Fricktal
Ein Roman zwischen Fiktion und Autobiografie

Autor Peter Widmer hat sich einen Wunsch erfüllt und einen Roman geschrieben.

Susanne Hörth
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Autor Peter Widmer in seinem heutigen österreichischen Zuhause. Ho

Autor Peter Widmer in seinem heutigen österreichischen Zuhause. Ho

Ho

Einen Roman schreiben, das wollte Peter Widmer schon lange. Als Autor und Mitverfasser verschiedener Fachbücher über Jagd und Hunde hat er sich bereits einen Namen geschaffen. Es brauchte aber den Rückzug aus der Erwerbstätigkeit und die Auswanderung nach Österreich, um das Roman-Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Erst jetzt fand er die notwendige Zeit und Musse, sich intensiv als Autor von Belletristik zu betätigen. «Zwar waren zirka 100 Seiten Entwurf vorhanden, als ich mich im Herbst 2014 mit Frau und Hunden ins Südburgenland zurückzog. Hier fiel mir auf einmal das zu, wovon ich stets geträumt hatte: Es stand mir fast unbegrenzt Zeit fürs Lesen und Schreiben zur Verfügung.» Ausserdem, so Widmer, hasse er es zutiefst, einmal Angefangenes nicht zu Ende zu führen. «Kommt natürlich hinzu, dass ich den Roman in all den vergangenen Jahren stets in mir mitgetragen, ihn so bewusst und unbewusst weiterentwickelt habe.»

«Gelbe Bären gibt es nicht» schildert, wie ein Junge in vorpubertärem Alter seine Schulferien verbringt. Der zeitliche Rahmen ist abgesteckt durch fünf Wochen in einem Sommer nach der Mitte des letzten Jahrhunderts. Erzählt wird konsequent aus der Sicht von Lukas Winter, der Hauptfigur. Einschneidendes Erlebnis ist ein Zugsunglück im Dorf. Lukas wird, zusammen mit seinem Freund Marcello, Zeuge des Unglücks. Alessandro, Marcellos Bruder, verliert dabei sein Leben. Wie vor allem Lukas mit diesem tragischen Ereignis umgeht, es zu bewältigen versucht, ist im letzten Drittel des Buches zentral.

Die Frage, ob er Lukas sei, beantwortet Peter Widmer zurückhaltend: «Natürlich trägt die Hauptfigur deutliche Züge von mir, und das Umfeld der Geschichte ist bis ins Detail jenes, in welchem ich aufgewachsen bin. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist jedoch die Handlung meiner Fantasie entsprungen.» Die meisten Protagonisten seien zwar aus der damaligen Realität gegriffen, hätten jedoch kaum je so, wie im Buch dargestellt, gehandelt. «Aber, und das war entscheidend für mich, sie hätten so handeln können.» Entstanden ist ein Roman, in dem oft Autobiografisches und Fiktion subtil ineinander verwoben sind.

Lukas hatte als Mittvierziger begonnen, Tagebuch zu führen. «Gelbe Bären gibt es nicht» erzählt aber aus dem Leben des Jugendlichen Lukas. «Der alternde Lukas Winter ist der von mir geschaffene Autor des Romans. Im Prolog erläutert er, wie er überhaupt dazugekommen ist, sich ein Tagebuch anzulegen. Und seine Aufzeichnungen waren es denn auch, die ihn dazu brachten, den Roman zu verfassen», erklärt Peter Widmer.

Winter habe sich entschieden, mit den Erinnerungen, die weit in seine Jugend zurückreichten, etwas zu tun, aus ihnen heraus etwas zu gestalten. Die Idee einer Autobiografie hielt er für lächerlich. So entschloss er sich, eine Geschichte zu erzählen. «Eine von mir erfundene Geschichte, wohlverstanden, deren Handlung sich an meine Jugenderinnerungen anlehnt, so aber niemals stattgefunden hat», betont der fiktive Autor im Prolog. Immer wieder sei er von der Eigendynamik überrascht worden, die sich beim Schreiben entwickelt habe, sagt Widmer. «Da besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen der Erzeugung von Fachliteratur und dem Schreiben eines Romans. Letzteres erweist sich bei aller Mühsal gelegentlich als richtig aufregend, spannend.»

Ein Bekannter, der einen Vorabzug von Peter Widmers Roman zum Lesen bekam, hat spontan beurteilt: «Ich habe die Präzision der Sprache und das Offene, durch das die Gefühlswelt mitschwingt, in ihrer jeweiligen Beklemmung, in der Wucht, im Entsetzen oder im still-erhabenen kleinen Stolz, unverhohlen berührt mitgelebt. Das Buch illustriert für mich auch ein Zeugnis, was die Erwachsenen ihren Kindern mit ihrem erzieherischen Bemühen, die Menschlein aufs Leben vorzubereiten, antun, weil sie ihrerseits sich der Zugänge zu ihren zerschlagenen und vergessenen Träumen nicht mehr erinnern wollen – es täte zu weh. Es hat so was immens Treues und Loyales in jedem jeweiligen Schicksal, so was Wahrhaftiges, wie da im Roman jeder Sürmel, Held, Spinner, Gefürchtete und Bewunderte seine Lebensrolle tapfer erfüllt.»

Peter Widmer meint dazu: «Bedeutung für mich hat nicht in erster Linie, ob dieses Urteil richtig oder falsch, gut oder schlecht ist. Wichtig erscheint mir vielmehr, dass das Buch jemanden auf sehr persönliche Art erreicht und berührt hat. Darauf kommt es an.»