Mal ehrlich: Erinnern Sie sich noch an all Ihre Pläne, die sie 2003 geschmiedet haben, an ihre damaligen Visionen für das Morgen? Nicht? Dann hätten sie es aufschreiben sollen – so wie es die Gemeinden vor 14 Jahren getan haben. Zum 200. Geburtstag des Kantons schenkten sie ihm das «Buch der Visionen der Aargauer Gemeinden». Es ist ein Fundus von Machbarem und Utopien, von Vorsätzen und Realismen; es ist Zeuge einer Zeit, in der Struktur- und Gesellschaftsveränderungen wie die Gemeindefusionen oder die Digitalisierung erst am Anfang standen.

Was ist aus den Träumen und Vorstellungen von damals geworden? Die AZ hat die Wunschliste der damals noch 37 Fricktaler Gemeinden durchgelesen und eine «Top 10» zusammengestellt.

1 Die Eigenständigkeit bewahren

Der Wunsch, auch in 25 Jahren noch eigenständig zu sein, taucht häufig auf. Nicht immer ging er in Erfüllung: Die Zahl der Gemeinden im Fricktal ging seit 2003 von 37 auf 32 zurück. Was dachten jene, die heute fusioniert sind? «Wir hoffen, dass unsere Gemeinde auch in 25 Jahren noch besteht und mit Partnern aus der Region zusammenarbeiten kann», schreibt der Gemeinderat von Sulz. Die Gemeinde fusionierte 2010 mit Laufenburg. Eine Fusions-Vorahnung hatte derweil der Gemeinderat in Oberhofen: «Unsere Gemeinde in 25 Jahren sehen wir in einem Zusammenschluss mit anderen Gemeinden.» Es sollte, ebenfalls 2010, so kommen: Etzgen, Mettau, Oberhofen, Wil und Hottwil schlossen sich zu der Gemeinde Mettauertal zusammen, wobei Hottwil damals noch zum Bezirk Brugg gehörte. «Lasst die kleinen Gemeinden leben», forderte der Hottwiler Gemeinderat fast ultimativ vom Kanton.

2 Selbstbewusst auftreten

Die Wunsch-Schreiben an den Regierungsrat sind auch ein Spiegel der Selbstwahrnehmung der Gemeinden. Sisseln beispielsweise tritt äusserst selbstbewusst auf. «Die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Gemeinde könnten nicht besser sein», heisst es da. «Der Gemeinderat hofft sehr, dass es der kommenden Generation vergönnt sein wird, diese ausgezeichneten Vorgaben mit Erfolg zu verwalten.» Laufenburg sieht sich derweil als «prosperierende Kleinstadt mit Charme». Im alten Gemäuer «der gepflegten Altstadt» wohne und arbeite man gerne, in den Gassen «begegnen sich Touristen, spielen Kinder und Einwohner in einer herzlichen Atmosphäre». Oha, denkt man sich, und will es das nächste Mal bedenken, wenn man durch die Altstadt von Laufenburg schlendert, Ausschau haltend nach der Prosperität, nach den spielenden Kindern.

3 Unwägbarkeiten gehören dazu

Auch gute Vorsätze findet man in den Schreiben zuhauf. Nicht immer konnten sie umgesetzt werden, bisweilen wurden sie durch aktuelle Entwicklungen überholt, waren politischen Stürmen ausgesetzt. So in Eiken. Der Gemeinderat sieht sein Dorf als «Zelle einer solidarischen Gemeinschaft», was Eiken durchaus sein mag. Den Anspruch, «Garantin für klare, saubere und offene Kommunalpolitik» zu sein, vermochte der Gemeinderat indes in den letzten Jahren und Monaten nicht immer zu erfüllen. Streitereien in der Exekutive mit teilweise wüsten Abgängen rüttelten das Dorf durch. Nun scheint mit dem neu gewählten Gemeinderat Ruhe einzukehren. Es ist der Behörde wie dem Dorf zu wünschen, dass die Zeit der Zellteilung vorbei ist und sie wieder besagte «Zelle einer solidarischen Gemeinschaft» wird.

Erfüllt oder nicht? Wir haben ausgewählte Aargauer Visionen überprüft:

4 Das Streben nach Originalität

Viele Gemeinden schreiben nüchtern – man kann sagen: behördlich. «Wir geben Ihnen unsere Wünsche und Vorstellungen für die Entwicklung des Kantons und unserer Gemeinde in den nächsten 25 Jahren bekannt», notiert beispielsweise Magden. Andere bemühen sich um Originalität. Etzgen formuliert seine Vision IN GROSSBUCHSTABEN, Ittenthal bastelte ein Scrabble mit «Vision» und «Ittenthal» als Leitworte. Münchwilen sieht den Aargau als «Standort für die nächste Expo». Der Euro werde zudem als Zahlungsmittel alltäglich, sämtliche Abstimmungen elektronisch möglich und der Strom aus alternativen Anlagen günstiger sein als Atomstrom. Es bleiben ja noch gut sieben Jahre bis zur «Vision 2025», ist man da versucht zu sagen.

5 Platz fürs Nachdenken

Während sich einige Gemeinden, einem Staccato gleich, pragmatisch-kurz halten, schweifen andere ab – und lassen ihren Gedanken philosophisch-freien Lauf. Gipf-Oberfrick etwa. «Unser schönes Dorf soll prosperieren und ausstrahlen, soll Farbe bekennen, ohne zu übertünchen, soll Zähne zeigen, ohne zu beissen, soll nach vorne drängen, ohne vorzudrängen, soll innovativ und frisch die Zukunft angehen.»

6 Die Frage der Anrede

Wie beginnt man ein Visionsschreiben? Die meisten formell mit «Sehr geehrter (Herr) Regierungsrat», einige verzichten auf eine Anrede und Wallbach zeigt sich pragmatisch: «Guten Tag».

Das Buch der Visionen der Aargauer Gemeinden.

  

7 Das Streben nach oben

Mehrere Fricktaler Gemeinden wünschten sich 2003 einen Bundesrat aus dem Aargau. Doris Leuthard scheints gelesen zu haben – und setzt 2006 zum Sprung in die Landesregierung an. Zumindest ein wenig ist sie ja auch Fricktaler Bundesrätin, lebt doch ein Teil ihrer Verwandtschaft in Frick.

8 Mahnende Worte

Es gibt durchaus auch kritische Worte in den Gratulationsschreiben. Man solle nur so viele Projekte starten, wie überblickt werden können, schreibt Hellikon. Denn: «Ein Regelkreis, bei welchem an mehreren Grössen gleichzeitig gedreht wird, wird unstabil.» Gefordert wird von vielen Kommunen der Erhalt der regionalen Vielfalt, auf dass der Kanton «alle seine Randgebiete, insbesondere auch das Fricktal, wahrnimmt und sie gleichberechtigt in seine Entscheidungen einbezieht» (Magden). «Dem Aargau ist es bisher nicht gelungen, im Bezirk Rheinfelden eine mentale Identifikation mit dem Kanton Aargau zu etablieren», bilanziert Möhlin und Laufenburg wünscht sich, dass «die heutigen Zentralisierungsbestrebungen auf die Mittellandachse einer Förderung aller Kantonsteile weichen». Die Gemeinde Wil spricht von einem «Staats-Dschungel», der sich etabliert habe, und schliesst: «Die Strukturen waren damals (1803, Anm. der Redaktion) für Bürger und Gemeinde verständlicher. Sie haben es ihnen auch besser ermöglicht als heute, am ‹Staat› teilzunehmen!»

9 Die Zeit vor der Aargau-Zeit

Natürlich darf auch die eine oder andere Reminiszenz an den Kanton Fricktal nicht fehlen, auch wenn er nur wenige Monate existiert hat. Und es zeigt sich bis heute: Das Fricktal tickt bisweilen eigen.

10 Die Utopien

«Das Fricktal wird mit Aarau durch einen Staffelegg-Tunnel verbunden», schrieb Herznach und setzte ein dickes Ausrufezeichen dahinter. Dafür reichen die sieben Jahre bis zur «Vision 2025» garantiert nicht mehr. Laufenburg, das stets sehr musikalisch unterwegs ist, visionierte derweil: «‹Im Aargau sind zwöi Liebi› wird auch in 25 Jahren noch gesungen, häufig aber in der englischen Version.» Dieser Zukunftsblick, so ist doch zu hoffen, bleibt im Reich der Visionen – zumindest was den zweiten Teil anbelangt.