltkrieg. Fein säuberlich ist darauf vermerkt, wem die Marke gehört und mit einer Nummer angegeben, wohin sich die Person im Falle eines Kriegsausbruchs in der Schweiz zu begeben habe. Aber: «Wir wissen schlicht nicht, wieso diese Marken in Zeiningen verteilt wurden», sagt Andrea Wunderlin.

Auch über ein Dutzend alter Schulfotos geben der Kommission noch Rätsel auf. Sie sind um die Jahrhundertwende entstanden und zeigen verschiedene Schulklassen vor einem unbekannten Gebäude. «Ein Gebäude, das sicher nicht in Zeiningen ist», sagt Wunderlin. «Wo ist sind die Fotos also entstanden? Und wieso gerade dort? Und sind die abgebildeten Schülerinnen und Schüler überhaupt alle aus Zeiningen?», fragt sie. «Das sind Fragen, die heute schwer zu beantworten sind, weil die Zeitzeugen fehlen.»

Freude am Alten

Um vielleicht einige der Fragen beantworten zu können, recherchieren die Kommissionsmitglieder bei den ältesten Dorfeinwohnern oder im Staatsarchiv in Aarau. Es ist die Freude am Alten, die sie dabei motiviert. Das Interesse daran, wo sie herkommen und wie ihre Vorfahren lebten. «Ich bin der Meinung, dass man nicht alles wegwerfen sollte», so Wunderlin.

Beim Sammeln dieses «Kulturguts» will die Kommission ein besonderes Augenmerk auf die Vereine im Dorf lenken. Ihnen hat die Kommission vor rund einem Jahr einen Brief geschrieben, mit der Einladung, alte Dokumente und Protokolle ins Archiv zu geben – auf Leihe, versteht sich und jederzeit zugänglich für die Vereinsmitglieder. «So wollen wir verhindern, dass Sachen beispielsweise bei Vorstandswechseln verloren gehen», sagt Wunderlin. «Gerade die Vereine haben doch früher das Dorf ausgemacht. Sie hatten damals einen viel höheren Stellenwert.» Deshalb sollen demnächst noch einmal die Vereine angeschrieben werden.

Öffentliches Archiv als Ziel

Das Ziel der Kommission ist es, dereinst in der Gemeindekanzlei ein über Computer abrufbares Archiv aufzubauen. Dieses soll der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und es ermöglichen, Vergessenes über seine alte Schulklasse, die Lehrer, den Wohnort oder die eigene Familie herauszufinden. Auch eine Zusammenarbeit mit dem Schäsli-Team – den Herausgebern der jährlichen Dorfchronik – sei in Planung, sagt Wunderlin. Hauptsache, die Vergangenheit gerät nicht in Vergessenheit.