Ittenthal
Ein Trompetenkonzert weckte in jungen Männern die Lust an Musik

Wo anfangen in der 60-jährigen Geschichte der Musikgesellschaft Ittenthal, die am Samstag das Jubiläum feierte? «Es sind doch erst 59,5», sagt Erwin Näf und lächelt. Aber die Frage bleibt: Wo anfangen?

Nadine Böni
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Hunderte Konzerte hat Erwin Näf in all den Jahren bei der Musikgesellschaft Ittenthal gespielt – 30 Jahre lang mit dem Kornett, seither mit dem Es-Horn. nbo

Hunderte Konzerte hat Erwin Näf in all den Jahren bei der Musikgesellschaft Ittenthal gespielt – 30 Jahre lang mit dem Kornett, seither mit dem Es-Horn. nbo

Einiges gerät in fast 60 Jahren in Vergessenheit, also da, wo die Erinnerung noch so gut wie frisch ist. Denn an einen Moment kann sich Näf auch heute noch ganz genau erinnern: Als Josef Schober, damals Depothalter in Ittenthal, an einer Sprechchoraufführung am Nationalfeiertag 1954 seiner Trompete ein paar Töne entlockte.

Schober, ehemaliges Mitglied der Musikgesellschaft Cazis GR, spielte die Nationalhymne und Näf, damals gerade 17 Jahre alt, war begeistert. Auch rund ein Dutzend andere junge Ittenthaler Männer hegten nach Schobers Auftritt denselben Wunsch: ein Instrument lernen und in einer Musikgesellschaft spielen.

Üben in der Küche

Bei Musikanten des Militärspiels borgten sie sich Trompeten und andere Blasinstrumente. Und was fehlte, fanden sie in Musikgeschäften. Sie zahlten Miete für die Instrumente:
4 Franken im Monat. «Damals eine Menge Geld», sagt Erwin Näf. Er selbst hatte nur 2 Franken zu bezahlen, weil er auf dem Kornett – dem «Bügel», wie er sagt – seines Vaters spielen durfte.

Josef Schober erklärte sich bereit, den jungen Musikanten den Umgang mit den Instrumenten zu lehren, engagierte sich als Dirigent und später als Präsident der Musikgesellschaft Ittenthal (MGI). Er sei der eigentliche Gründer der MGI, sagt Näf. In Schobers Küche entlockten die jungen Musiker dem Blech die ersten schrägen Töne. «Wir übten immer weiter und weiter, weil wir alle einfach möglichst rasch spielen wollten», sagt Erwin Näf.

Erstes Konzert zu Weihnachten

Das taten sie dann tatsächlich. Am 4. Dezember 1954 unterzeichneten ein Dutzend Musikanten die Vereinsstatuten und gründeten somit die Musikgesellschaft Ittenthal.

Schon an Weihnachten folgte der erste Auftritt: In der Mitternachtsmesse spielte der Verein das Lied «O du fröhliche» – nicht einmal sechs Monate, nachdem die Musikanten zum ersten Mal ein Instrument in den Händen gehalten hatten.

Erwin Näf antwortet mit einem Lachen und einem Schulterzucken auf die Frage, wie gut das denn geklungen habe. «Die Leute sind jedenfalls nicht davongelaufen», sagt er. Und das, obwohl die Musikanten ziemlich nervös gewesen seien vor dem Konzert.

Ferienplanung um Auftritte

«Die Nervosität vor Auftritten hat sich gelegt mit den Jahren. Mittlerweile ist sie einer Vorfreude gewichen», sagt der heute 76-jährige Erwin Näf. Hunderte Konzerte hat er in all den Jahren bei der MGI gespielt, 30 Jahre lang mit dem Kornett, seither mit dem Es-Horn. Die Ferienplanung mit seiner Frau Annamarie richtet Näf noch heute ganz nach dem Jahreskalender der Musikgesellschaft. Wochenendausflüge nach Grindelwald, wo ihr jüngster Sohn mit seiner Familie lebt, kommen nur dann infrage, wenn kein Konzert ansteht. Annamarie Näf nimmt es ihrem Mann nicht übel: «Es gefällt mir, dass er Musik macht.»

Nicht ein einziges Mal habe Erwin eine Probe verpasst, weil er keine Lust dazu gehabt habe, sagt sie. Und nur selten sind Termine dazwischen gekommen. Etwas mehr, als ihre drei Kinder noch klein waren, sie sich um die Familie kümmerte und Erwin den Hof mit den Kühen zu bewirtschaften hatte. «Da wurde es etwas schwieriger», sagt Erwin. Aber auch da war die Musikgesellschaft eine willkommene Abwechslung im Alltag, die Musiktage und Reisen schöne Erlebnisse. Erwin Näf will das wöchentliche Ritual mit den Proben nicht missen, die Konstante, die sich durch fast sein ganzes Leben zieht. Dazu gehört auch die Einkehr im Gasthof Sonne nach dem Musizieren – den «Ausgang», wie Näf mit einem schelmischen Lächeln in Richtung seiner Frau sagt. Früher ging er nach solchen Abenden dann manchmal mit kleinen Augen zu den Kühen in den Stall, kurz nach sechs Uhr in der Früh, als der Wecker klingelte. Heute kann er sich länger erholen. «Mit den Proben habe ich die Woche besser im Griff. Da weiss ich immer, dass Montag ist», sagt Pensionär Näf schalkhaft. Denn langweilig wird ihm auch an den probefreien Tagen nicht.

Ihn zieht es oft in den Wald. Im Herbst bereitet er dort 15 bis 18 Ster Holz für die Heizung zu. Und dann noch einmal rund 30 Ster für Freunde und Verwandte. Die ersten drei Tage mache ihm dann der Rücken schon etwas weh, sagt er. Vielmehr nervt es ihn aber, wenn es nicht kalt genug ist und der Schlamm am Holz kleben bleibt, wie es diesen Winter oft geschah.

Maieriesli für Annamarie

Jetzt im Frühling bringt er seiner Frau Annamarie einen Strauss Maieriesli mit. Wenn am Abend eine Probe ansteht, geht sie im Gasthof Sonne jassen. «Solange die Gesundheit noch mitmacht, bleibe ich in der Musikgesellschaft», sagt Erwin Näf.

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