Es juckt ihn schon, den Fricker Roger, diesen altgedienten Polithasen, SVPler durch und durch, seit 1993 im Gemeinderat von Oberhof, seit 1998 dessen Ammann – es «kribbelt schon», gesteht er, wenn er daran denkt, dass gut eine Woche vor der Wahlversammlung noch kein Kandidat für den freien Sitz im Gemeinderat in Sicht ist. Für die Kommissionen habe man bereits genügend Kandidaten, das freue ihn, nur eben: Für die Vakanz in der Exekutive, die nach dem Rücktritt von Vizeammann Trix Lenzin entsteht, ist noch niemand gefunden.

Das muss nichts heissen, das weiss Roger Fricker, denn in Gemeinden mit einer Wahlversammlung gibt es kein Anmeldeverfahren. Jeder kann jederzeit als Kandidat auftauchen, kann über Nacht aus dem Boden schiessen, wie ein Rats-Pilz, wenn man so will.

Bisweilen wird ein Name auch erst an der Versammlung selbst ins Spiel gebracht. «Auch vor vier Jahren gab es für die Vakanz im Gemeinderat lange keinen Kandidaten – und dann hatten wir plötzlich drei», erinnert sich Fricker. Der letzte tauchte erst am Abend vor der Wahl auf.

Dann aber los, Roger Fricker, schnell durchs Dorf geweibelt auf der Suche nach einem geeigneten – und willigen – Kandidaten. «Sicher nicht», entgegnet der ehemalige Grossrat empört. «Das ist ein No-Go.» Denn wenn der Gemeinderat aktiv auf die Suche ginge, hiesse es schnell: Der sucht sich seine Gspänli selber aus. «Die Behördenmitglieder müssen sich absolut neutral verhalten.»

Natürlich gebe man Auskunft, wenn jemand etwas zum Amt wissen wolle, und, ja, natürlich kommuniziere man auch aktiv, dass noch jemand gesucht werde. Aber dann – Fricker hebt die Hände als Zeichen der Unschuld, pardon: als Zeichen der Wir-halten-uns-raus-Doktrin.
Auf die Suche nach Papabili gehen in Oberhof Vereine, Gruppierungen, Einzelpersonen.

Parteien gibt es, abgesehen von einer eher schlafenden SVP-Ortspartei, nicht. Die Namen der Kandidaten, die der Gemeinde bekannt sind, landen als Flugblatt in den Briefkästen der Bevölkerung. Wer später auftaucht, als das Flugblatt von der Gemeinde verschickt wird, macht sich eben via Presse bekannt. Oder «via Mundpropaganda», sagt Fricker, «die ist in einer kleinen Gemeinde wie Oberhof ohnehin zentral».

Bedenkzeit ausbedingen

In der Wahlversammlung schlägt dann die Stunde der Kandidaten – und von Bruno Lenzin. Der Stimmenzähler stellt die Kandidaten vor, fragt: «Gibt es weitere?», schreitet dann zur Wahl.

Bisweilen wird so auch jemand gewählt, der nichts von seinem Glück weiss, der nicht einmal im Saal sitzt. Und dann? «Dann versuchen wir, ihn telefonisch zu erreichen, und fragen ihn, ob er die Wahl annimmt, sie ablehnt oder Bedenkzeit braucht.» Bedingt er sich eine Zeit der Reflexion aus, hiess dies bislang: Es brauchte eine zweite Versammlung. Denn selbst wenn der Angefragte, der Überraschte, nach einem oder zwei Tagen ja sagte – Gemeindeammann und Vizeammann wurden aufgrund des Denk-Intermezzos an der Versammlung nicht gewählt. Ob diese Regelung so beigehalten wird, überprüft die Gemeinde derzeit.

«Das ist ein Nachteil der Versammlungswahl», räumt Roger Fricker ein. Für die Wahlversammlung, die im Aargau noch 9 der 213 Gemeinden praktizieren, fünf davon im Fricktal – für diese «Landsgemeinde im Kleinen» spricht für Fricker, neben der Tradition, dass es ein kostengünstiges Verfahren ist und dass innerhalb von rund drei Stunden sämtliche Behördenmitglieder bestellt sind.

Oder zumindest bestellt sein sollten. Fricker ist zuversichtlich, dass es auch diesmal klappt, dass noch «mindestens ein» Gemeinderatskandidat auftauchen wird. «Wenn wir uns unsere Eingeständigkeit wahren wollen, müssen Leute bereit sein, einen Teil ihrer Freizeit in den Dienst der Gemeinde zu stellen.»

Fricker tut es gerne, seit Jahrzehnten. Trotz der vielen Wahlen, die er bereits durchlebt und gewonnen hat, «eine gehörige Portion Respekt» ist bei ihm auch heute noch vor jeder Ausmarchung dabei. «Wahlen sind unberechenbar», sagt er. «Man kann nie wissen, wie es herauskommt.»

Die Operation «Sturz»

Fricker verstummt, nippt am Kaffee. Die Wand zwischen Küche und Esszimmer ist vollgepflastert mit Zetteln und Telefonnummern. Zuoberst hängt das letzte Gemeindebulletin. Fricker setzt die Tasse ab, lacht. «Theoretisch könnte eine Gruppierung, die geschickt agiert, den Gemeinderat an der Versammlung stürzen.»

Von den 412 Stimmberechtigten nehmen jeweils 70 bis 80 an der Wahlversammlung teil. Mit einer rund 40-köpfigen «Operation Fricker-los» wäre eine Sturzmannschaft also im Rennen.
Das ist aber nicht der Grund, weshalb Fricker dem Instrument «Wahlversammlung» gegenüber persönlich kritisch eingestellt ist. Er argumentiert demokratiepolitisch: «Man verweigert all jenen Stimmbürgern ihr Wahlrecht, die aus gesundheitlichen oder beruflichen Gründen nicht teilnehmen können.» Das sei «stossend».