Laufenburg
Eine Annäherung an Ernst Jandl mit einem langjährigen Weggefährten

Die Lesung von Jandls Lektor Klaus Siblewski in der Laufeburger «Schüüre» erinnerte an den Dichter, seinen Wortwitz aber auch an seine Beschwerden und Probleme.

Ingrid Arndt
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«Telefongespräche mit Ernst Jandl»: Gelesen von Klaus Siblewski, musikalisch umrahmt von Axel Kuehn. ari

«Telefongespräche mit Ernst Jandl»: Gelesen von Klaus Siblewski, musikalisch umrahmt von Axel Kuehn. ari

Der österreichische Schriftsteller Ernst Jandl wurde im deutschsprachigen Raum vor allem bekannt durch seine experimentelle Lyrik, durch seine visuelle Poesie und seine nicht alltäglichen Lautgedichte, von denen das über Ottos Mops sicher viele kennen. Jandl schrieb Stücke für das Theater, Hörspiele, war als Übersetzer tätig und bis zu seiner frühzeitigen Pensionierung 1979 aus gesundheitlichen Gründen auch mit viel Freude im Hauptberuf Lehrer.

«Die Pensionierung war ein tiefer Einschnitt in sein Leben, eine Zweiteilung», wie sein langjähriger Lektor und Wegbegleiter Klaus Siblewski anlässlich seiner Lesung «Telefongespräche mit Ernst Jandl» in der Laufenburger «Schüüre» am Wochenende betonte. Sarkastisch habe Jandl dazu gemeint, er sei wohl der erste «unfreiwillige freie Schriftsteller» geworden. Seine Spätwerke wurden schwermütiger, aber dennoch stets versehen mit jeder Menge Sprachwitz. Die Einführung in den Abend hatte der bekannten Laufenburger Autor Christian Haller gehalten.

Durch seine schwere Herzkrankheit und die häufigen Spitalaufenthalte konnte Jandl den Kontakt zur Aussenwelt in den letzten Jahren fast nur noch über das Telefon aufrechterhalten. Einige dieser Telefongespräche verbunden mit kleinen Kostproben seiner Gedichte gaben Einblicke in seine Gefühlswelt, versuchten eine Antwort auf die Frage zu geben, warum er fast sein gesamtes soziales Leben auf diesem Weg organisierte.

Die Telefongespräche mit seinem Lektor begannen 1998. In seinem so typischen Sprachstil bittet er Siblewski recht blumig, ihm ein Ohr und sein halbes Herz für einen kurzen Moment zu leihen, um gemeinsam die Möglichkeit zu eruieren, seine Lyrik auch im nichtdeutschsprachigen Raum zu veröffentlichen. Und dabei immer im Auge die Bedenken der Umsetzung zu behalten, zum Beispiel wegen des Konjunktivs. Gips und starker Husten hinderten ihn daran, das selbst zu tun. Er bat den Lektor weiter, ihm bei seinem vehementen Einspruch wegen der unvorteilhaften Veröffentlichung eines Fotos seiner langjährigen Lebensgefährtin, der Lyrikerin Friederike Mayröcker, zu helfen. Niemals habe er dazu seine Einwilligung gegeben. Am besten, befand er mit nachdrücklichem Witz, solle das per Telegramm an den Verlag erfolgen, zu überbringen von seinem Freund und deutschen Politiker Joschka Fischer.

Treffend untermalte der mehrfach ausgezeichnete Jazzmusiker Axel Kuehn mit seinem Saxofon die Lesung. Jandls Gedichte, die an diesen Abend zu hören waren, zeichneten sich aus den fünfziger und sechziger Jahren durch tiefe philosophische Gedankengänge aus, später setzte er sich recht eigenwillig auseinander mit dem «denken müssen, nicht wollen», seinem teils bedrückenden Alleinsein, das aber immer mit dem ihm eigenen Humor. Kleinschreibung und fehlende Interpunktion nutzte er als optisches Gestaltungsmittel, Kauderwelsch und mit vielen Ausrufezeichen versehene einzelne Worte nutzte er für seine pointenreichen Texte.

Vom Krankenbett aus rief er Klaus Siblewski häufig an, bat ihn, alle Termine abzusagen, sprach mit ihm über seine zunehmenden Beschwerden, hatte Probleme, seinen Alltag noch richtig zu koordinieren, war innerlich zerrissen. Einerseits fühlte er sich in den letzten beiden Jahren nicht mehr in der Lage, zu schreiben, anderseits freute er sich aber noch kurz vor seinem Tod darauf, seine Aufmerksamkeit neuen Gedichten zuzuwenden.

Er dachte über das Sterben nach, plante aber auch zukunftsorientiert neue Auflagen seiner frühen Werke. Er war nicht voll informiert über das gesamte Ausmass seiner Krankheit, wunderte sich nur, warum Operationen nicht erfolgten. Ernst Jandl starb am 9. Juni 2000 in Wien.

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