Der Tod. Er ist gewiss, er kommt bestimmt – und immer häufiger auch selbstbestimmt: Die Sterbehilfeorganisation Exit begleitete im vergangenen Jahr fast 800 Menschen in den Tod. So viele wie noch nie. Jahr für Jahr steigt die Zahl derer, die Exit beitreten, an. Im letzten Mai zählte die Sterbehilfeorganisation gut 90 000 Mitglieder – 21 500 mehr als 18 Monate zuvor.

Der Tod. Er ist gewiss, er kommt bestimmt – in dem Moment, in dem er es bestimmt. Bernhard Lindner, 55, kann es sich nicht vorstellen, in den Lauf der Natur einzugreifen. Ganz klar, auch er will dereinst nicht leiden, wer will das schon. Auch er will den letzten Weg im Kreis seiner Familie gehen, wer will das nicht. Auch er will einen «guten Tod», wer nicht. Doch was ist das, ein «guter Tod»? «Für jeden ist er etwas anderes», sagt Lindner.

Für ihn, den Seelsorger und Erwachsenenbildner, gehört das Aushalten des Momentes dazu. Er nennt es «den Tod ausreifen lassen». Für ihn, den Pilger, gehört auf dem letzten Wegstück die Palliativmedizin dazu, jene Medizin also, die nicht mehr heilen will, sondern lindern und dazu einen Mantel (Pallium) um den Patienten legt; jener Ansatz, der nicht auf Teufel komm heraus das Leben verlängern will, sondern der den letzten Lebensabschnitt so lebenswert wie möglich gestalten will.

Exit dagegen ist für den Gemeindeleiter von Oeschgen keine Option. «Ich gebe mein Leben Gott zurück – in dem Moment, in dem es so weit ist.» Wenn jemand dies für sich anders sieht, so respektiert Lindner dies. «Doch mein Weg ist es nicht.»

Netzwerk mit elf Organisationen

Lindner engagiert sich deshalb aktiv in der Hospizbewegung Fricktal, einem Netzwerk aus elf sozialen, kirchlichen und medizinischen Institutionen, die sich dem Grundsatz der Palliative Care verpflichtet haben. Die Hospizbewegung will sichtbar machen, welche palliativen Angebote es in der Region gibt, will aufzeigen, «dass es auch ohne Exit eine gute Begleitung in den Tod gibt», so Lindner, dass selbstbestimmtes Sterben auch ohne Barbiturate möglich sei.

Markus Denger, 68, sieht dies ebenso. 33 Jahre lang führte er bis zu seiner Pensionierung eine Hausarztpraxis in Kaiseraugst. Er war dabei, als der Kanton sein Palliative-Care-Konzept erstellte; er ist dabei beim Hospiz Aargau, wo er seit fünf Jahren im Vorstand mitarbeitet, unter anderem für medizinische Fragen. «Das Hospiz funktioniert sehr gut», sagt er, sagt es mit einem hörbaren «Aber» in der Stimme. «Aber es ist finanziell immer eine Herausforderung, denn das, was Kanton und Krankenkassen zahlen, reicht bei weitem nicht.»

Zu wenig finanzielle Mittel

Das ist bei der Palliativmedizin nicht anders. 350 000 Franken stehen in diesem Jahr zur Verfügung, um das Palliative-Care-Konzept im Kanton Aargau umzusetzen – und dies auch nur dank des Beitrages aus dem Lotteriefonds. «Das reicht nicht weit», weiss Denger. Er schüttelt den Kopf. «Es ist für mich unverständlich, dass bei diesem Bereich derart geknausert wird», sagt er und fügt trocken an: «Sterben kann man doch nicht per Fallpauschale abrechnen.»

Das «gute Sterben» darf die Gesellschaft etwas kosten, ist auch Lindner überzeugt. «Eine Gesellschaft muss den Menschen in all seinen Lebensphasen Würde zukommen lassen und ein gutes Leben ermöglichen.» Das gelte auch für den Tod, «denn das Sterben ist Teil des Lebens».

Angst vor Autonomieverlust

Ein Teil, vor dem sich viele fürchten. Vor dem Leiden, dem Prozess – und dem Verlust der Selbstbestimmung. Ein Weg, Letzteres zu verhindern, ist eine Patientenverfügung. Für Denger, der in seiner Laufbahn als Hausarzt etliche Patienten beim Ausfüllen dieser Formulare unterstützt hat, sind sie «besser als nichts». Nur: «Es kann niemand wissen, wie er reagiert, wenn eine Gegebenheit effektiv eintritt.» Ein zweiter Weg ist Exit und ein dritter, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Genau dies bezweckt die Hospizbewegung Fricktal. Sie nimmt Gesellschaftsströmungen auf und bietet Hilfestellung an. Eine solche Strömung ist der Wunsch, zu Hause sterben zu können. In einem zwölfseitigen Ratgeber leuchtet die Hospizbewegung Möglichkeiten und Grenzen aus. Denger weiss: «Den Wunsch, zu Hause zu sterben, haben viele. Umgesetzt werden kann er aber eher selten.»

Und wenn, dann nur mit guter Vorbereitung – und breiter Unterstützung. Oft lässt der begleitende Ehepartner diese aber nicht zu. «Er begreift nicht, dass er für den Partner nur da sein kann, wenn er zu sich selber schaut.» Viele überfordern sich «und damit ist gar niemandem gedient».

Eine zweite Strömung, welche die Hospizbewegung antizipieren will, ist die Massierung der Beitritte zu Exit. «Dahinter steckt auch eine Angst, die Würde und Selbstbestimmung zu verlieren», ist Lindner überzeugt. Eine Angst auch, anderen (finanziell) zur Last zu fallen.

Informationen vermitteln

Mit Informationen hält die Hospizbewegung dagegen. Sie organisiert am 5. April im Saalbau in Stein einen Vortrag mit Ruth Baumann-Hölzle, Leiterin des Institutes für Ethik im Gesundheitswesen, zum Thema «selbstbestimmtes Sterben». Die Theologin will Antworten auf Fragen liefern wie: Mit wie viel Leiden werde ich sterben? Und: Wie lange dauert der Sterbeprozess? Man wolle zum Nachdenken anregen, so Lindner. Über das Leben. Den Tod. Das Sterben.

Es hat lange gedauert, bis das Sterben der gesellschaftlichen Tabuzone entrinnen konnte. «Als ich vor 40 Jahren als Assistenzarzt anfing, kam es vor, dass man Patienten zum Sterben ins Stockwerk-Badezimmer schob», erinnert sich Denger.

Heute haben die Spitäler Sterbezimmer eingerichtet, und bisweilen gehen sie auch unkonventionelle Wege. Einmal, so erzählt der Arzt, war kein Einbettzimmer im Spital frei. Da fragte der zuständige Arzt kurzerhand die drei Zimmergefährten, ob der Sterbende im Zimmer verbleiben kann. Sie sagten Ja. «Vor 20 Jahren wäre das undenkbar gewesen.»

Sterbehospiz im Fricktal?

Man habe viel erreicht, ist auch Lindner überzeugt. Das Thema Sterben habe im Leben einen Stellenwert bekommen, das Thema «Sterben zu Hause» ebenso. Doch am Ziel sei man noch lange nicht. «Die Organisationen im Fricktal müssen sich noch besser vernetzen», ist der Theologe überzeugt.

Zudem brauche es eine Gesellschaft, die den Sterbenden nicht das Gefühl gebe, ein Kostenfaktor zu sein. Und vor allem brauche es Menschen, die Sterbende auf ihrem letzten Weg begleiten wollen, sei es im Kreis der Familie, sei es als Sterbebegleiter bei «Hospiz Ambulant».

Und, ja, eines wäre schön: «Wenn wir im Fricktal ein eigenes Sterbehospiz aufbauen könnten», sagt Denger. Einen Ort, in dem der Tod das Leben ist.

Selbstbestimmtes Sterben – wie ist das möglich? Vortrag von Ruth Baumann-Hölzle, Leiterin des Institutes für Ethik im Gesundheitswesen, Dienstag, 5. April, 20 Uhr, Saalbau Stein.