Wölflinswil

Eine Familie auf der Suche nach ihren Wurzeln

Familie Treier aus dem deutschen Heilbronn forscht im Fricktal nach ihren Vorfahren und wird fündig.

Ungewöhnlicher Besuch weilte in der katholischen Kirchgemeinde Wölflinswil am Samstagnachmittag. Familie Treier aus Deutschland hatte sich angemeldet, um im Kirchenbuch Ahnenforschung zu betreiben.

Seit Jahrzehnten ist die Familie im 300 Kilometer entfernten Heilbronn zu Hause. Ihre Wurzeln aber liegen in Ungarn. Dort, genauer im Städtchen Budaörs, ist am 22. Februar 1765 ein gewisser Friedrich Treier gestorben.

Geboren aber, der Name lässt es schon vermuten, wurde er woanders. Nachforschungen ergaben – in Südbaden oder dem Fricktal. Beide gehörten seinerzeit zum österreichischen Herrschaftsbereich.

Zu diesem gelangten auch die Landstriche, die sich die Habsburger im 18. Jahrhunderts einverleibten – das südliche Ungarn. Öd und leer lagen diese Territorien damals da, verwüstet in den Kriegen gegen die Türken. So siedelte Kaiserin Maria Theresia ihre Bürger dorthin um. Und diese liessen sich die Auswanderung mit Steuerfreiheit und Gratis-Land schmecken – auch Friedrich Treier.

Das fehlende Puzzleteil

«Nein, das muss er einfach sein.» Für Ingeborg Treier-Schwarz, treibende Kraft hinter der Treierschen Ahnenforschung, steht fest: Das ist ihr Friedrich – getauft am 16. September 1695 in Wölflinswil.

Einen solchen Eintrag enthält das alte Kirchenbuch, an dem die Familie lange herum deutet. Gut – eigentlich ist da von einem Fridolinus die Rede, Treier steht mit «y» geschrieben da, und ob sie das Datum richtig entziffert haben, ist auch fraglich. Aber sie trösten sich damit, dass man seinerzeit eben noch keine Rechtschreibung kannte und die Dinge sowieso nicht so genau nahm.

Für die Familie ist das jetzt das Puzzle-Teil, das in der Treier-Chronik immer gefehlt hat. Es fügt sich ja auch gut ein – Tod mit 70 Jahren und deutschsprachiger Einwanderer aus ehemals habsburgischen Gebieten. Und dass er zwischen 1720 und 1724 einen Sohn bekommen hat, was sie zuvor schon wussten, scheint jetzt ebenso plausibel.

100-prozentige Sicherheit gibt ihnen das Wölflinswiler Kirchenbuch nicht. Aber wenn sie so aus dem Fenster des Pfarrhauses schauen, gefällt ihnen beim Blick auf die lieblichen Jura-Hänge der Gedanke, dass die Wurzeln der Familie im Fricktal liegen.

Weitere Gewissheit finden sie auf dem nahen Friedhof, wo sie den Namen Treier ungewöhnlich oft und in allen Kombinationen lesen können.

Sogar ein Fridolin Treier, exakt der selbe Name wie im Kirchenbuch von 1695, liegt dort begraben. So sehen sich die deutschen Familienforscher ein weiteres Mal bestätigt: Unsere rastlose Suche ist zu Ende. Wir wissen nun, woher wir kommen.

Für Franz Treier, Jahrgang 1934, war der 300-Kilometer-Tripp von Heilbronn nach Wölflinswil eine Herzensangelegenheit und ein Geschenk zum 80. Geburtstag. Er und Schwester Maria wissen, was es heisst, wie ihr Vorfahr Friedrich das Zuhause hinter sich zu lassen. Ende 1944 mussten sie mit ihren Eltern aus Budaörs flüchten und alles zurücklassen. Groll aber hegen sie gegen ihre frühere Heimat, wo die Familie seit Generationen lebte, keine. Im Gegenteil: «Wir sind oft dort», sagt Ingeborg Treier-Schwarz.

Besuche im Fricktal

Für die Treiers steht auch schon fest, dass sie künftig öfters ins Fricktal kommen werden. Schon allein das Durchblättern des Kirchenbuches macht Erich Treier neugierig. Vielleicht können sie ja den Blick auf noch ältere Treier-Generationen richten – auf die Eltern des 1695 geborenen Friedrichs oder gar die Grosseltern. «Wir machen auf jeden Fall weiter», kündigt Erich Treier am Ende des anderthalbstündigen Besuchs in Wölflinswil an.

Pfarrsekretärin Trix Lenzin berichtet der Familie noch, dass das Kirchenbuch als Mikrofilm auch im Staatsarchiv in Aarau liegt. Dorthin werden sie das nächste Mal mit Sicherheit gehen. Vielleicht erfahren sie dann auch, was ihren Vorfahren überhaupt dazu gebracht hat, Ungarn dem schönen Fricktal vorzuziehen.

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