Möhlin

Ein Stück Geschichte auf dem Weg in die Zukunft

Der Heimatschutzpreis geht an die Jakob Müller Immobilien AG für den Bata-Park in Möhlin. Ein Augenschein.

Die Geschichte beginnt mit einer Tragödie. Auf dem Weg in die Schweiz, wo Thomas Bata die erste Fabrikhalle seiner neuen Schuhfabrik in der Bata-Kolonie in Möhlin eröffnen will, stürzt sein Flugzeug ab. Der tschechische Schuh-König ist tot.

Es ist ein rabenschwarzer Dienstag, dieser 12. Juli 1932. Die Welt ist geschockt, steht still, auch Möhlin. Gerade auch Möhlin, denn in die Bata-Kolonie setzt das von der Wirtschaftskrise gebeutelte Dorf immense Hoffnungen. 100 Menschen im Dorf sind arbeitslos. Bei gerade einmal 2800 Einwohnern. Bata soll es richten. Entsprechend kann der Unternehmer auch 24 Hektaren Land erwerben – für einen Franken pro Quadratmeter.

Die Geschichte wird zu einem Erfolg. Die Bata-Kolonie entwickelt sich bis in die 1950er-Jahre sukzessive weiter und wird zu einem mustergültigen Beispiel für das Zusammendenken von Wohnen und Arbeiten, für das Eins-Sein von Freizeit und Berufszeit, von Mensch und Natur.

Sechs Fabrikhallen, ein Direktorenhaus, ein Lager- und Administrationsgebäude, 20 Vier- und Zweifamilienhäuser, zwei Ledigenheime. Eine Stadt vor der Stadt. In den 1960er-Jahren, der hohen Zeit der Schuhkultur aus Möhlin, arbeiten bis zu 750 Personen für Bata in Möhlin.

Hinzu kommen schweizweit 550 Personen im Verkauf. In den 1980er-Jahren bricht die Schuhproduktion in der Schweiz ein, im Januar 1990 wird die Schuhherstellung in Möhlin gestoppt. Das Ende eines Schuhtraums.

Das Ende als Chance, als Vision. Daran glaubte auch der Brite Neal Carter; er wollte im Bata-Park, wie die 1992 unter Denkmalschutz gestellte Kolonie nun hiess, eine virtuelle Universität für 6000 Studenten eröffnen. Möhlin sollte «das Silicon-Valley der Bildung» werden, frohlockte Carter in einem Interview. Well, es blieb beim Wollen. Das Projekt scheiterte ebenso wie das «Factory Outlet Center», ein Einkaufscenter auf 16 000 Quadratmetern Ende der 1990er-Jahre.

Was für eine Generation gebaut wurde, lebt Generationen weiter

Das Ende als Chance, als Neuanfang im Geiste des Bata-Patrons, als Transformation bei gleichzeitigem Substanzerhalt, als Fortschreibung des Arbeits-Wohn-Dualismus. Dies war und ist das Ziel der Jakob Müller AG.

Das Unternehmen aus Frick, das weltweit führend ist in der Entwicklung und Produktion von Bandwebmaschinen, kaufte das gesamte Areal 2005. Eine Zeit lang brachte das Unternehmen ab 2007 im Bata-Park einen Grossteil seiner Produktion unter.

Das ist heute anders. Geblieben ist der Wunsch, die Vision von Bata zu erhalten, zu erneuern. Die Häuser, gebaut für eine Menschengeneration, sollen Generationen von Menschen verbinden.

Sukzessive wird die Substanz erneuert, das Areal weiterentwickelt, das Leben neu orchestriert. In Zusammenarbeit mit Experten, begleitet von Fachleuten entwickelt die Jakob Müller Immobilien AG die Zukunft des Bata-Parks. Es ist eine Erneuerung mit Weitsicht ebenso wie mit Rücksicht auf das Bestehende.

Dieses Engagement zeichnet der Aargauer Heimatschutz mit dem diesjährigen Heimatschutzpreis aus. Verliehen wird er der Jakob Müller Immobilien AG am Samstag in einer Woche «für den vorbildlichen, sorgsamen und verantwortungsvollen Umgang mit dem architektonischen Erbe» des Bata-Parks, einem «bedeutenden Zeugnis schweizerischer Wirtschaftsgeschichte». Die AZ traf Leo Balmer, Regionalberater beim Aargauer Heimatschutz, und Jury-Mitglied Chris Leemann zu einem Rundgang durch den Bata-Park. Sechs Beobachtungen.

Die Modellstadt

«Die Geschichte liegt in der Substanz», sagt Leo Balmer, nippt im Bata-Klubhaus, das im letzten Jahr nach 28 Jahren Dornröschenschlaf als Restaurant und Hotel mit fünf Zimmern neu erwacht ist, an seinem Wasser. Genau dies, der Erhalt der Substanz als Dokument der Zeitgeschichte, einem Dokument, das zugleich voller Leben sein will, voller Leben ist, zeichnet den Bata-Park aus.

Es ist ein ausgeklügeltes System, das zwei der Grundfunktionen menschlicher Existenz, Wohnen und Arbeiten, zum einen trennt, sie aber doch nahe beieinander belässt, ja: sie ineinander verschränkt.

«Es ist eine Modellstadt», sagt Leemann. Das Modellartige zeichnet sich durch eine präzise Strukturiertheit aus, durch eine Formgebung, die vom Drei-Schritt Leben-WohnenArbeiten geprägt ist. Für Letzteres steht unter anderem der Grünraum. «Eine Idee war, die Kolonie als Gartenstadt zu konzipieren», sagt Leemann. Dies bedeutet in der Konkretion: Man muss um jedes Haus herum gehen können.

Noch etwas unterscheidet den Bata-Park, ein Vertreter der konservativen Moderne, vom herkömmlichen Städtebau: Die Siedlung ist nicht im Zwiebelprinzip angelegt, sondern linear strukturiert. Ein Eckpunkt auf dieser Achse ist das Klubhaus, für die Arbeiter von damals ein Treffpunkt, ein soziokultureller Angelpunkt einer Community, die unter sich gelebt hat und gleichzeitig weltoffen geblieben ist.

Der Erhalt

Der Bata-Park ist für Balmer industriegeschichtlich ein einmaliges Objekt im Aargau, «weil es in der ganzen Konsequenz noch da ist», so, wie es bis zur Betriebsschliessung bestens funktioniert hat.

Dieses Pionierhafte sei noch lesbar, sagt Leemann, der froh ist, dass die Jakob Müller Immobilien AG dies weiterdenkt. Dazu gehört, nicht einfach nur nach innen zu verdichten, sondern nach aussen zu erweitern. Vor allem aber lebt der patronalistische Gedanke, der Teil der Gründungsidee war, weiter.

Der Prozess

Dass dieser Weg ins Heute ein anspruchsvoller war, ein langer auch, wissen Balmer und Leemann. Nach der Schliessung der Schuhfabrik nahm die Entwicklung manche Wendung, nicht immer zum Guten. Der Kauf des Bata-Parks 2005 durch die Jakob Müller AG erwies sich dann als Glücksfall für den Park.

«Es war ein kooperativer Prozess mit allen Beteiligten, den es so noch nicht gab», sagt Balmer. Es war denn auch ein Prozess, der Zeit brauchte, was sich in «einem wahrlich grossen Organigramm» niederschlug.

Der Meilenstein

Meilensteine habe es auf dem Weg viele gegeben, sagen beide. Als ganz zentral haben sie die erste Zonenplanrevision erlebt, bei der der Bata-Park einer Spezialzone zugeordnet wurde.

Der Ort

Gefragt nach dem Ort, dem speziellen, der ihnen selber am besten gefällt, muss Leo Balmer nicht lange überlegen. «Der Garten der Direktorenvilla», sagt er. Weil er, inzwischen etwas zugewachsen, einen verwunschenen Eindruck hinterlasse, weil er für das Leben stehe, für die Kraft der Natur.

Leemann hat es der Direktions-Esssaal im Klubhaus angetan, wo immer noch der wuchtige Esstisch steht. Ihn fasziniert, wie Bata seine Arbeiterschaft geformt hat, sie zu Batajanern gemacht, sie eingeschworen hat – und gleichzeitig in einem prunkvollen Esssaal das Direktor-Sein inszeniert hat. Es sind zwei Welten in einer, die im grossen Ganzen auch zu einer verschmolzen sind, aber an einigen Eckpunkten doch noch als zwei Welten erkennbar blieben.

Der Preis

Mit dem Heimatschutzpreis würdigt der Aargauer Heimatschutz die Bereitschaft der Jakob Müller Immobilien AG «für das qualitätsvolle Weiterbauen auf dem Areal, das mit der Sanierung einzelner Gebäude und den gezielten, die Landschaft pflegenden Eingriffen in die Freiräume begonnen hat», heisst es in einer Medienmitteilung. Es gehe darum, «Bravo» zu sagen, so Leemann, einen kurzen Zwischenhalt auf dem Weg in die Zukunft einzulegen und das Unternehmen zu motivieren. «Weiter so.»

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